Fußball schaut man am besten im Stadion – oder bequem zu Hause auf der Couch. So war das mal – bis sich mit der unvergessenen Heim-WM 2006 auch das nachhaltig änderte: Das Massenphänomen Public Viewing, es wird auch in diesen Tagen, vor dem Start der WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada, in Erinnerung gerufen, manchmal geradezu beschworen. Stimmt ja auch: So schön wie damals beim Sommermärchen war es in den 20 Jahren, die seither vergingen, nie wieder. Es fällt beim Blick auf die gesellschaftliche Gemengelage allerdings schwer, an ein Comeback der vom Fußball generierten Euphoriewelle zu glauben.
Heute darf man jedenfalls durchaus mit Wehmut auf eine Zeit blicken, in der manch ein Fußball-Event Züge eines Rockfestivals hatte und auf den Plätzen und Straßen, in den Biergärten und Fanmeilen eine bis dato kaum für möglich gehaltene Aufbruchstimmung entfacht wurde. Die WM 2006 war eine Party – und die wurde hierzulande fürwahr gemeinsam zelebriert.
Auch weil damals, am 6. Juni, nach einer längeren Regenperiode rechtzeitig zum Turnierstart wieder die Sonne schien und Philipp Lahms Tor in der sechsten Minute des Eröffnungsspiels gegen Costa Rica scheinbar Wunder wirkte gegen all die Skepsis, die zuvor geherrscht hatte: Ganz Deutschland jubelte sich urplötzlich in eine eigentümlich hibbelige Gemütslage hinein, was eine erstaunlich verbindende Wirkung entfaltete. Man trank, sang, feierte zusammen, man herzte sich, man hoffte, bangte und heulte sich Schulter an Schulter die Seele aus dem Leib. Das Stimmungsbarometer kletterte in ungeahnte Höhen.
Daheim beim Grillen, auf den Straßen, in den Kneipen und Biergärten und natürlich in all den Public-Viewing-Areas und Fanmeilen: Überall ging es in jenen Tagen um Fußball, und weil Social Media noch in den Kinderschuhen steckte, war alles ein bisschen freier und naiver, weil nicht jede kleine Peinlichkeit im Bild festgehalten und geteilt wurde. Der Treiber jener positiven Grundstimmung waren die gemeinsam gesehen Fernsehbilder. Snippets, Memes und Selfies spielten noch keine Rolle. Kurzum: Alle staunten gemeinsam darüber, wie cool dieses Land auf einmal war.
Am meisten wunderten sich die Deutschen selbst: über die Gastfreundschaft, darüber, wie locker sie sich nach außen präsentierten und wie selbstverständlich plötzlich schwarz-rot-goldene Fahnen waren, aber auch wie sie auf einmal alle zusammenhielten. Wer auf den Fanmeilen beispielsweise in Berlin oder auf der Leopoldstraße in München dabei war, wird die Atmosphäre und die vielen Begegnungen, die aus Fremden wenigstens für ein paar Minuten Freunde machten, im Leben nicht vergessen.
Dem "Sommermärchen" war nicht umsonst auch eine politische Dimension zugeschrieben worden. Zwar wissen wir längst, dass all das leider nicht so langlebig war, wie man damals glaubte, doch nun, 20 Jahre später, unmittelbar vor dem Start der WM 2026 (11. Juni bis 19. Juli), ist es keine Frage: Zumindest ein Hauch jener Aufbruchstimmung würde der in Teilen scheinbar hoffnungslos zerstrittenen Gesellschaft guttun. Fußball hat gewiss nicht die Macht, ein Land zu vereinen. Aber – siehe 2006 – er könnte mit seiner einzigartigen Strahlkraft im allerbesten Fall für eine Weile das allgegenwärtige "Ich" wieder zum "Wir" werden lassen und den Wind in eine andere Richtung drehen. Friede, Freude, Schlaaand – das wär' doch was.
Doch wie gut stehen, abseits von der mit gebremster Euphorie begutachteten sportlichen Situation der Elf von Julian Nagelsmann, die Chancen dafür? Wie viel "Sommermärchen" ist angesichts der gedrückten Stimmung möglich?
Public Viewing wird es geben – aber alles wird viel kleiner
Man darf skeptisch sein. Denn aufgrund der oft späten oder sogar nächtlichen Anstoßzeiten bei der WM in Übersee wird Public Viewing diesmal voraussichtlich eher klein ausfallen. Public Viewing ist zwar grundsätzlich auch diesmal möglich, damit Fans die WM auch gemeinsam draußen verfolgen können, gelten für Public Viewing befristete Ausnahmen beim Lärmschutz – doch das ganz große gemeinschaftliche Fußballfest auf öffentlichen Fanmeilen mit Zehntausenden wird 2026 wohl weitgehend nicht stattfinden.
Zahlreiche Städte haben große öffentliche Veranstaltungen abgesagt – darunter Hamburg, Berlin und die großen Städte in Nordrhein-Westfalen wie Köln, Düsseldorf und Dortmund. Auch München, Nürnberg und die anderen bayerischen Großstädte verzichten auf offizielles Public Viewing. Als Gründe werden neben den Anstoßzeiten auch schwindendes Interesse genannt. Kleinere Ausnahmen gibt es vereinzelt: In Recklinghausen dürfen bis zu 7.500 Zuschauer Spiele bis 22 Uhr gemeinsam verfolgen, in Hückelhoven bis zu 3.000.
Das Gros der Public-Viewing-Angebote liegt in privater Hand – oft mit Eintrittsgeld. Eine Bundesverordnung erlaubt dabei Ausnahmen vom Lärmschutz, sodass Übertragungen bis tief in die Nacht möglich sind. Zu den größten privaten Events zählen das Freigelände der Rudolf-Weber-Arena in Oberhausen mit bis zu 40.000 Plätzen und die Arena auf Zeche Ewald in Herten für bis zu 10.000 Besucher. Wer die WM trotzdem in Gemeinschaft erleben möchte, weicht am besten auf Biergarten oder Kneipe aus – und sollte sich rechtzeitig um einen Platz kümmern. (Die "Public Viewing-Verordnung" der Bundesregierung: www.bundesumweltministerium.de/faqs/public-viewing-verordnung).
"In der Euphorie ticken wir eben alle irgendwie gleich"
Es bleibt also abzuwarten, ob und inwieweit der Funke überspringen kann. Entscheidend ist nicht zuletzt der Auftritt der DFB-Elf. Wo wir bei der Frage wären, wie so eine Euphoriewelle eigentlich funktioniert. Der Psychologe Michael Thiel nannte es im Gespräch mit der Agentur teleschau einmal den "Halo-Effekt": "Der Erfolg der Mannschaft überträgt sich Schritt für Schritt quasi auf alle, auf eine ganze Gesellschaft." Der Schalter werde im Kopf eines jeden Einzelnen umgelegt: "Er fühlt sich als Teil des Erfolges und ist bestärkt, weil er überzeugt ist, selbst seinen durchaus entscheidenden Beitrag geleistet zu haben." Die Bilder von den Fanfesten im Fernsehen täten dann ein Übriges, um die Welle durchs Land schwappen zu lassen.
Beim Erlebnis Public Viewing gehe es "vor allem darum, dass man sich – eher unterbewusst – als wesentlichen Teil der Veranstaltung wahrnimmt: Ich bin nicht nur der passive Zugucker vor der Großbildleinwand, sondern es ist mein Ereignis. Ohne mich würde es dieses Fest gar nicht geben!" Und, so Thiel: "In der Euphorie ticken wir eben alle irgendwie gleich."
Rasend schnell setzten sich 2006 genau diese Mechanismen in Gang, die zumindest vorübergehend vieles veränderten. Zum Guten. Michael Thiel: "Alle Umfragen, die 2006 angestellt wurden, haben belegt, dass die Wirtschaftslage besser eingeschätzt wurde als vorher, dass die Menschen viel zuversichtlicher in die Zukunft sahen, dass sie mehr investieren wollten ... In einer solchen Phase wird mehr angepackt und gewagt – man ist einfach risikofreudiger und positiver. So war es auch 2014 beim Titelgewinn in Brasilien."