HOME

Der Moderatorencheck: Tough, telegen, talentiert

Bisher ist sie eher noch ein unbeschriebenes Blatt: Carmen Miosga hat das Medienmagazin "Zapp" des NDR moderiert. Jetzt präsentiert sie die Kultur für die gesamte ARD als neue Moderatorin von "titel, thesen, temperamente".

Von Michael Rossié

Bisher konnte ich auf die Frage nach einer guten Moderatorin (besser Anmoderatorin) eines Magazins im deutschen Fernsehen nur ein bisschen verquält mit den Schultern zucken. Das Ablesen von Texten von einem Teleprompter ist nicht wirklich schwer, aber es wollte mir niemand einfallen, der das einigermaßen natürlich hinbekam. Jetzt weiß ich jemanden: Carmen Miosga! Seit dem 30. April werden die sechs Kulturmagazine der ARD am Sonntagabend von einer einzigen Moderatorin präsentiert. "One Place, one face", sagt der Sender. Und so reist Frau Miosga jede Woche für "titel, thesen, temperamente" zwischen sechs ARD-Anstalten hin und her.

Die Ankündigung, kein tätowiertes Lächeln aufsetzen zu wollen, hält sie tatsächlich ein. Sie lächelt da, wo es hingehört (und zwar nicht anbiedernd überfreundlich, sondern verschmitzt und charmant), ist manchmal wunderbar ironisch, baut wörtliche Rede ein und auch mal einen Ich-Kommentar ("Der Film brachte mich zum Heulen"). Nicht einmal der obligatorische Seitenhieb auf das südlichste Bundesland fehlt (Tanztherapie in der Schule gibt es sogar in Bayern). Dabei ist sie ganz locker, unaufgeregt und sympathisch. Auch schwierige Eigennamen spricht sie sicher und kompetent aus. Möglicherweise tut sie ja nicht nur am Ende des Beitrags so, als habe sie ihn gerade live im Studio gesehen, sondern sie hat ihn wohl tatsächlich gesehen. So sollte in meinen Augen Fernsehmoderation immer sein.

Natürlichkeit macht gute Moderatorin aus

Ihre Sprechweise ist eben gerade nicht geschliffen, wie ihr das Kritiker wohl mal bestätigt haben. Da wird auch mal ein Buchstabe verschluckt ("Gu’nabend auf’m Rasen") oder Sätze sind unvollständig ("Ist wohl die Einzige!"). Aber gerade diese Natürlichkeit macht eben eine gute Moderatorin aus. Ein ganz normaler Mensch macht uns auf ein paar spannende Beiträge aufmerksam. "Der Film geht so:..." oder "Kunst, die rumsteht" oder "die Muckibude", das sind Formulierungen, so wie wir alle eben reden.

Angenehm flapsig

Und auch wenn es um etwas so Hehres wie die Kultur in der ARD geht, alle Achtung vor dem Mut, trotzdem ganz normal zu sprechen. Bei der Formulierung "Jetzt ist Essen mit dem gesamten Pott Kulturhauptstadt geworden" - schnell dahingesagt - muss ich allerdings einen Moment nachdenken, wie sie das gemeint hat. Aber immer noch besser als ein gestelztes Akademikerdeutsch, was niemandem gefällt, vor allem nicht den Akademikern.

Satz-Ungetüme nur mit Teleprompter zu bewältigen

Ein paar Betroffenheitspausen im Gedanken ("Dafür aber – mit ziemlich erschreckenden Bildern.") benutzt sie, wenn es sehr ernst wird, aber ansonsten stimmt jede Pause, jede Betonung, und sie denkt alles, was sie uns da sagt.

Da sie angibt, selbst zu schreiben, kreide ich ihr ein paar Satz-Ungetüme an ("Wie bringt also der britische Tanzpädagoge und Choreograph Royston Maldoon Jugendliche dazu, so was uncooles zu tun wie zu tanzen, das auch noch gerne und obendrein zu einer Musik, von der die Schüler nicht einmal geahnt hätten, dass es sie gibt?"). So was klappt nur, seit es den Teleprompter gibt (den ja offiziell kaum jemand benutzt). Glücklicherweise kommen solche Sätze aber nicht mehr als ein- oder zwei Mal pro Sendung vor.

Ohne quotenkämpferische Note

Frau Miosga lässt sich Zeit, und man lässt ihr Zeit. Der Cutter schneidet ihr nicht jeden Einatmer weg, und so kann man dem späten Sonntagabend entsprechend beim Zusehen wirklich entspannen. Die Qualität der Beiträge wird auch ohne künstlichen Druck und ohne quotenkämpferische Note bemerkt.

Unmotivierte Achsenwechsel

Im Gegensatz zum ZDF muss sie sich nicht ständig mitten im Satz zu einer anderen Kamera drehen, sondern nur zwischen den Sätzen, aber vielleicht kann sie ja bald alle gastgebenden Sender davon überzeugen, wie unsinnig diese unmotivierten Achsenwechsel sind. Da sollte einfach mal jemand die Sinnfrage stellen.

"Wiedersehen!", sagt sie zum Schluss ganz locker und freundlich. Aber gerne! Und nebenbei gesagt: Obwohl ich ja eigentlich nur wegen der Moderation geguckt habe, an so manchem Beitrag bin ich hängen geblieben. Also: Sonntags, ARD, 23 Uhr.

Themen in diesem Artikel