Großbritannien Sex-Anrufe bringen BBC in Verruf


Der Witz ging nach hinten los: Zwei hoch bezahlte Moderatoren der britischen Rundfunkanstalt BBC haben einem bekannten Schauspieler vom Sex mit seiner Enkelin erzählt. Der fand das nicht lustig, genauso wenig wie die Beitragszahler des gebührenfinanzierten Senders.

Auf den ersten Blick geht es um schweinische Anrufe, um Sex und das Tabu-Wort "Fuck". Auf den zweiten Blick geht es um manipulierte Gewinnshows, Gebührengelder und um einen der angesehensten Fernseh- und Hörfunksender der Welt. Die öffentlich-rechtliche britische Rundfunkanstalt BBC steht am Pranger, nachdem zwei Moderatoren in einer Radioshow einem Schauspieler anzügliche Sex-Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterließen. Damit setzt sich die Pannenserie bei der BBC fort, und auch die Debatte über die Notwendigkeit des gebührenfinanzierten Rundfunks im Königreich hat neue Nahrung bekommen. Sogar der Premierminister hat sich eingeschaltet.

Stein des Anstoßes ist eine Sendung, die Mitte Oktober im Programm Radio 2 lief. Dabei riefen die hoch bezahlten - und durchaus umstrittenen - Moderatoren Russell Brand und Jonathan Ross bei dem deutschstämmigen, 78-jährigen Schauspieler Andrew Sachs an und erzählten ihm, Brand habe Sex mit seiner Enkelin gehabt. Deftige Worte, darunter das Tabu-Wort "Fuck".

Die obszönen Witze und die Persönlichkeiten der Moderatoren sind die eine Seite. Brand ist ein Ex-Junkie, der einst beim Musiksender MTV rausflog, weil er sich nach den Anschlägen vom 11. September als Osama Bin Laden verkleidet hatte. Und Ross gehört mit umgerechnet 7,5 Millionen Euro Jahresgage zu den bestbezahlten Moderatoren der BBC. Zu fragen ist, warum die Verantwortlichen die im Voraus aufgezeichnete Show gesendet haben.

Doch dies war nur einer von mehreren Fehltritten, die das Image der Rundfunkanstalt - die in vielen Ländern noch immer als Maßstab für seriöses Fernsehen gilt - beschädigen. Es ist die Geschichte eines Senders, der auf der Suche nach neuem Publikum und unter dem Druck kommerzieller Sender ins Schlingern geraten ist. Dass Moderatoren wie Ross Millionengehälter aus dem Gebührentopf bekommen und zur gleichen Zeit hunderte Stellen bei der BBC abgebaut werden, ärgert viele Briten.

"Wir zahlen dafür"

Nicht nur die Boulevardzeitungen breiten die Sex-Geschichte groß aus. Auch die seriösen Zeitungen empören sich über das Verhalten der BBC. "Es ist unser nationaler Rundfunk und wir alle zahlen dafür - und das schließt auch die inflationären Gehälter für Leute wie Ross ein", monierte der "Daily Telegraph". Kritisiert wird, dass sich von den BBC-Chefs bisher noch niemand öffentlich geäußert hat. Der Ruf nach der Entlassung der Moderatoren blieb bisher ohne Resonanz.

Angefangen hat die Pannenserie indes im vergangenen Jahr mit einem Fehler, der bis ins Königshaus reichte. Damals hatte die BBC einen Videoclip für eine Dokumentation über die Queen falsch zusammengeschnitten und über die Medien verbreitet. Dafür musste sich der Sender bei der Monarchin entschuldigen. Später wurde die BBC zu Bußgeldern verdonnert, weil Anrufsendungen manipuliert waren.

Und nun plagen Beschwerdeschreiben sowie die Kritik von Regierungschef Gordon Brown und Oppositionsführer David Cameron den Sender. Seitdem das Thema hoch gefahren wird, gingen 10.000 Beschwerden ein. Die Medienaufsicht Ofcom und der Sender selbst ermitteln, wie es zu der Peinlichkeit kommen konnte. Das Vertrauen in die BBC scheint schwer erschüttert. So erklärte der ehemalige Direktor des BBC World Service, John Tusa, die BBC habe das Bestreben, jüngere Hörer und Zuschauer anzusprechen, "auf monumentale und tragische Art und Weise falsch verstanden".

Annette Reuther, DPA DPA

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