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Der dritte Streich sitzt: Schweizer "Tatort" mit bester Aussicht

Der erste Versuch war ein Flop, der zweite schon erheblich besser. Mit dem gelungenen dritten "Tatort"-Beitrag ist das Schweizer Fernsehen nun endgültig in der renommierten Krimi-Reihe angekommen.

Schweizerischer kann ein Mord kaum inszeniert werden: Ausgerechnet am 1. August, dem Nationalfeiertag der Eidgenossen, fällt eine Leiche mit Messerwunden an den Händen aus einer Seilbahn in den atemberaubend schönen Bergen am Vierwaldstättersee.

"Hanglage mit Aussicht" heißt der neue Schweizer "Tatort" an diesem Sonntag (20.15 Uhr) in der ARD. Trotz des eher nach Jodelfolklore klingenden Titels ist Regisseurin Sabine Boss ein echter Krimi gelungen. Nach dem Fehlstart mit "Wunschdenken" und dem Achtungserfolg mit "Skalpell" hat sich das Schweizer Fernsehen nun wohl endgültig in der anspruchsvollen "Tatort"-Reihe etabliert.

Das Opfer ist ein stadtbekannter Playboy-Typ aus den Luzerner Millionärskreisen. Der Täter scheint rasch festzustehen: Der oft jähzornige Bergbauer und Besitzer eines überschuldeten Ausflugsrestaurants auf der malerischen Wissifluh, einem Höhenzug mit Traumaussicht über dem See.

Angst vor der Zerstörung Schweizer Landschaften

Besonders aufmerksame Krimi-Fans können allerdings schon bei der Start-Szene ahnen, dass es hier um mehr geht als um die Affekthandlung eines eigenbrötlerischen Bergbewohners. Da betont der arrogante Schnösel Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu), ein Regierungsrat, in seiner Rede zum Nationalfeiertag: "Die Schweiz gehört uns allen." Eine Art Schlüsselsatz, wie sich dann zeigt.

Seit etlichen Jahren wird in dem Alpenland immer wieder heftig darüber diskutiert und gestritten, dass superreiche Ausländer begehrte Grundstücke kaufen - für mondäne private Feriendomizile oder als Investitionsobjekte. Angst vor der Zerstörung Schweizer Landschaften durch immer neue Siedlungen, vor Spekulanten und auch vor "Überfremdung" spielen eine Rolle.

Daran musste Drehbuchautor Felix Benesch denken, als er vor Jahren auf der Wissifluh stand, die Aussicht genoss und bemerkte, dass dort oben immer noch nur ein recht einfaches Berglokal stand. Wie bringt man einen bodenständigen Schweizer Bergbauern dazu, ein solches Filetstück von Immobilie für einen Apfel und ein Ei zu verkaufen?

Erpressung und Mord

Daraus strickte Benesch einen spannenden Fall von Erpressung und Mord. Sicher, man hätte den Stoff auch noch eine Spur packender inszenieren können. Aber Schweizer sind nun mal gründlich nachdenkende Leute - und warum sollte man das nicht auch einem Schweizer Krimi anmerken?

Ein Glück, dass Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) den scheinbar erdrückenden Indizien nicht traut. Schritt für Schritt kommen miese Deals Schweizer "Ansiedlungsspezialisten" mit ausländischen Geschäftemachern zum Vorschein. Flückiger widersetzt sich dem Drängen von oben nach raschen Resultaten. Und er bringt den Luzerner Kripo-Chef einem Wutanfall nahe, als er gar den Regierungsrat persönlich vorlädt, weil der vermutlich Dreck am Stecken hat.

Soviel Mut trägt ihm Achtung und Zuneigung seiner Co-Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer) ein. Schön zu sehen, wie die beiden inzwischen von Mal zu Mal vertrauter miteinander umgehen, mehr vom "Ich" ihrer Rollen ausleben dürfen, auch mal im Streit. Und wie sie mit privaten Vorlieben und Schwächen immer stärker wiedererkennbar werden. Auch das hilft, den Schweizer "Tatort" zu einem festen und beliebten Standbein der TV-Reihe zu machen.

Von Thomas Burmeister, DPA / DPA
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