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"Lauf um dein Leben": Der Triathlon-Junkie

Er steckte ganz tief im Dreck: Andreas Niedrig war ein übler Junkie, hat sich mit Drogen fast umgebracht. Dann die Wandlung: Er machte einen Entzug und trainierte sich zum Weltklasse-Triathleten hoch. Sein Lebenswerk ist nun unter dem Titel "Lauf um dein Leben" verfilmt worden.

Von Markus Baluska

"Ich will kein Junkie sein", sagt Andreas im Film "Lauf um dein Leben". Da hat er schon die ganze Härte des körperlichen Entzugs von all den harten Drogen hinter sich, ohne die er bis dahin sein Glück nicht finden konnte. In dem Streifen geht es um einen Mann, der sich aus dem Sumpf der Drogenabhängigkeit gerettet hat. "Vom Junkie zum Ironman" heißt das Buch des Weltklasse-Triathleten Andreas Niedrig, dessen Lebensgeschichte der Film erzählt. Und natürlich die seiner Frau Sabine.

Vier Jahre lang hat Produzent Fritjof Hohagen an dem Projekt gearbeitet, dessen Ergebnis seit dieser Woche in den Kinos zu sehen ist. Gemeinsam mit Regisseur Adnan G. Köse hat er das Drehbuch geschrieben und dabei immer wieder nach Details aus dem Leben von Sabine und Andreas Niedrig geforscht. Durch das tiefe Eintauchen in den Stoff und die tolle Besetzung ist ein sehenswerter Film entstanden, der nie kitschig daherkommt und einen großen Bogen um billige Effekte macht. Dadurch entgingen die Filmemacher der Gefahr, aus der Story ein Heldenepos à la Hollywood zu machen.

Jasmin Schwiers überzeugt als Sabine, die sich scheinbar zerreißt zwischen ihrer Liebe zu Andreas und der Einsicht, dass sie mit dem drogenabhängigen Vater ihrer Tochter, der sie ständig belügt, nicht zusammenleben kann. Udo Schenk ist brilliant als Vater, der das Beste für seinen Sohn will aber Gefühle durch Härte ersetzt. Genial auch Uwe Ochsenknecht, der als Coach Oscar immer wieder in der Handlung auftaucht und Sprüche ablässt wie "Wut ist gut, man muss sie nur richtig einsetzen" oder "Das Handtuch kann man hinschmeißen - aber wichtig ist, dass man es wieder aufhebt". Einzig Max Riemelt als Andreas tut sich etwas schwer, die radikale Wandlung vom Junkie zum Spitzensportler immer glaubhaft darzustellen. Er ist gut in den schönen Szenen des Filmes, von denen es einige gibt, aber verbesserungsfähig, wenn er Leiden und Qual mimen soll.

Aus Leidenschaft entsteht Leistung

Andreas Niedrig, der ehemalige Drogenabhängige, der Weltklasse-Ausdauersportler, der Buchautor, ist zufrieden mit dem Film über sein Leben. "Ich bin im Film kein Held, der ich auch nicht sein will", sagt er im Gespräch mit stern.de. Viel wichtiger ist dem 40-Jährigen, dass seine Botschaft rüberkommt: "Jeder kann fast alles schaffen." Der Mann hat alle Höhen und Tiefen des Lebens erfahren und schöpft daraus eine schier endlose Energie. Und eine bewundernswerte Gelassenheit. Niedrig konzentriert sich auf die Dinge, die ihm wichtig sind und betreibt sie mit Leidenschaft. Sein Credo lautet: Aus Leidenschaft entsteht Leistung. Niedrig treibt Sport, weil es ihm Spaß macht. Nur deswegen, ist er überzeugt, ist er so erfolgreich. Obwohl er lange verletzt war und mehrfach operiert werden musste, kam er kürzlich bei einem Wettkampf in Südafrika als neunter ins Ziel. Für knapp vier Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen brauchte er nur acht Stunden und 50 Minuten. Mit dieser Leistung hat er sich die Nominierung für die Langstrecken-Triathlon-Weltmeisterschaften erkämpft.

Dreck und Elend

Trotz 20 Stunden Training in der Woche hält sich Niedrig nicht für besessen von seinem Sport. Ihn treibt es nicht wie viele andere Athleten zur Perfektion. "Wenn ich trainiere, dann trainiere ich, aber danach mache ich etwas anderes", betont er. Liebevoll spricht er von seinen Projekten. Eines davon ist der Film, an dem er mit seiner Frau Sabine von Anfang bis Ende mitgewirkt hat. Ein anderes ist die Stiftung, die er demnächst gründen will. Andreas Niedrig will benachteiligten Jugendlichen helfen, etwas aus ihrem Leben zu machen. Er selbst ist der glaubwürdigste Motivator dafür, den man sich vorstellen kann.

Als Kind war Niedrig bereits ein erfolgreicher Schwimmer. Als Teenager fing er an Joints zu rauchen und fiel in eine Drogenkarriere, deren Dreck und Elend auch im Film kaum darzustellen sind. Ein Selbstmordversuch scheiterte am starken Lebenswillen, den auch das Heroin nicht vollständig berechen konnte. Die Liebe zu seiner Frau und ihre Liebe zu ihm haben ihm geholfen, den Teufelskreis aus Sucht und Beschaffungskriminalität zu durchbrechen.

Jeder kann Erfolg haben

Was folgte, war ein mühsamer und langer Weg zurück in die Gesellschaft. Erst Entzug und Therapie, dann die Suche nach einem Job. Ohne abgeschlossene Berufsausbildung schlug er sich mit Hilfsarbeiterjobs durch, um seine Frau und seine Tochter ernähren zu können. Dabei hatte er ständig die Staatsanwaltschaft im Nacken, denn es drohte ihm eine lange Gefängnisstrafe wegen zahlreicher Vergehen. Damals war Niedrig überzeugt, dass er es schaffen würde: "Ich wollte kein Junkie sein und ich habe entschieden, ein neues Leben anzufangen." Das ist ihm gelungen und er lässt andere durchaus teilhaben an seinem neuen Leben. Er hat hunderte von Einladungen, um vor Schülern über seine Erfahrungen zu sprechen. Kein Wunder, Niedrig ist äußerst kommunikativ, hat viel zu erzählen und kann das auch.

"Man kann nicht immer super sein"

Es ist nicht schwer, ihm abzunehmen, dass er die Menschen liebt, und dass er überzeugt ist, jeder kann irgendetwas besonders gut und kann damit Erfolg haben. Niedrig wirkt auch deshalb glaubwürdig, weil er in seinem Leben genug Mist gebaut hat. "Auch die Schwächen gehören dazu und man kann auch nicht immer super sein", meint er und vergleicht das Leben mit dem Trainingsplan eines Ausdauersportlers. Drei Tage Training, ein Tag Pause, drei Wochen Training, eine Woche Erholung, drei Monate Training, ein Monat Regeneration. "Genau wie im Sport, wo ich nicht jeden Tag Höchstleitungen bringen kann, kann ich auch nicht jeden Tag ein guter Vater sein." Weil er das weiß, nimmt er sich gelegentlich eine Auszeit, "um einglücklicher Mensch sein zu können". Jetzt tut er das bewusst, früher hat er sich mit Drogen abgeschossen.