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M. Beisenherz – Sorry, ich bin privat hier: Es gibt kein richtiges Wählen im falschen – Kalbitz, die AfD und DER Ost-Wähler

Sachsen und Brandenburg wählen neue Landtage. Ein deutlicher Rechtsruck droht. Für Micky Beisenherz ist das nur schwer nachvollziehbar – vor allem wenn man sich als Wähler vor Augen führt, WEM man da eigentlich die Stimme schenkt.

Landtagswahlen Brandenburg und Sachsen

"Nicht alle AfD-Wähler sind schlechte Menschen. Aber alle AfD-Wähler wählen schlechte Menschen", findet stern-Kolumnist Micky Beisenherz 

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Wahlen sind wie Unwetter. Du kannst dir das Unglück schon im Voraus auf der Karte angucken – und bist dann doch überrascht, wie groß der Schaden ist. Genießen Sie diesen Samstag, gehen Sie Kaffee trinken, gucken Sie fern, sprengen Sie ein letztes Mal die Grillparty ihrer Nachbarn mit einem gezielten Polizeiruf.

Spätestens ab morgen früh werden Sie kaum um die Landtagswahlen im Osten herumkommen. In Presserunden wird man darüber diskutieren, warum die AfD speziell im Osten so stark ist, in sozialen Netzwerken werden alle dazu aufrufen, bloß wählen zu gehen und keinesfalls die falsche Partei, spätestens nach 18 Uhr machen sie in Brandenburgs meisten Parteizentralen ein Gesicht wie die Aktionäre der deutschen Bank, Sachsen wird endgültig zum Failed State ernannt, und überhaupt ist irgendwie immer alles wie immer. Nur noch ein paar Prozent schlimmer.

Lediglich bei der SPD sind so ziemlich alle Spitzenkandidaten auf den Parteivorsitz froh, noch nicht im Amt zu sein, um diese neuerliche historische Niederlage auf ihre Kappe nehmen zu müssen. Ach, eigentlich hätte Andrea Nahles auch gerne noch so lange bleiben können, bis dieser Watschn-Triathlon vorbei ist.

Seufz. Naja.

Die AfD zu ignorieren, bringt nichts – sie zu dämonisieren, ist auch sinnlos

Nachdem die dicken braunen Stücke in der Diagramm-Torte halbwegs verdaut sind, streitet man darüber, ob man mit Rechten reden darf, wer genau die Rechten sind und wo "Rechts" überhaupt anfängt. Die stolze AfD schickt Vertreter in Talkshows, was eigentlich gar nicht sein kann, weil man so einer Partei kein Forum bieten dürfe, aber sie ist ja nun mal demokratisch gewählt und wie sollen die Bürger wissen mit wem man es zu tun hat, wenn man sich nicht öffentlich mit der Programmatik der Dackelkrawatten und ihrer Landesvertreter auseinandersetzt.

Diese Partei zu ignorieren, bringt nichts.

Sie zu dämonisieren scheint mir ebenso sinnlos wie das zweifellos gut gemeinte Projekt,  dem potenziellen Rechtswähler/Urnen-Ignoranten davon vorzuschwärmen, "die Demokratie ist weiblich" – was in diversen Landstrichen Sachens oder Brandenburgs das einzige sein dürfte, was überhaupt noch weiblich ist.

Dafür sind in Brandenburg jetzt zunehmend Berliner Besserverdiener da, die man im Tengelmann vor allem daran erkennt, dass sie etwas hilflos nach Hafermilch fragen. Und so richtig schön ist das auch nicht.

DEN AfD-Wähler gibt es nicht

Vielleicht haben viele der Adressaten auch gar keinen Bock darauf, dass die Weiber ihnen jetzt auch noch die Demokratie wegnehmen. Wer weiß das schon. Was wissen wir denn überhaupt?

Es gibt ihn auch nicht, DEN AfD-Wähler. 

Den Abgehängten, den von der Treuhand Traumatisierten, den von der SPD Enttäuschten, den von der "Bild"-Zeitung Verunsicherten, den Aufgehetzten, den Verunsicherten, den Besorgten, die nette Omma, denen die Enkel und Claus Strunz erzählt haben, dass im Freibad der sichere Tod lauert, den Gutsituierten, der im Speckgürtel rund um Berlin wohnt, den Nazi, dem die NPD immer schon ein bisschen zu asi und die Werteunion leider doch ja auch irgendwie noch zu sehr Merkels Partei ist. Es ist ein Gewölle aus verschiedensten Biografien, Befindlichkeiten und Weltanschauungen, das es nahezu unmöglich macht, DEN typischen AfD-Wähler zu skizzieren oder gar in Bausch und Bogen zu verdammen. Was natürlich schade ist, sind wir doch schnell dabei wenn es um Absolutismus und Generalverdacht geht. 

Und natürlich braucht die Zielgruppe dringend mehr von unserer Blasiertheit, Herablassung und fingerfuchtelnder Werteaufstülpung, mit der so ziemlich jedes Thema heute angegangen wird. Hat ja schon super in England, den USA und bei der Europawahl funktioniert.

Warum gibt's jetzt zu dieser Wahl eigentlich keine coolen Hoodies? 

Gerade mal die Hakenkreuzfahne gehisst und schon musst du als Nazi bezeichnen lassen!

Aber wenn man schon nicht genau sagen kann, WER wählt, wäre es vielleicht hilfreich zu wissen, WEN man wählt. Dann hätte diese Kolumne neben dem Ausweis meiner Unbeholfenheit zumindest den Nutzen, Ihnen jetzt sagen zu können, worauf man sich an der Urne einlassen könnte.

Dazu dient ein Beispiel: Andreas Kalbitz, Spitzenkandidat der AfD in Brandenburg und aussichtsreicher Kandidat auf den Wahlsieg, hat 2007 an einem rechtsextremen Aufmarsch in Athen teilgenommen und sich mit 13 anderen deutschen Rechtsextremen in einem Hotel einquartiert, darunter NPD-Chef Udo Voigt. Später hat die Gruppe noch die Hakenkreuzfahne gehisst, um auch ja keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass es sich um Nazis handelt.

Muss man sich mal vorstellen – da hisst du gerade mal die Hakenkreuzfahne und schon musst du dich heutzutage als Nazi bezeichnen lassen! Und der, der da mit marschiert ist, stellt sich jetzt zur Wahl.

Als Ministerpräsident. 

Für eine Partei, die für auffallend viele solcher Figuren eine politische Heimat bildet. In Brandenburg. In Sachsen. Ich finde, zumindest das sollten Sie wissen.

Egal, ob Sie sich abgehängt fühlen, die Politik Angela Merkels beschissen finden, die SPD für Versager halten, der eine Bus nie kommt und sie Angst um ihr Schnitzel haben, weil Christian Lindner das ja jetzt auch schon sagt.

Es gibt immer eine Alternative

Womöglich können Sie das hier auch nur lesen, weil Sie zu einem Bekannten nach Polen gefahren sind, weil der da stabiles Internet hat. Vielleicht war sogar schon mal ein Türke bei Ihnen zum Grillen eingeladen. Und eigentlich sind Sie nur sauer. Auf wen oder was auch immer. Ich weiß es doch auch nicht.

Aber was Sie spätestens jetzt wissen, ist, WER da zur Wahl steht.

Es bleibt dabei: Nein, nicht alle AfD-Wähler sind schlechte Menschen. Aber alle AfD-Wähler wählen schlechte Menschen. Und jetzt können Sie auch nicht mehr sagen, Sie hätten von nichts gewusst.

Es gibt immer eine Alternative. Zur Alternative.