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Vor der Landtagswahl: Russlandliebe, Protestwähler und Wir-Gefühl – vier Reporter über ihre Heimat Sachsen

Sachsen vor der Landtagswahl: Es droht das, was man ein politisches Erdbeben nennt. Woher kommt die Wut? Warum ticken die Uhren dort bisweilen anders als im Westen?  Vier Reporter der "Sächsischen Zeitung" erzählen von ihrer Heimat zum Verlieben – und zum Verzweifeln.

Sachsen: Elbe bei Rathen; Straße in Hoyerswerda

Ein Land zum Lieben und zum Verzweifeln: links ein Blick auf die Elbe bei Rathen, rechts eine Straße in Hoyerswerda

stern

"Was ist los in Sachsen?" Mit dieser Frage machten sich Axel Vornbäumen vom stern und seine Kollegin Karin Großmann von der "Sächsischen Zeitung" auf den Weg, erkundeten das Land und seine Menschen – und auch ihre eigenen Vorstellungen und Vorurteile. Herausgekommen ist die Reportage "Zwei Welten", die von Menschen erzählt, die vor allem eines haben: Sehnsucht nach Veränderungen.

An dieser Stelle erzählen vier Reporter der "Sächsischen", die wie der stern im Verlag Gruner + Jahr erscheint, warum sie sich manchmal über ihre Heimat wundern, was sie sorgt und warum Ost und West mitunter noch immer miteinander fremdeln. Sie schreiben über ein Land zum Lieben und zum Verzweifeln.

Woher kommt die Liebe zu Russland?

Der Politikredakteur Uwe Peter erlebte die gesamte Wendezeit in Moskau, wo er ab 1986 zunächst für eine Gewerkschaftsblatt arbeitete und später für die "Sächsische".

Uwe Peter

Uwe Peter

stern

"Als früherer Moskau- Korrespondent habe ich mich in letzter Zeit ziemlich gewundert, wie viele Russland-Freunde und Putin-Versteher es plötzlich in meiner sächsischen Heimat gibt. Zumal die meisten davon einst ganz sicher keine Anhänger der verordneten deutsch-sowjetischen Freundschaft waren und Russisch für sie – trotz obligatorischen Unterrichts in der DDR – bis heute eine recht fremde Sprache blieb.

Was also ist passiert?

Die Welt hat sich gedreht, ziemlich komplett – jedenfalls aus östlicher Sicht. Manch einer hatte da wohl wenig Lust, sich mitzudrehen. Aus den einstigen Feinden in Washington waren ja damals über Nacht enge Verbündete geworden, aus den Freunden in Moskau auf einmal politische Gegner. Wieder alles von oben verordnet. Und wieder reagiert man hier bockig auf Anordnungen.

Für andere, mit etwas schlichterem Weltbild, ist hingegen klar: Wenn der Mann im Weißen Haus aktuell als böse gilt, muss der im Kreml – als Hauptgegenspieler – natürlich der Gute sein. Nach dem Motto: Schwarz-Weiß erklärt die Welt am besten, Grautöne verwirren nur. Dass Putin einst KGB-Offizier war und dem nahezu gleichen militaristischen Nationalismus huldigt wie sein Ami-Kollege, wird dabei gern ausgeblendet."

Frust-Wähler im Dreiländereck

Die Reporterin Jana Ulbrich arbeitet seit der Wendezeit in Zittau an den Grenzen zu Polen und Tschechien.

Jana Ulbrich

Jana Ulbrich

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"Ich lebe im Dreiländereck, einem kleinen Zipfel Grenzregion ganz im Südosten Sachsens. Den kennt kaum jemand in Deutschland, obwohl er eine grandiose Landschaft und ein reiches kulturelles Erbe zu bieten hat. Aber darauf allein können die Leute hier nicht bauen. Sie fühlen sich am Rande, wirtschaftlich und infrastrukturell abgehängt, von der Leuchtturm-Politik vergessen.

Die jüngste Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft bescheinigt uns keine große Zukunftsfähigkeit. Im bundesweiten Ranking liegen wir unter den fünf am meisten benachteiligten Regionen. Wir haben hier in den 1990er Jahren einen wirtschaftlichen Niedergang ohnegleichen erlebt. Industriezweige mit langer Tradition wurden abgewickelt. Tausende haben über Nacht ihre Arbeit verloren. Kinder und Enkel gingen in den Westen. Schulen wurden geschlossen.

Heute schließen auch die Arztpraxen, weil sich kein Nachfolger findet. Die Grenzkriminalität blüht, während die Polizei jahrelang Personal abgebaut hat. Eine für die Region lebenswichtige Straße wird seit 20 Jahren nicht fertig. Und kaum einer hier kann von seiner Rente noch den Pflegeheimplatz bezahlen. Und jetzt versprechen die Werbeplakate der Sachsen-CDU, die seit 30 Jahren regiert: mehr Polizisten, mehr Lehrer, mehr Ärzte. Wer soll das noch glauben?

Die etablierte Politik ist diesem Landstrich hier gefühlt keine große Hilfe gewesen. Jetzt findet der Unmut ein Ventil: Bei der Bundestagswahl 2017 hat in unserem Wahlkreis jeder dritte Wähler für die AfD gestimmt. Ein bis dahin völlig unbekannter Malermeister hat das Direktmandat gewonnen – und der CDU-Politiker und heutige Ministerpräsident Michael Kretschmer seinen bis dahin stets sicheren Platz im Bundestag verloren. Bei der Europawahl im Mai kam die AfD in manchen Dörfern auf über 40 Prozent. Und auch bei der Gemeinderatswahl in unserem Dorf punktete ein AfD-Kandidat, den vorher so gut wie niemand kannte.

Hier brauchte es nicht das Flüchtlingsthema. Und auch mit rechtsextremem Gedankengut hatte diese Dorf-Wahl nichts zu tun. Sondern mit Frust."

Katja Kipping und Michael Kretschmer diskutieren in der stern-Diskuthek

Lokalstolz oder sächsischer Chauvinismus?

Der Journalist Ulli Schönbach leitet das Redaktionsbüro der "Sächsischen" im Landkreis Bautzen, wo die AfD bei der Europawahl in den meisten Kommunen die Stimmenmehrheit holte.

Ulli Schönbach

Ulli Schönbach

stern

"Anfang des Jahres haben meine Kollegen und ich von einem Bürgerforum berichtet. 900 Menschen drängten sich in einer Kirche in Bautzen. Thema war das aufgeheizte politische Klima in der Stadt. Vor allem zwei Sätze sind mir von diesem Abend in Erinnerung geblieben. Der erste stand am Beginn fast aller Wortmeldungen. Er lautete: 'Ich bin in Bautzen geboren' – ganz so, als wäre die eigene Herkunft für alles ein schlagendes Argument.

Der zweite Satz richtete sich an eine Wissenschaftlerin, vor wenigen Jahren aus Hessen zugezogen, bekannt für ihre Kritik am alltäglichen Rassismus und an der Verharmlosung rechter Gruppen. Eine Frau schleuderte ihr entgegen: 'Wer sind Sie? Gehen Sie wieder!' – Die Menge johlte.

Beide Sätze gehören zusammen: der Stolz auf die Herkunft und der Argwohn gegenüber allem, was nicht von hier kommt, die Überempfindlichkeit gegen Kritik. Für diese Haltung gibt es Erklärungen: die soziale Auslese durch die Abwanderung, der massive Rückbau der sozialen Infrastruktur, die Lohnunterschiede, die Dominanz des Westens im wiedervereinten Deutschland. Aus diesem Gefühl dauerhafter Benachteiligung erwächst das Bedürfnis nach Abgrenzung. Wo früher ein gesunder Lokalpatriotismus vorherrschte, macht sich nun Provinzgeist breit."

Wer ist das Volk?

Der Politikjournalist Ulrich Wolf zog vor 30 Jahren von Bayern nach Sachsen. Für die Berichterstattung über die Pegida-Bewegung erhielten er und seine Kollegen 2016 den "Wächterpreis der Tagespresse".

Ulrich Wolf

Ulrich Wolf

stern

"Februar 2019, Dynamo spielt beim HSV. Mein Bruder, der in Hamburg lebt, ist beeindruckt: von den rund 8000 Dresden- Fans, ihren Choreografien, dem Pyro-Gedöns. 'Und das auswärts am Montagabend.' Mitte der zweiten Halbzeit entrollen HSV-Anhänger auf der Nordtribüne zwei Transparente. Auf einem steht: 'Weg mit Dresden, Sachsen und dem Solidaritätszuschlag.' Die Reaktion der Dynamo-Fans? Sie fassen sich an den Schultern, machen Polonaise und skandieren: 'Ost-Ost-Ostdeutschland.'

30 Jahre freiheitliche Demokratie haben offensichtlich etwas erreicht, was der SED nie so recht gelungen war: die Identifikation ihres Volkes mit Ostdeutschland, eine Art DDR-Nationalbewusstsein. Während in der Bundesrepublik Begriffe wie 'Nation' und 'Volk' fremd klangen, gab es im Osten die Nationale Volksarmee, die Nationale Front, das Haus des Volkes und den volkseigenen Betrieb. Volk und Nation sind – wenn man so will – ostdeutsch vereinnahmt. Sie stiften ein 'Wir'. Genau damit fischt die AfD nun Wähler ab: Nation, Volk, Wir. Ost-Ost-Ostdeutschland.

Meine Frau stammt aus Dresden. Sie ist überzeugt, dass der Kapitalismus den Osten zwar wirtschaftlich gepuscht hat. Ideell aber sei da 'wenig bis gar nichts aus dem Westen' gekommen. Eine gesamtdeutsche Identität gebe es deshalb nicht. Stimmt wohl. Seit Dezember 1989 lebe ich in Sachsen. Die Vorbehalte gegen Westdeutsche sind heute größer denn je, vermutlich gilt das auch andersherum. Hinter dem Streit zwischen Volks-Ossis und Bürger-Wessis steckt letztendlich ein Richtungskampf darüber, wie wir in Deutschland künftig zusammenleben wollen."

Die Schilderungen der vier Reporter stammen aus dem aktuellen stern:

wue