Christian Ulmen "Mir ist vieles peinlich"


Kein zweiter setzt sich im Fernsehen so oft peinlichen Situationen aus wie er: Im stern.de-Interview spricht Christian Ulmen über "Dr. Psycho", seine Abneigung gegen Nacktschwimmen - und verrät, warum ihm vieles peinlicher ist, als alle denken.

Drei Jahre lang war er der Anarcho-Humorist von MTV. Dann kam mit "Herr Lehmann" 2003 die erste Hauptrolle in einem Kinofilm. Während Christian Ulmen in der Serie "Mein neuer Freund" die Grenzen der Peinlichkeit auslotete, brachte er Anfang des Jahres als Polizeipsychologe Max Munzl in "Dr. Psycho" endlich wieder anspruchsvollen Humor ins deutsche Fernsehen. Pünktlich zum Drehstart der zweiten Staffel erscheint die DVD mit den ersten "Psycho"-Folgen im Handel.

In "Mein neuer Freund" haben Sie sich in einer Folge in einem vollen Restaurant in die Hose gemacht. Auch bei "Dr. Psycho" wird man manchmal allein vom Zuschauen rot. Ist Ihnen gar nichts peinlich?

Doch! Auch in "Mein neuer Freund" ist mir vieles peinlich. Ich spiele nur Figuren, denen nichts peinlich ist.

Aber fällt Ihnen das nicht unheimlich schwer? Vor allem, wenn Sie selbst wissen, wie unangenehm Sie gerade sind?

Doch. Aber das ist ja auch die Herausforderung oder der Spaß. Der Kick an dieser ganzen Angelegenheit. Es ist natürlich ein Missverständnis, zu denken, dass ich "Mein neuer Freund" gemacht habe, weil mir selbst nichts peinlich ist. Ich glaube, wenn mir selber nichts unangenehm wäre, würde ich das ja nicht spielen können. Dann wüsste ich ja gar nicht, wann die Schamgrenze erreicht ist.

Was macht Ihnen mehr Spaß: Das nervige Arschloch zu spielen, wie in "Mein neuer Freund", oder den liebenswerten Kerl, wie den Max Munzl in "Dr. Psycho"?

Ich finde ja interessanterweise alle Charaktere aus "Mein neuer Freund" sehr liebenswert. Außer eine Figur, Alexander von Eich, die hat etwas Böses in sich. Aber alle anderen sind einfach nur etwas verquer und bisschen falsch gepolt. Wie Max Munzl auch. Die Freunde und Kollegen von Munzl in der SoKo empfinden ihn als nerviges Arschloch. Das ist er aber nicht! Ich finde das ist eine spannende Tragik: Wenn jemand eigentlich Gutes im Schilde führt, sogar liebenswert ist, und trotzdem gehasst wird, weil er so nervt.

Wie haben Sie sich auf die Rolle des Psychologen Max Munzl vorbereitet?

Ich habe das Drehbuch gelesen und dann versucht, den Text wie eine Partitur zu lesen - nachzuempfinden, wie es der Komponist gemeint haben könnte. Ich habe mir eine Art Singsang dazu überlegt, wie sich der Max Munzl anhören könnte. Das ist alles. Ich brauche ja keine psychologischen Kenntnisse, nur weil ich einen Psychologen spiele. Ich muss ja keine Prüfung ablegen. Ich muss nur Befindlichkeiten und Gefühle kennen. Das heißt, wenn Max Munzel Liebeskummer hat, dann ist für mich interessant, wie sich das anfühlt, wenn Max Munzl Liebeskummer hat - und nicht was Freud dazu sagt.

Und wieviel Christian Ulmen steckt dann letztendlich in Max Munzl?

Ein bisschen was schon, sicher. Was ich manchmal auch an mir feststelle, das ist das Nerven mit übertriebener Genauigkeit. Aber ich kann mich richtig anziehen! Und ich denke, ich weiß auch, wann ich nervig werde! Das ist etwas, was Max Munzel nicht hat. Er spürt nicht, wann er nervt.

Haben Sie privat auch Ticks oder Neurosen?

Ja sicher. Nicht im pathologischen Sinne, aber durchaus: Ich gehe zum Beispiel nie ins Kino, weil es da immer so laut ist. Und ich bade öffentlich auch nicht nackt!

Warum?

Weil ich das nicht sehen mag bei anderen und es deswegen selbst auch niemandem zumuten möchte, ihm meinen Hoden ins Gesicht zu hängen. Also in erster Linie mache ich es nicht, weil ich es bei über 90 Prozent der Nacktbader hässlich und deshalb anmaßend finde, sich nackt auszuziehen. Macht schon Sinn, dass sich die Joops und Hugos dieser Welt Kleider ausdenken. Jemand anderen mit seiner Nacktheit zu penetrieren, das finde ich ganz anstrengend.

Von Kritikern wurde die erste Staffel von "Dr. Psycho" gefeiert. In diesem Jahr bekamen Sie den Bayerischen Fernsehpreis als Bester Schauspieler in einer Serie. Die Einschaltquoten blieben allerdings stets überschaubar...

Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Für mich ist Quote sowieso Lotterie. Ich kann vorher nicht sagen, was erfolgreich wird und was nicht - und warum. Marktanteile sind sowieso immer eine seltsame Geschichte. Ich glaube aber, wenn man mit etwas, das andersartig und neu ist, bei rund einer Millionen Zuschauer liegt, dann ist das schon okay. Für mich jedenfalls.

Was halten Sie denn vom aktuellen TV-Programm?

Ich konsumiere wahnsinnig gerne Fernsehen! Aber zurzeit bin ich auch diesem DVD-Kauf verfallen und gucke viele Serien auf DVD.

Zum Beispiel?

Jetzt habe ich gerade "Weeds" zu Ende geguckt. Davor sah ich "Entourage", davor "Extras". Davor sah ich "Six Feet Under" und hin und wieder "24". Auch mal ein paar Folgen von "Dr. Psycho" äh... "Dr. House" (lacht). Es geht mir zurzeit so, wie offenbar sehr vielen anderen Leuten auch. Die Serie ist das neue Kino, wie schon eine große Zeitung titelte ...

Woran liegt das?

Naja, dieses gebündelte Gucken, das ist schon sehr angenehm. Sich selber entscheiden zu können: Guckt man jetzt noch eine Folge oder geht man ins Bett. Und die Figuren wachsen einem viel stärker ans Herz, als bei einem Film. Bei "Six Feet Under" ist es so, dass das Ende - ohne dem Leser etwas verraten zu wollen - ja deshalb so wuchtig ist, weil man über eine lange Zeit hinweg mit den Figuren mitgegangen ist. Die haben einen ja über Wochen jeden Abend begleitet. Und was dann mit denen passiert, hat noch eine stärkere Kraft, als bei den Figuren in einem Kinofilm, die man nur an einem Abend zwei Stunden lang sieht.

Mit Ihrer MTV-Show "Unter Ulmen" kamen Sie jahrelang regelmäßig in die Wohnzimmer der Zuschauer. Vermissen Sie diese Zeit?

Manchmal ja, weil ich meine Sendung ja selbst produziert habe. Und den Zustand der Allmacht, der ja beim Schauspielen überhaupt nicht da ist, den vermiss ich schon manchmal.

Was halten Sie von Ihren Nachfolgern auf MTV und VIVA?

Ach, das hat ja immer etwas mit den Zeiten zu tun, in denen man unterwegs ist. Zu meiner Zeit lag eine größere Aufmerksamkeit auf MTV. Da hast du als Moderator ein größeres Forum gehabt. Heute weiß ich gar nicht mehr, wer alles moderiert. Früher hatte man die ja irgendwie alle auf dem Schirm.

Kleiner Tipp: Heute sind es Moderatoren wie Gülcan oder Patrice. Was würden Sie denen gerne mal mit auf den Weg geben?

Letztlich würde ich raten, nicht auf Tipps zu hören und zu machen, was man selbst im Fernsehen vermisst. Mit einer Form von eigenem Anspruch aufzuwarten! Sich vor allen Dingen nichts sagen lassen und nicht auf diesen Programmdirektoren-Rat hören: "Sei einfach du selbst." Weil: Erstens ist nichts langweiliger, und zweitens geht das gar nicht, man selbst zu sein vor einer Kamera. Das ist immer Inszenierung.

Also waren Sie nie Sie selbst bei MTV?

Genau. Niemand ist er selbst im Fernsehen. Das ist höchstens eine Facette. Eine Vorstellung dessen, was man im Fernsehen sein möchte. Aber wenn 20 Scheinwerfer auf dich gerichtet sind und jemand von 10 bis 0 rückwärts zählt, und bei 0 bist du live in Deutschland auf Sendung, in dem Moment bist du nicht du selbst. In dem Moment befindest du dich in einem absolut künstlichen Raum, in dem du eine Sendung stemmen und Leute unterhalten musst. Du selbst bist du zu Hause beim Eierkochen.

Sie kochen Ihre Eier in Potsdam. Dort wohnen Sie mit Frau und Kind fern vom Berliner Großstadttrubel. Sind Sie etwa spießig, Herr Ulmen?

Nun, es ist nicht das Pete-Doherty-und-Kate-Moss-Leben, es ist noch viel wilder! Mit dem Begriff "Spießer" weiß ich immer nicht so richtig was mit anzufangen. Ein Spießer ist ja jemand, der intolerant ist. So bin ich eigentlich nicht.

Wie sieht die Zukunft von Christian Ulmen aus? Wird es neue Folgen von "Mein neuer Freund" geben?

Nein, zumindest nicht in der Form. Aber ich denke darüber nach, vielleicht mit ein paar der Charakteren aus "Mein neuer Freund" nochmal etwas zu machen. Aber erstmal bin ich jetzt ein halbes Jahr mit "Dr. Psycho" beschäftigt.

Harald Schmidt ist gerade 50 geworden. Wäre die Nachfolge nicht auch was für Sie?

Also Late-Night-Moderator will ich wirklich überhaupt nicht werden. Ich habe jetzt schon so lange moderiert. Das gibt mir eigentlich nichts mehr. Vielleicht würde ich es als Figur machen. Als fiktive Figur eine Late-Night-Show moderieren. Unter eigenem Namen mit Haut und Haaren vor die Kamera treten, das macht mir momentan keinen Spaß mehr.

Interview: Katharina Miklis


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