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Moderatorencheck: Talk ohne Eva Herman

Bettina Tietjen, die ihre Sendung zusammen mit Eva Herman moderiert hatte, hat einen neuen Co-Moderator bekommen. Es heißt zwar immer noch "Talk mit Tietjen" aber der in Äthiopien geborene Yared Dibaba teilte sich mit ihr die Gespräche mit den Gästen. Und das gar nicht schlecht.

Von Michael Rossié

Einer Redaktion gegenüber, die Eva Herman als Moderatorin eingesetzt hat, hege ich ein gewisses Misstrauen, auch wenn das noch vor Hermans Bemühungen passierte, die deutsche Mutter unter Naturschutz zu stellen. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Der Mann ist nicht nur schwarz und glatzköpfig, nein der macht seine Sache gut.

Der Einstieg ist bei beiden so langweilig wie es nur geht. Nach dem obligatorischen "Einen wunderschönen guten Abend" wurde dann von Frau Tietjen nur noch unterschieden zwischen "herzlich willkommen", "ganz herzlich willkommen" und "besonders herzlich willkommen". Dibaba ergänzte dann mit einem "herzlich willkommen auch von meiner Seite", abgewechselt mit "erst mal herzlich willkommen".

Frau Tietjen freut sich natürlich sehr, dass er da ist, und Yared Dibaba freut sich riesig, dass er dabei ist. Wären es vier Moderatoren gewesen, hätte sich der dritte noch "gewaltig" freuen können, und der vierte hätte dann schon zu "sakrisch" oder "unbändig" greifen müssen.

Nun ist es nicht ganz fair, ihn mit Frau Tietjen zu vergleichen. Aber es gibt zwischen den beiden eine Menge Unterschiede.

Dibaba - eher zurückhaltend

Frau Tietjen gab wie die vielen anderen Gastgeber lieber ein Statement ab, das ihre gute Vorbereitung zeigte und bat dann den Gast zuzustimmen. Anschließend kämpfte sie darum, auch genügend zu Wort zu kommen. Frau von Friedl bombardierte sie mit so vielen unterschiedlichen Themen in kürzester Zeit, dass einem schwindelig wurde. Dibaba hielt sich angenehm zurück. Er stößt ein Thema an, hört zu und lässt dann seinen Gast so lange machen, bis der einen neuen Anstoß braucht. Die meisten Fragen entwickeln sich aus der Antwort des Gastes. Man kann allerdings darüber streiten, ob er aus seinen Gästen so wirklich etwas herausgeholt hat. Wenn Caroline Beil von ihrem Stolz erzählt, in Zukunft täglich um 15.10 Uhr bei "Sturm der Liebe" die Böse zu geben, wäre mir dazu schon eine kritische Frage eingefallen. Auch den Bergsteiger Reinhold Messner hätte ich nicht alleine machen lassen. Aber das Konzept der Sendung ist ja offenbar anders.

Natürlich hält Dibaba noch viel die eine mit der anderen Hand fest und fummelt sich häufig im Gesicht herum, aber eine gewisse Nervosität ist nur natürlich. Einige dumme Fragen gab es dann von beiden. Dibaba zu der Sängerin Christina Stürmer: "Wie ist das, mit so einer Band zu spielen?" oder "Kickt es dich an?" oder zu dem Komiker Rick Kavanian: "Wie war das, als Sie Bully kennenlernten?" Tietjen zu Caroline Beil: "Meinen Sie, Ihrem Vater hätte die Beerdigung gefallen, die Sie für ihn organisiert haben?" oder zu Susanne Fröhlich: "Erwischst du dich dabei, wie aus dem Mund Sachen rauskommen?"

Fehler beim frei Sprechen

Menschen, die frei sprechen, machen viele Fehler, auch das ist ganz normal. Bei Dibaba werden "Die Filme von der Pike auf gemacht" und es heißt "in der Praxe", bei Messner ist es das Matriat und Patriat (da fehlt zweimal eine Silbe), bei Frau Fröhlich gibt es "auch so Wertesachen" und Frau Tietjen zieht immer "heile Unterwäsche" an. Das kann man niemandem vorwerfen.

Aber muss denn alles so belanglos sein? Es erwartet niemand von einer solchen Sendung investigativen Journalismus. Aber deswegen sind doch nicht alle Gäste gleich immer wuuunderbaaar?

Frau Tietjen ist von dem Buch von Susanne Fröhlich, das lediglich 300 Fragen an die Mutter enthält, begeisterter als die Autorin selber (Tietjen: "Das Schöne an dem Buch ist, dass man die Wahl hat, ob man antworten möchte."). Sie findet Christina Stürmers Stimme faszinierend, Frau Friedl war ein RIESENSTAR und Frau Beil hat "beängstigend viele Talente". Das führt natürlich nicht unbedingt zu einer interessanten Diskussion.

Dibaba versucht da wenigstens ansatzweise einen Diskurs zu entfachen ("Will ich das von meiner Mutter überhaupt wissen?" oder zu Frau Stürmer: "Du hast was Anständiges gemacht. Warum gingst du dann zu einer Casting-Show?"). Aber auch er bleibt an der Oberfläche. Kritische Fragen gab es kaum.

Keine Anstalten, sich zu profilieren

Wie auch immer. Dibaba ist schlagfertig, witzig (Tietjen: "Was hat dich an deiner Mutter genervt?" - Dibaba: "Gar nichts, sie guckt gerade zu!") und landet einige der besten Pointen der Sendung. Er strahlt, ist voller Energie und fragt gut informiert mit ausführlichen Moderationskarten, die er nie sichtbar benutzt. Außerdem macht er keinerlei Anstalten, sich zu profilieren. Schließlich ist es ja ihre Sendung. Das macht ihn sehr sympathisch, aber diese Harmlosigkeit ist gleichzeitig seine größte Schwachstelle.