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Fernsehfilm "Wut": Zuviel Gewalt, zu wenig Botschaft

Ein Türke terrorisiert eine deutsche Familie - vermutlich verschoben die ARD-Intendanten "Wut" wegen politischer Unkorrektheit in die Nacht. Früher hätte aber auch wenig gebracht: Regisseur Aladag verliert sich in Gewaltdarstellungen.

Von Peer Schader

Mal angenommen, der junge Mann wäre kein Türke. Sondern ein Deutscher, der einen Klassenkameraden auf dem Heimweg bedroht, bestiehlt und sich immer weiter in das Leben dieses Jungen hinein drängt, später auch in das des Vaters, ihn zusammenschlägt, überfällt und einen Schulhofstreit zu einem Drama auf Leben und Tod eskalieren lässt - was wäre dann gewesen? Hätte sich jemand aufgeregt, so wie sich jetzt viele aufregen, weil der Täter in Züli Aladags Film "Wut" Türke ist?

Es scheint gerade so, als fiele es leicht, eine Position zu dem umstrittenen Film zu beziehen, den die ARD an diesem Freitag um 22 Uhr zeigt - aber das ist es nicht. Manche sagen, er schüre Ressentiments gegen Ausländer, weil er zeigt, wie ein Türke eine deutsche Familie attackiert und in die Verzweiflung treibt. Andere argumentieren, dass man ein Problem, wie Aladag es schildert, nicht tabuisieren dürfe. Mit beidem macht man es sich zu einfach.

Ein Schlag in den Magen

Das ARD-Drama ist für den Zuschauer zuerst einmal ein Schlag in den Magen, eine schwer verdauliche Demonstration von Hilflosigkeit. Der streitsüchtige Can, gespielt von Oktay Özdemir, legt sich auf dem Pausenhof mit dem schüchternen Felix an. Als dessen Vater (August Zirner), ein angehender Universitätsprofessor, seinem Sohn beistehen will, gerät er selbst unter Beschuss und merkt, dass diese Auseinandersetzung nicht mit Vernunft zu lösen sein wird. Genauso wie Felix ist er machtlos gegenüber den Anfeindungen, weiß nicht, wie er mit dem "Entwurzelten" umzugehen hat, wie er Can nennt, als er von seinem verzweifelten Sohn gefragt wird: "Warum habt ihr die in unser Land gelassen?"

Sicher, solche Sätze kann man falsch verstehen. In einem Interview hat Regisseur Aladag erklärt, er habe erzählen wollen, dass es "Opfer und Täter in allen Ethnien" gebe, "auch unter Türken". Und er hat für sich in Anspruch genommen, eine solche Geschichte schildern zu können, "ohne sofort die Erklärung für die Sozialisierung einer Figur mitzuliefern".

Keine Hilfestellung für den Zuschauer

Dabei wäre es hilfreich gewesen, wenigstens anzudeuten, woher der Hass des Angreifers stammt - selbst wenn herausgekommen wäre, dass nicht die Erziehung schuld ist, oder Perspektivlosigkeit, sondern bloß eine grundlose Lust daran, andere Menschen in die Enge zu treiben. Eine solche Hilfestellung verweigert "Wut" dem Zuschauer. Vielleicht lässt sich der Film genau aus diesem Grund so leicht falsch verstehen: weil man nichts über Can erfährt, nicht weiß, was in ihm vorgeht, was ihn wirklich antreibt. Nicht einmal wenn Can, nachdem er vom eigenen Vater verstoßen wurde, weinend zuhause sitzt, wird man aus ihm schlau: Zeigt er Bedauern? Verzweiflung? Oder sah die Szene bloß gut im Drehbuch aus?

Das Erste hätte "Wut" ursprünglich schon am Mittwoch um 20.15 Uhr zeigen wollen. Nach Kritik aus Politik und Medien hat sich die Mehrheit der ARD-Intendanten jedoch dazu entschieden, einen späteren Sendeplatz auszuwählen. Dass der Sender im Nachhinein so vor der eigenen Courage erschreckt, ist ungewöhnlich - und unberechtigt. Denn in "Wut" geht es nicht um das Aufeinanderprallen zweier Kulturen oder Religionen, sondern um die Unvereinbarkeit individueller Werte.

Verweigerung eines Einzelnen

Ein Jugendlicher verweigert einem erwachsenen Mann den gegenseitigen Respekt und die Bereitschaft, aufeinander einzugehen, um eine Konfrontation gewaltfrei zu lösen. Das hat nichts mit Ehre zu tun, auch wenn Can das stetig behauptet. Es geht vielmehr um die Verweigerung eines Einzelnen, Werte zu akzeptieren, auf die sich eine Gesellschaft weitgehend geeinigt hat. Ob dieses Individuum türkischer oder deutscher Herkunft ist, spielt für den Konflikt - oberflächlich betrachtet - erst einmal keine Rolle.

Vielleicht haben sich die ARD-Intendanten aber auch bloß davor gefürchtet, dass sich die Zuschauer mit dem Film und seiner Wirkung auseinandersetzen müssen, um sich ein eigenes Bild machen zu können. Das ist man bei der ARD mit ihren Heile-Welt-Serien und den Schmusefilmchen, die - wie heute Abend vor "Wut" - sonst im Hauptabendprogramm laufen, nicht mehr gewöhnt. Offiziell heißt es freilich, man habe keine Jugendschutzbestimmungen verletzen wollen. Ein interessantes Argument: Ein Film, in dem es darum geht, wie ein Jugendlicher in der Schule von einer Bande Halbstarker angegriffen wird, soll möglichst nicht von Jugendlichen, die in die Schule gehen, angesehen werden. So kann man Jugendschutz natürlich auch auslegen.

Alles läuft aus dem Ruder

Andererseits müssen selbst Befürworter des Films zugeben, dass "Wut" weit mehr ist als ein Schulhofdrama, aus dem man nachher eine einfache Lehre ziehen könnte. Aus der Auseinandersetzung zweier Jugendlicher wird schnell ein teuflisches Psychospiel, das zumindest zum Finale hin gut auf einem späten Sendeplatz aufgehoben ist. So klug auch die Mechanismen von Einschüchterung und Angst gezeigt werden - am Ende ist man froh, abschalten zu können, weil alles so sehr aus dem Ruder gelaufen ist.

Unverständlich ist, warum das Drama nach anderthalb Stunden als Thriller enden muss. Das verstärkt zwar den Effekt des Horrors, den der Zuschauer empfindet, wenn der Abspann läuft. Aber wenn die Macher mit ihrem Film tatsächlich eine Botschaft transportieren wollten, ist die leider spätestens zu diesem Zeitpunkt auf der Strecke geblieben.

"Wut", am Freitag, 29.9. um 22 Uhr in der ARD. Gegen 23.30 Uhr folgt eine Live-Diskussion zum Thema "Tatort Schulweg - Hilflos gegen Jugendgewalt?"

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