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TV-Kritik "Der Klügere kippt nach": So sexy wie Jörg Wontorra

Von "Sauf-Fernsehen" war vorher die Rede. Doch beim Auftakt der neuen Show von Hugo Egon Balder wurde nicht übermäßig gebechert, sondern unterirdisch geplaudert - mit einer peinlichen Protagonistin.

Von Mark Stöhr

Hella von Sinnen, Hugo Egon Balder und Wigald Boning kippen sich einen hinter die Binde

Hella von Sinnen, Hugo Egon Balder und Wigald Boning kippen sich einen hinter die Binde

Ungefähr nach einer halben Stunde schrieb einer auf Twitter: "Gebt der Dicken Lokalverbot!" Das war noch, bevor Hella von Sinnen Hitler imitierte. Aber nachdem sie Bernhard Brink angebrüllt hatte: "Was? Deine Mutter lebt noch? Hat die dich mit 14 bekommen?" Zu dem Zeitpunkt wussten bereits alle, die es noch nicht wussten, dass auch Frauen "abspritzen". Von Sinnen, die rheinische Brüll-Wurst, krakeelte noch einen oben drauf: "Und was da rauskommt, ist keine Pisse."

Mein lieber Osterhase. Das war ja mal ein ganz faules Ei, das uns zum Ausklang der Feiertage ins Nest gelegt wurde: die Wiederauferstehung von drei Zombies aus der Pionierzeit des Privatfernsehens. Hugo Egon Balder gab den schlurfenden Kneipenwirt, der müde über seine Brillengläser hinweglinste und ab und zu eine Runde Eierlikör reinreichte. Wigald Boning war eigentlich als Moderator gedacht, wurde jedoch von Minute eins an von Hella von Sinnen in Grund und Boden gebulldozert, diesem ewig sabbelnden Faktotum, das schon in den 80er Jahren nie lustig war, immer nur laut.

Die spießigste Form des Die-Sau-Rauslassens

Der Plan der Drei war: Mal wieder so richtig die Sau rauslassen. Wie früher, als die Regellosigkeit von Shows wie "Alles Nichts Oder?!" oder "RTL Samstag Nacht" neue Standards im Fernsehen setzte. Bloß was damals anarchisch war, ist heute arschlangweilig. Zumal sich Balder und Co. auch noch für die spießigste Form des Die-Sau-Rauslassens entschieden: die Sauferei. Ein Protest gegen die epidemisch grassierende politische Korrektheit sollte das sein. Wie arm. Und so sexy wie Jörg Wontorra.

Da passte es gut ins Bild, dass das Ganze in einem Laden an der Reeperbahn stattfand, in dem sich üblicherweise Reisegruppen aus Nordrhein-Westfalen ihr Kiezfeeling abholen. Balder ist Teilhaber des Etablissements. Seit 2008, ist zu lesen, versuchte er, sein Showkonzept an den Mann zu bringen. Der Münchener Winzsender Tele5 schlug schließlich zu. Den kann man als DVB-T-Nutzer nur ruckelfrei empfangen, wenn man die Antenne an der Außenseite des Balkons nach Südwesten hin in einem 67-Grad-Winkel anbringt. Dann nicht mehr bewegen.

Doch das machte nichts. Man befand sich ohnehin die ganze Sendung lang im Zustand der Schockstarre. So dünnbrettbohrerhaft war diese Stammtischgesellschaft, so nullniveaumäßig, so fast schon erbarmungslos schlecht. Sadomaso, Squirting, Männerbärte, der 85. Geburtstag von Helmut Kohl, Griechenland, die RTL-Neuverfilmung von "Winnetou" – es wurde querbeet gequatscht und über nichts geredet.

Witze aus der Abteilung Ü60

Irgendwann – man fasste es nicht – fing Bernhard Brink allen Ernstes vom Germanwings-Unglück an und beschwerte sich bei Gott darüber, dass er die Cockpittür nicht geöffnet habe. Betretene Stille im Publikum. Das war schon schlimm. Noch schlimmer war jedoch der anschließende theologische Brachialritt von Hella von Sinnen, die sich "ihren Gott" nicht vermiesen lassen wollte. "Haltet mir den Gott da raus!", brüllte sie, dass die Biergläser vor ihr zitterten. Brink relativierte daraufhin seine Kritik: "Gott hat mich während meines Abiturs in Mathe hängenlassen."

Der Schlagersänger, der in seiner langen Karriere nie einen Nummer-eins-Hit landen konnte, kam wie ein alter Diesel nur schwer in Gang. Als er irgendwann Fahrt aufgenommen hatte, zeigte er, was er drauf hat. Erst parodierte er Helmut Kohl, dann Willi Brandt. Als ein Comedian namens Ingmar Stadelmann, der ebenfalls zu Gast war, sich über den sexuellen Mehrwert seines Dreitagebartes ausließ ("Bärte sind Orgasmusbeschleuniger"), konterte Brink geistesgegenwärtig mit einem Witz aus der Abteilung Ü60: "Der hat bei der Geburt den Rahmen mit ausgerissen."

Fernsehbühne von Sinnen

So wurde unter dem Mantel des Becherns eine Geschmackslatte nach der anderen gerissen. Beim Thema SM-Praktiken spekulierte die Runde darüber, ob sich Alice Schwarzer vielleicht just in diesem Augenblick auspeitschen ließ, weil Unterwerfung ja gerade ein Ventil für starke Frauen sei. Eine These von – natürlich – Hella von Sinnen, die – natürlich – mit der "Emma"-Herausgeberin befreundet ist. Und mit Jürgen Domian Abitur gemacht hat. Und Helmut Kohl hat sie bei einer Preisverleihung die Hand geschüttelt und dabei festgestellt, dass er "schöne lange Augenbrauen" hat. Aha. Da hatte jemand die große Fernsehbühne offenbar mal wieder dringend nötig.

Eines muss man der 56-Jährigen allerdings zugute halten: Sie langte als einzige an der Bar richtig zu. Auch dem Thema Toyboys gegenüber zeigte sie sich durchaus aufgeschlossen. Zumindest theoretisch. "Wenn ich einen Hauch heterosexuell wäre, würde ich mir einen knackigen 20-Jährigen auswählen", sagte sie. Fragt sich nur, ob das der junge Mann umgekehrt genauso sehen würde.