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Reise durch Sachsen: Zwei Welten

Was ist los in Sachsen? Bei den Landtagswahlen am Sonntag erwarten Demoskopen einen Rechtsruck. Woher kommt die Wut auf das System? Eine Reise zu Menschen, die vor allem eines haben: Sehnsucht nach Veränderung. Von Karin Großmann und Axel Vornbäumen; Fotos: Benjamin Zibner.


Blick in die Sächsische Schweiz; die Reporter Karin Großmann von der "Sächsischen Zeitung" und Axel Vornbäumen vom stern

Liebliche Landschaft und herbe Kulisse: Blick in die Sächsische Schweiz (l.), die Reporter Karin Großmann von der "Sächsischen Zeitung" und Axel Vornbäumen vom stern bei der gemeinsamen Recherche in der Neustadt von Hoyerswerda (r.)

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Mehr Westen geht nicht als an diesem Mittwoch im August, hier, tief im Osten. Auf der provisorisch eingerichteten Bühne in einer Tennishalle in Freital steht Waldemar "Waldi" Hartmann und macht mit bajuwarischer Kumpelhaftigkeit Wahlkampf für Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, CDU. Waldi ist eine Figur der deutschen Fernsehgeschichte, seit er 2003 die Schimpftirade Rudi Völlers vor laufender Kamera weitgehend hilflos flankierte, wonach im deutschen Sportjournalismus nur "Scheiße gelabert" werde und er, Hartmann, sowieso schon drei Weizenbier intus habe.

Es war auch ein Akt öffentlicher Demütigung. Hartmann aber machte das Beste draus: Er machte sich zur Kultfigur.

An diesem Sonntag wird in Sachsen und in Brandenburg gewählt, sprich: im Osten. Man muss kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass die Wahlergebnisse die Republik nachhaltig in Wallung versetzen werden, sprich: den Westen.

Hartmann sieht das übrigens genauso. Anfang September zieht er mit seiner Frau nach Leipzig um. Waldi will schon im eigenen Interesse nicht, "dass sich die braune Soße im Freistaat weiter ausbreitet".

Typisch Wessi? Könnte man sagen. Kippt mit dem ersten Grüß Gott seinen gut gemeinten Alarmismus paternalistisch über das Sachsen-Volk.

Und typisch stern. Beginnt den Text über Sachsen mit dem einzigen Wessi, der in der ganzen Reportage namentlich überhaupt auftauchen wird. Gerecht ist das nicht.

Aber fair sollte es schon sein, das Bild von einem Land, das man am Vorabend einer Wahl zeichnet. Selbst dann, wenn ein politisches Erdbeben droht. Wahrscheinlich wird sich in Sachsen mehr als ein Viertel der Wähler für die rechtspopulistische AfD entscheiden, das wäre Volkspartei-Stärke. Ausgerechnet im 30. Jahr nach Mauerfall steuert der Freistaat auf einen Zustand der Unregierbarkeit zu. In der Landesregierung wird zusammenwachsen müssen, was eigentlich nicht zusammengehört, allein um eine Beteiligung der AfD an der Macht zu verhindern. Glaubt man den Demoskopen, könnte es knapp reichen für eine Koalition aus CDU, Grünen und SPD. Sicher ist selbst das nicht.

Kurort Rathen

Sächsische Idylle: der Kurort Rathen

stern

Was ist los in Sachsen? Woher kommt die Wut aufs Establishment, woher die Verachtung für das System, die in Teilen zu einer Abkehr von der Demokratie geführt hat?

Bei der Suche nach Versäumnissen auf dem Weg zur deutschen Einheit hat sich der stern Expertise an seine Seite geholt, von Karin Großmann, Chef-Reporterin bei der "Sächsischen Zeitung", die wie das Wochenmagazin im Verlag Gruner + Jahr erscheint. Gemeinsam mit stern-Reporter Axel Vornbäumen und Fotograf Benjamin Zibner hat sie jenes Bundesland bereist, das ihr Land ist. Ihre Heimat.

Das verändert den Blick, erweitert die Erkenntnis. Man muss sich nichts vormachen, es gibt sie immer noch: die Ost- und die Westsicht. Und es ist auch ein Kampf um Deutungshoheit und Selbstbehauptung.

In Hoyerswerda wird die Architektin Dorit Baumeister sagen: "Man hat noch immer das O davor." Was heißt, man wird noch immer als Ostdeutscher wahrgenommen. Und es heißt auch, dass man damit im Freistaat Sachsen geringere Chancen auf eine Karriere hat. Der Intendant des Staatsschauspiels, der Leiter des Dresdner Kreuzchors, der Präsident der Sächsischen Akademie der Künste – alle aus dem Westen. In diesem Frühjahr waren die Chefsessel beim Sachsenforst und beim Landesamt für Statistik neu zu besetzen. Forstwirtschaft wird in Sachsen seit 1811 gelehrt. Der Neue kommt aus dem Schwarzwald. Das Statistikamt sitzt in Kamenz. Die Neue kommt vom Neckar.

Bleibt alles anders, nach dem Wahlsonntag in Sachsen? Das Reporterteam ist an Orte gefahren, wo vor allem eines zu spüren ist: die Sehnsucht nach Veränderung.

Weißwasser

Rabenau

Man kommt an Petra Köpping nicht vorbei – jedenfalls dann nicht, wenn man sich einen umfassenden Überblick über die vielen Ursachen für die wund gescheuerten Nachwendeseelen im deutschen Osten verschaffen will. Die 61-Jährige, Sachsens Ministerin für Gleichstellung und Integration, hat darüber ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel "Integriert doch erst mal uns!" und ist als Streitschrift für den Osten gedacht. Daraus geworden ist eine Art Otto-Katalog deutsch-deutscher Einheitsversäumnisse, Aufzeichnungen aus dem Abstiegskampf. Auf Seite 33 finden sich die Sätze: "Es wurde keine Trauerarbeit geleistet, und die Menschen wurden selten mit in die Zukunft genommen. Die Niederlage des Staates wurde im Osten in individuelle Niederlagen umgewandelt."

An einem Mittwochabend im August sitzt Petra Köpping im ersten Stock eines schmucken Backsteingebäudes, der Stadtbibliothek von Weißwasser, einem Ort in der Oberlausitz, wo die individuellen Niederlagen zu einer, man muss das so sagen, Massenabwanderung geführt haben. Erst starb die Glasindustrie, demnächst kommt das endgültige Aus für die Kohle. Die Einwohnerzahl Weißwassers hat sich mehr als halbiert. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass die Stuhlreihen an diesem Abend nur spärlich besetzt sind. Es ist ja kaum noch einer da. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Köpping in der SPD ist.

Petra Köpping

Lesung in Weißwasser: Petra Köpping (SPD) berichtet von Demütigungen nach der Wende

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Die Ministerin hat am eigenen Leib erlebt, wie das, worauf man eben noch stolz war, plötzlich nichts mehr wert ist. Als studierte Staats- und Rechtswissenschaftlerin musste sie nach der Wende im Außendienst einer Krankenkasse anfangen, ihr Chef aus dem Westen bezweifelte, ob sie den Job mit drei Kindern überhaupt gewuppt bekomme. In Weißwasser erzählt Köpping vom Promovierten, der Gabelstapler fahren musste, und von den Bergleuten, die Tränen in den Augen hatten, als ihre Förderbrücke gesprengt wurde, um aus den Tagebaugebieten prospektiv "blühende Landschaften" zu machen, womit in diesem Fall tatsächlich mal die Natur gemeint war.

Köpping hat gemerkt, wie der Zeitgeist auf einmal nicht mehr zu den Befindlichkeiten der meisten Bürger passen wollte. "Aus den Bergarbeitern, die in der DDR das Land aufrechterhalten hatten, waren plötzlich die Landschaftszerstörer geworden." Ostdeutsche Geschichte, so ihr Befund, sei bis heute kaum Teil der Gesamterinnerung – und die Deutungshoheit über das, was gut und was schlecht gewesen sei, liege maßgeblich in westdeutscher Hand. Petra Köpping hat bei vielen Sachsen als Reaktion eine "Überidentifikation" mit dem eigenen Leben in der DDR festgestellt, eine Art von Patriotismus, den es so früher gar nicht gegeben habe. Man kann das auch Trotz nennen.

In der Stadtbibliothek von Weißwasser erzählt die Ministerin, wie es zu dem Titel ihrer Streitschrift kam, wie ihr Pegida-Anhänger am Rande einer der Dresdner Montagsdemonstrationen gegen die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel den Satz "Integriert doch erst mal uns" entgegengeschleudert hätten. Fest steht: Das Aufbegehren gegen die Flüchtlingswelle war ein Katalysator für den Rechtsruck im Freistaat. Der alleinige Grund war es aber nicht, was nur Fatalisten für eine gute Nachricht halten mögen.

Vor einiger Zeit hat Köpping jedenfalls einen Brief erhalten. Jemand hat geschrieben: "Wenn Sie mir eine Frau beschaffen, muss ich nicht mehr zu Pegida gehen."

Rabenau

Rabenau

Wenn heute einer auf die Idee käme, einen Polstermöbelbetrieb aufzubauen, würde er einen Arzt rufen, sagt Andreas Käppler. Der Mann weiß, wovon er spricht. Er selbst leitet ja einen. Von 140 Polstermöbelfirmen der DDR blieb nur seine, die in Rabenau. Die kleine Stadt unweit von Dresden hat eine große Tradition im Stuhlbau. Aber das heißt nichts mehr. Was sind 150 Jahre Firmengeschichte gegen 30 Jahre nackten Existenzkampf? Käppler hat nicht gezählt, wie viele Krisen er überstand, seit er in wendeeuphorischer Aufbruchstimmung mit zwei Verbündeten den VEB von der Treuhand übernahm. Damals war die Ansage knallhart: "Sie haben vier Wochen Zeit, zu privatisieren, oder Sie bringen uns die Schlüssel."

Andreas Käppler wird diesen Satz nie vergessen. Trotzdem schimpft er nicht, wie üblich, auf die Treuhand. Für ihn sei es super gelaufen.

Die Ernüchterung kam später. "Ich wusste, dass unsere Produkte nicht marktfähig waren, aber dass wir so weit im Rückstand waren, hätte ich nicht gedacht." Käppler, Werkleiter seit 1988, hatte nicht nur die Produktion umzukrempeln. Er hatte auch zu viele Mitarbeiter. Und keinen Zugang zum Möbelfachhandel, denn plötzlich bestimmten westdeutsche Handelsgruppen, wessen Modelle in die Möbelhäuser kamen. Im Westen war alles eingespielt. Käppler sagt ernüchtert: "Es ist bis heute ein Problem, dass ich Sächsisch spreche."

Er kämpft weiter. Inzwischen gehört das Unternehmen mit 230 Mitarbeitern und fast 5000 Modellvarianten zu den Marktführern bei Funktionspolstermöbeln. Ist das Schlimmste also überstanden? "Das Schlimmste ist jetzt", sagt Andreas Käppler, "und es ist sogar noch schlimmer als zur DDR-Zeit. Damals herrschte die Bürokratie im Betrieb. Heute herrscht sie im Staat."

Käppler spricht von Gängelei und Maßregelung, er spricht von zahllosen Vorschriften und zahllosen Kontrolleuren, die das Einhalten der Vorschriften prüfen. Allein die Elektromotorenverordnung für ein verstellbares Fußteil füllt viele Seiten. "Der Mittelstand war mal das Herzstück der deutschen Wirtschaft, doch das geht alles kaputt. Nur die Großen drehen weiter am Rad. Und dann wundern wir uns über die Verwerfungen, die links und rechts entstehen."

Ministerpräsident Michael Kretschmer

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (r.) in Freital im Gespräch mit den Reportern

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Beim Rundgang durch den Betrieb zeigt der Geschäftsführer auch auf den riesigen ovalen Tisch aus deutscher Eiche, den er hat anfertigen lassen. Hier saß die große Politik. Käppler sprach mit Kohl. Mit Schröder. "Sie wussten, wovon sie redeten. Den Eindruck habe ich von heutigen Politikern nicht mehr." Käppler sagt, dass er sich mal das Programm der AfD angeschaut hat. Und? "Ich finde viele Aussagen bedenkenswert, und ich finde meine liberal-konservative Haltung darin wieder." Er macht eine kurze Pause: "Aber die praktische Politik der Partei ist keine Alternative."

Dieser Mann ist das Musterbeispiel für einen, der an die Leistungsgesellschaft glaubte und sich immer öfter ausgebremst sieht. Er hätte gern einen Betriebskindergarten eingerichtet. "Wir sind schon jämmerlich gescheitert am Abstand der Gitterstäbe." Er würde Migranten anlernen. "Aber ich muss doch erst mal prüfen dürfen, ob sie sich eignen." Er würde gern weiterhin Lehrlinge ausbilden. Doch Sachsen gibt die Ausbildung in seiner Branche an Bayern ab, es sind zu wenige geworden.

Man kann Andreas Käppler wirklich nicht als Wendeverlierer bezeichnen. Im Gegenteil. Ausgerechnet aber bei dem Mann, der es gegen alle Widerstände und Wahrscheinlichkeiten in die Marktwirtschaft geschafft hat, ist die Bitterkeit riesengroß.

Görlitz

Görlitz

Heimat, sagt Jana Krauß, ist da, wo ich lebe. "Wenn Sie wollen, sind Sie hier in einem halben Jahr integriert." Sie hat die Wende als Jugendliche im Spreewald zugebracht, machte in Tübingen ihren Doktor in Biochemie, seit 2014 führt sie die Buchhandlung und das Antiquariat "Art Goreliz" – ein grün-alternatives Kleinod, mittendrin in der rausgeputzten Innenstadt mit ihren Renaissancefassaden. Görlitz – tiefer östlich geht es nicht in Deutschland, die Neiße fließt durch die Stadt, am anderen Ufer liegt das polnische Zgorzelec.

Die Kulisse ist prächtig. Sogar Hollywood hat das schon gemerkt. Tarantino hat hier Szenen von "Inglourious Basterds" gedreht, seine ganz Tarantino-typische Abrechnung mit den Nazis. Brad Pitt war in der Stadt und Diane Kruger.

Jana Krauß sitzt barfuß hinter ihrer Buchladentheke. Es gab eine Zeit, da sind öfter mal, nun ja, Kunden in ihren Laden marschiert, die wollten unbedingt Hitlers "Mein Kampf" haben. Krauß hatte aber nur die kommentierte Ausgabe da – wenn man so will, war das ihr Kampf. Die Kunden zogen wieder ab. Provokationen von ein paar Ewiggestrigen? Jana Krauß zuckt mit den Schultern, anhand ihrer Kundschaft kann sie kein Psychogramm der Görlitzer Stadtgesellschaft entwerfen. Aber es braucht nicht lange, dann hat sie das erste Mal ihr Lieblingswort im Mund. Es lautet: Selbstwirksamkeit. Sie hat bemerkt: Zu vielen sei sie im Osten abhandengekommen, die Erkenntnis, durch eigenes Tun etwas bewirken zu können, für andere, vor allem aber für sich selbst. Jana Krauß sagt: "Das Selbstwertgefühl der Menschen hat sehr stark gelitten."

Links an der Wand von Krauß’ Buchladen steht eine Tafel. "Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit. Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut." Der Mut von damals scheint bei vielen auf der Strecke geblieben zu sein und mit ihm das Gefühl der Freiheit und des Glücks. Jana Krauß sagt: "Die Menschen haben damals nicht nach Demokratie gerufen. Sie haben nach Veränderung gerufen."

Und wenn sie das heute wieder tun? Octavian Ursu spürt die Unzufriedenheit in der Stadt, die nun "seine" Stadt ist. Seit Mitte Juni ist der Rumänien-stämmige CDU-Politiker Oberbürgermeister von Görlitz. Es war knapp. Und es war ein Kraftakt. Die Republik hat mitgebangt, jedenfalls der an Politik interessierte Teil, Medien aus aller Welt waren auch da. Es galt, den ersten AfD-Oberbürgermeister zu verhindern, der Kandidat der Rechten hatte nach dem ersten Wahlgang noch in Front gelegen. Gestoppt werden konnte er nur, weil Mitbewerber verzichteten und Grüne, Linke und SPD zur Wahl Ursus aufriefen. Sogar Hollywood schickte eine Soli-Adresse. Görlitz stand im Scheinwerferlicht, das Image einer ganzen Stadt auf dem Spiel.

In seinem Amtszimmer konstatiert Ursu, dass es auch im 30. Jahr nach der Wende vielen noch immer an politischer Bildung fehle. "Viele verstehen gar nicht, wie die Systeme funktionieren." Octavian Ursu sagt: "Ich bin in einer Diktatur aufgewachsen – wir sollten die Langsamkeit der Demokratie genießen." Man muss das im Zusammenhang zitieren, sonst wirkt das aus dem Mund eines Politikers womöglich wohlfeil.

Ursu hat ja erst angefangen, die ersten 100 Tage sind noch nicht rum. Dafür sind die ersten Hassmails da. Nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke gab es Drohungen, ihm werde es auch so ergehen. Ursu hat sie an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Görlitz. Blaupause für ganz Sachsen an diesem Sonntag? Ein kollektiver Abwehrkampf der Arrivierten gegen dieses diffuse Gefühl der Unzufriedenen, dass sich etwas verändern müsste im Land? Diesem Ruf nach Veränderung, den es schon mal gegeben hat, 30 Jahre ist das nun her.

Berthelsdorf

Berthelsdorf

In Berthelsdorf toben die Enkeltöchter von Andreas Taesler durchs Pfarrhaus. Sie haben viel Platz, um sich zu verstecken. Obwohl Taesler voriges Jahr in Rente ging, darf er mit seiner Familie wohnen bleiben. Die evangelische Kirche besetzt die Stelle nicht wieder. Auch die Kirchgemeinden werden kleiner, seit Tausende in der Nachwendezeit in den Westen zogen.

"Uns fehlt eine ganze Generation", sagt Taesler. "Vor allem die Pfiffigen sind fort. Und viele junge Frauen."

Er kann das im Rückblick verstehen und zählt die Verluste auf: Der Kohletagebau bei Zittau wurde geschlossen, die Robur-Werke stellten die Produktion von Lkws ein, die Textilindustrie brach zusammen. "Man hat sich Werkbänke gewünscht, aber es kamen die verlängerten Ladentheken."

Berthelsdorf liegt in der Oberlausitz im östlichen Zipfel des Landes und hat etwa 1500 Einwohner. In den Vorgärten blühen die Dahlien. Die meisten Häuser wurden renoviert. Nach 30 Jahren kennt ein Pfarrer das Leben dort. Er empfindet einen schmerzhaften Widerspruch: "Es ist vielen Leuten nicht bewusst, wie gut es ihnen geht und dass sie das den großen Volksparteien zu verdanken haben. Sie sind unzufrieden, obwohl viel geworden ist. Mancher sehnt sich heute wieder mehr nach Sicherheit als nach Freiheit. Die Populisten schüren die Ängste."

Taesler beendet den Satz mit einem Gedankenexperiment, das ihm wohl selbst nicht geheuer ist: Vielleicht müsse man den Ruck nach rechts, der durch Europa gehe, erdulden, um später zu begreifen, was man verloren habe.

Dabei hat Andreas Taesler Erfahrung darin, Erhaltenswertes zu bewahren. Ihm ist in Berthelsdorf etwas Außerordentliches gelungen, an symbolischem Ort. Gemeinsam mit vielen Verbündeten rettete er das örtliche Schloss, wo Graf von Zinzendorf 1722 die ersten Glaubensflüchtlinge aus Mähren beherbergte. Hier liegt auch der Ursprung der Herrnhuter Brüdergemeine, berühmt für ihre Adventssterne. 1998 übernahm Taesler mit einem Freundeskreis das Ruinenensemble vom Freistaat, der bei der Treuhand sein Vorkaufsrecht geltend gemacht hatte. Ein Ausnahmefall. "Wir lernten, mit Wundern zu rechnen."

Gut 20 Jahre und drei Millionen Euro Fördermittel später steht das barocke Schloss wie neu in der Landschaft, ein Ort für Konzerte, Ausstellungen und Schulprojekte. Und Andreas Taesler weiß nicht erst seitdem: "Wer etwas gestalten will, hat alle Möglichkeiten."

Hoyerswerda

Hoyerswerda

Hoyerswerda wurde zum Buhmann der Nation. Die Architektin Dorit Baumeister spricht von einer dreifachen Stigmatisierung der Stadt: Hier begannen 1991 die ersten ausländerfeindlichen Übergriffe unter dem anspornenden Beifall der Einwohner. Hier gab es den ersten Bürgermeister der PDS in den ostdeutschen Ländern. Hier wühlten sich Abrissbagger durch Plattenbauten, sobald das Fördergeld dafür eintraf. Diese Ereignisse prägten jahrelang das Bild von Hoyerswerda in den überregionalen Medien. "Man kann doch nicht eine ganze Stadt an den Pranger stellen!", sagt Dorit Baumeister, in ihrer Empörung eine Verwandte im Geist von Franziska Linkerhand, einer Romanfigur der Schriftstellerin Brigitte Reimann.

Der Roman spielt in Hoyerswerda. Mitte der 70er Jahre erzählt er ungewöhnlich kritisch vom DDR-Alltag. Oppositionelle Intellektuelle lasen das Buch wie die Bibel. Baumeister war 14, als sie den Band in die Hand bekam. "Da beschloss ich, Rebellin zu werden."

Man spürt diesen Geist noch Jahrzehnte später, wenn sie beim Stadtrundgang durch die Wohnkomplexe der Neustadt von den Wunden des Ortes und der Menschen spricht. Mit der Schließung des Energiekombinats Schwarze Pumpe verloren 17.000 Arbeiter aus dem Stammbetrieb fast über Nacht ihren Job, weitere aus den Folgefirmen kamen dazu. Die Zahl der Einwohner sank von 71.000 auf etwa die Hälfte. "Das sehen Sie, das spüren Sie, das merken Sie in jeder Familie und jedem Freundeskreis. Aber es wurde durchgeschwiegen."

Dorit Baumeister aber hat dieses Schweigen zu ihrem Lebensthema gemacht: "Mich interessierte es." Seitdem schlägt sie sich mit einem irrwitzigen Widerspruch herum. Während alle Zeichen auf Wachstum stehen, geht es in Hoyerswerda ums Schrumpfen, um "Entdichtung". Was sie meint, zeigt sich beim Blick von dem Hochhaus, das Lausitztower heißt, so wie hier fast alles die Lausitz im Namen trägt – immer in der Hoffnung, es könnte irgendwie identitätsstiftend wirken.

Karin Großmann, Axel Vornbäumen und Dorit Baumeister auf dem lLusitztower; Abriss der Plattenbauten

Mit Architektin Dorit Baumeister auf dem Lausitztower. Der Abriss der Plattenbauten geht weiter

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Vom Lausitztower sieht man den Plattenbau, in dem "Gundi" Gundermann, der singende Baggerfahrer, mal gewohnt hat – und in dem sein Kumpel, mit dem er die Wohnung getauscht hat, nachdem er ihm die Frau ausgespannt hatte, heute tatsächlich noch wohnt. "Gundermann" hat dieses Jahr beim Deutschen Filmpreis abgeräumt – und für ein bisschen Lokalstolz hat das auch gesorgt, hier in "Hoywoy". Vor allem aber sieht man ganz oben vom Tower, dass die Abrissbagger im Zentrum ganze Arbeit geleistet haben – als ob es darum gegangen sei, DDR-Identität kaputt zu machen.

Gesprengt wurde ausgerechnet dort, wo sich die frühe DDR ein anspruchsvolles Bauen leisten wollte. So wurde auch eine Idee zerstört. "Wir hätten eine Verpflichtung gehabt, uns als Pilotstadt der Moderne mit der ästhetischen Sanierung des Plattenbaus auseinanderzusetzen", sagt Dorit Baumeister erbost. "Doch die importierten Architekturbüros aus dem Westen haben die Stadt nicht verstanden, sie sind arrogant über die Geschichte hinweggegangen."

Das, sagt Baumeister, solle nicht noch mal passieren. Gerade hat allerdings Ministerpräsident Kretschmer einen "Innovationsbeirat Sachsen" einberufen – der Vorsitzende ist Präsident der TU München, ein Wessi.

Reporter Karin Großmann und Axel Vornbäumen

Reporter Karin Großmann und Axel Vornbäumen in der Altstadt von Hoyerswerda

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Weil sich die Architektin nicht einfach abfinden mochte mit Schweigen und Scham und den Zeitungsfotos, die Hoyerswerda meist bei Regen zeigten, holte sie mit dem Projekt "Superumbau" immer mal wieder Künstler in die Stadt, die vor allem ein Ziel hatten: ein neues Lebensgefühl zu vermitteln, Selbstbewusstsein und Energie. Es hat funktioniert, sagt Dorit Baumeister. Woran merkt man das? Auf Reisen hätten die Einheimischen früher ihre Herkunft meist verschwiegen. "Jetzt sagen sie wieder: Wir kommen aus Hoyerswerda."

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Zwischen den Plattenbauten eines Wohnkomplexes in Hoyerswerdas Neustadt stehen ungenutzte Wäschestangen in der Augustsonne. Es ist ein guter Ort, Vergangenheit zu erkennen, wenn man so will: Vergänglichkeit, Funktionsverlust – jedenfalls aus Westsicht.

Doch der Eindruck täuscht. Es wird noch Wäsche aufgehängt. Die Architektin widerspricht, und der Reporterin aus dem Osten wäre eine derartige Interpretation erst gar nicht in den Sinn gekommen. Vor der Wahrheit kommt die Wahrnehmung, hat der frühere Bundespräsident Joachim Gauck vor Jahren gesagt. Die prägt die Wahlabende. Am Sonntag, um 18 Uhr, ist es wieder so weit.

Lesen Sie hier weiter:

"Russlandliebe, Protestwähler und Wir-Gefühl – vier Reporter über ihre Heimat Sachsen"


Dieser Artikel stammt aus dem aktuellen stern 36/2019, den Sie hier bestellen oder als digitales Magazin lesen können

 

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