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"Tatort" im Faktencheck Wie realistisch war der letzte Leipzig-Fall?


Der letzte "Leipzig"-Tatort hatte hohe Einschaltquoten - und jede Menge Ungereihmtheiten. Ein echter Mordkommissar erklärt, was an dem Entführungsfall stimmte und was nicht.

Der letzte Leipzig-"Tatort" ist noch keine 24 Stunden her. Doch statt uns dem Abschiedsschmerz hinzugeben, machen wir zusammen mit Richard Thiess den Faktencheck. Bis zu seiner Pensionierung im August 2014 war Thiess stellvertretender Leiter des Münchner Mordkommissariats und Leiter einer der fünf Mordkommissionen in München.

Herr Thiess, beim gestrigen Leipzig-"Tatort" haben Eltern und Ermittler erst nach 18 Stunden von der Entführung der kleinen Magdalena erfahren. Ist das normal?


Eltern merken in der Regel früher, dass ihr Kind entführt wurde. Es ist aber nicht unüblich, dass Eltern der Polizei nicht melden, wenn ihr Kind erführt wurde. Gerade, wenn Lösegeld gefordert ist.

In diesem Fall entführt ein Mann für seine Frau ein Mädchen. Die beiden können keine Kinder bekommen. Ein realistisches Motiv?


Zum Glück erleben wir solche Fälle selten. Sie sind aber durchaus denkbar. Tatsächlich entführen häufiger ledige Frauen Säuglinge aus Entbindungskliniken. Aber es kann schon sein, dass ein Paar sich auf diese Weise einen Kinderwunsch erfüllen will.

Nächstes Thema: Massengentests. Der wird zwischenzeitlich als Mittel zur Tätersuche erwogen. Kommt solch ein Test oft zum Einsatz?


Nein, der Massengentest ist die ultima ratio und macht nur dann Sinn, wenn man sichere Anhaltspunkte dafür hat, dass man tatrelevante und auswertbare Gen-Spuren des Täters gefunden hat. Gerade wenn man ein entführtes Kind noch nicht gefunden hat, ist so ein Vorgehen sehr unüblich. Ein Massenscreening muss außerdem zwingend vom Richter angeordnet werden. Im Beschluss muss aber auch stehen, dass die Abgabe einer Speichelprobe freiwillig ist. Erst, wenn es weitere Verdachtsmomente gibt, kann eine Person, die sich weigert, zur DNA-Probe verpflichtet werden. Dann wird meistens Blut abgenommen.

Weil die Frau des Täters Angst hat, er könne dem Kind etwas antun, manipuliert sie die Gastherme. Als ihr Mann sich heimlich eine Zigarette im Bad anstecken will, wird das komplette Haus zerstört.
Das kann gut sein, wenn Gas unkontrolliert austritt.

Wie geht man nach solch einer Explosion vor?


Das Gelände wird komplett gesperrt - bis ein Statiker den Tatort freigibt. Das kann einige Zeit dauern. Erst wenn ein Gutachten vorliegt, darf die Spurensicherung ins Haus.

Nachdem die Spurensicherung das Haus verlassen hat, schleicht sich die Frau des Täters noch einmal ins Haus.


Solange der Tatort noch beschlagnahmt ist und durch Siegelmarken erkennbar ein Betretungsverbot besteht, macht die Frau sich strafbar. Aber nicht jeder Tatort kann immer bewacht werden.

Es wird noch vertrackter: In einer Art Panic Room hinter der Sauna im Keller des Hauses sitzt das vermisste Mädchen. Die Spurensicherung hat es nicht gefunden.


Wenn sich Menschen im Haus befinden sollten, werden sie auch gefunden. Zunächst werden Leichenspürhunde ins Haus geschickt.

Es gibt doch auch Wärmebildkameras, um Opfer zu finden.


Ja, natürlich. Bei Explosionen könnten sich aber zum Beispiel Metallträger im Haus erhitzt haben. Ob es Sinn macht, solch eine Kamera einzusetzen, muss ein Brandfahnder individuell vor Ort entscheiden.

Und wenn die Spürhunde niemanden finden?


Wird zur Not das Haus mit schwerem Gerät abgetragen oder der Garten durchfurcht, zumindest wenn konkrete Hinweise vorliegen, dass jemand im Haus versteckt wird. Wenn es einen Anfangsverdacht gibt, spielt Geld keine Rolle, um einen Menschen wiederzufinden.

val

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