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Erste Mottoshow 2008 bei "DSDS": "Fliegenfurz" und schmieriges Ende

Thomas Godoj festigt seinen Favoritenstatus, Darling Rania darf bleiben, Will-Smith-Lookalike muss gehen: Allmählich gewinnt das "DSDS"-Kandidatenfeld Kontur, und die Songs dominieren über die Jury-Sprüche. Schmachtballaden stehen an, Bohlens despektierliche Sprüche bleiben, und Schreyl ist unerträglich.

Von Peter Luley

Man muss ja froh darüber sein: Spätestens mit der gestrigen ersten Mottoshow ist nun auch die fünfte Staffel des RTL-Wettsingens "DSDS" in die Familien-Fanclub-Rührungsphase eingetreten. Das bedeutet, dass im Publikum tränenselig Verwandte und Entourage der Kandidaten mitbangen und Transparente schwingen, während die Teilnehmer selbst in Einspielern, Interviews gar nicht genug betonen können, wie stolz sie auf ihre Eltern sind und wie sehr sie sie vermissen. Diese fast durchgängig zelebrierte Kuschel- und Nestwärme-Attitüde kann auf die Dauer zwar auch nerven – sie ist aber allemal ehrlicher und leichter auszuhalten als das Vorführen offenkundig talentloser Freaks in den Castingshows.

Zwar macht Jury-Bad Guy Dieter Bohlen natürlich weiterhin seine despektierlichen Spüche, bezeichnet die Kandidaten wahlweise als "Fliegenfurz" oder "Breitmaulfrosch". Aber da es sich bei den gestern von zehn auf neun reduzierten Verbliebenen der Sendungslogik zufolge um die Besten aus einst 30.000 Aspiranten handelt, ist der Rahmen der Schmähungen doch etwas enger gesteckt, und die Verdikte fallen sanfter aus. So kann jetzt endlich das im Mittelpunkt stehen, was doch vorgeblich ohnehin das Wichtigste sein soll: die Teilnehmer und ihr Talent, ihre Songs.

Gleich als Erster durfte Fady Maalouf antreten – der gebürtige Libanese aus Hamburg, um dessen Altersangabe (gefälscht? In Wahrheit schon über 30?) und damit Teilnahmeberechtigung es im Vorfeld Spekulationen gegeben hatte. "Es gibt eben Länder, wo es wichtiger ist, sein Leben zu retten als seine Geburtsurkunde", stellte Jury-Mitglied "Bär" Läsker dazu klar; die Zweifel sind wohl ausgeräumt. Maalouf hatte sich eine Schnulze von den Backstreet Boys ausgesucht ("Helpless when she smiles") – und lag damit voll im Trend des Abends, der unter dem weit gefassten Motto "aktuelle Superhits" stand und an dem – teils auf hohem Niveau – zumeist Balladen zum Besten gegeben wurden.

Rührstücke auf hohem Niveau

Allen voran die weiblichen Teilnehmer hatten Rührstücke ausgewählt: Das jüngste Mädchen, die 16-jährige Linda Teodosiu, schmachtete an die eigene Mama gerichtet "Oh Mother" von Christina Aguilera, Stella Salato barmte "Big girls don't cry", und die stimmgewaltigen Sahra Drone und Monika Ivkic gingen mit souligen Nummern von Beyoncé ("Listen") und Pink ("Nobody knows") ins Rennen.

"Stark"e Vorlage von Thomas Godoj

Umso auffälliger die Beiträge, die aus dem Raster ausbrachen: Allen voran der 29-jährige, mit Abstand am reifsten wirkende Thomas Godoj, der mit "Stark" von Ich & Ich den einzigen deutschen Titel des Abends wagte und seine Favoritenrolle eindrucksvoll untermauerte. Frenetischer Jubel der 2000 Zuschauer im Kölner Studio war sein Lohn. Ihm, der ein ein wenig an Max Buskohl, den Rebellen der vergangenen Staffel erinnert, ist zu wünschen, dass er sich seine unverfälschte Originalität und künstlerische Eigenständigkeit bewahrt und nicht eines Tages Dieter-Bohlen-Retortenschrott trällern muss wie Mark Medlock.

Ähnliches gilt für Sympathieträgerin und Sorgenkind Rania Zeriri, die Ibiza-Animateurin mit der rauchigen Stimme und den Weisheitszahn-Problemen. Zwar hatte sie gestern trotz vermeintlich gelungener Songauswahl keinen guten Tag erwischt – ihr "Rehab" von Amy Winehouse klang ein wenig schief und durchschnittlich. Das Weiterkommen aber gelang "der kleinen Pocahontas" (Jurorin Anja Lukaseder) genauso wie dem 16-jährigen Benjamin Herd (mit "LoveStoned" von Justin Timberlake) und Collins Owusu mit "I’ll be waiting" von Lenny Kravitz.

Will-Smith-Lookalike ist raus

Gehen musste nach dem Publikumsvotum am Ende Jermaine Alford, dem zuvor schon die Jury bescheinigt hatte, mit seinem Timbaland-Stück "Apologize" zwar den "Will-Smith-Lookalike-Contest" gewonnen, nicht aber die angekündigten "500 Prozent" abgerufen zu haben – eine "Leistungsdiät" konstatierte Bohlen, und die Zuschauer schlossen sich dem Urteil an.

Es war keine zwingende, aber eine vertretbare Entscheidung – auf dem langen Weg dorthin allerdings zeigte die Emotionsmaschine "DSDS" noch einmal ihr hässliches Gesicht. Auch wenn das Procedere inzwischen sattsam bekannt ist: Wie der komplett farblose Moderatorendarsteller Marco Schreyl in der – nach einem einstündigen Kaya-Yanar-Intermezzo – ab 23.30 Uhr nachgeschobenen Entscheidungsshow scheinheilig mit den bibbernden Kandidaten quatschte und die Urteilsverkündung dramatisch hinauszögerte ("wir alle wissen genau, dass diese eine Minute über euer Schicksal entscheidet"), das war mal wieder schmierig, glitschig, unerträglich. So viel Kontrast zu den vielen Schmachtballaden hätte es dann doch nicht gebraucht.