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"Tatort" aus München Eine Stadt im Taumel


Ein Wiesn-"Tatort" ohne Klischee: unmöglich. Das macht aber nichts, "Die letzte Wiesn" vereint Hype und Hass auf das Volksfest - und den ein oder anderen erzählerischen Twist.

Ein Wiesn-"Tatort". Nach 69 Fällen. Endlich, denken die einen, um Gottes Willen die anderen. Wiesn spaltet. Auch das Team rund um die Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec): Während Leitmayr aus der Stadt verschwindet und seine Wohnung an zwei Schwedinnen vermietet ("Happy Beer Drinking"), strolcht der junge Assistent in Lederhosen durchs Kommissariat und fragt, ob er früher gehen könne.

München während der Wiesn, das ist eine Stadt verhangen vom Bierdusel. 6 Millionen Menschen fallen ein, saufen, schunkeln, kotzen. Und so kann man wohl keinen Wiesn-"Tatort" ohne Klischees drehen, macht sich die Stadt doch ein bisschen selbst zum Klischee. Das Schmerzensgeld: eine Milliarde Euro Umsatz. Und auch wenn die Reportagen, die Dokumentationen und Berichte vom weltgrößten Volksfest inzwischen jedem bekannt sein sollten, gelang Regisseur Marvin Kren dennoch ein bemerkenswert spannender Krimi. Mehr als das: der "Tatort" geht locker als Sozialstudie der zwei wichtigsten Wochen des Münchner Kalenders durch, bildet Hype wie Hass in den passenden Bildern ab.  Die sind zwar nüchtern nur schwer zu ertragen. Aber es lohnt sich allemal - und zur Not kann man ja auch selbst ein Bierchen vor dem Fernseher entkorken.

Wiesengänger im GHP-Koma

Im 70. Fall von Leitmayr und Batic lässt nicht nur Bier die Besucher wanken: Ein Unbekannter geht im Amperbräu-Zelt um und mischt ausschließlich  männlichen Wiesn-Gästen GHP, also Liquid Ecstasy, in die Maß. Eine gefährliche Mischung: In Verbindung mit Alkohol kann die Substanz tödlich wirken. Tatsächlich wird bei der ersten Leiche GHP nachgewiesen, der Italiener ist allerdings an seinem Erbrochenen erstickt. Ein zweiter Toter jedoch, Abteilungsleiter beim Jugendamt, wurde eindeutig toxifiziert. Zwischen dem ersten und zweiten Toten fallen einige weitere Männer bewusstlos von der Bank, werden Dutzende Verdächtige verhört, sowohl Gäste als auch ehemalige Mitarbeiter des Zeltes. Klar, dass die böse Witwe des verstorbenen Wiesnwirts ihrer Bosheit Luft machen muss. Und so lässt sie kurzerhand den Restaurantchef von ihrer eigenen Security auflauern und misshandeln. Der hatte zu Lebzeiten eine Liaison mit ihrem Mann. 

Aber war er es auch, der aus Rache die Gäste vergiftete? Ein anderer Ex-Mitarbeiter? Die scheue, alleinerziehende Bedienung (Mavie Hörbinger), die ständig von Männern bedrängt wird? Nein, eigentlich weiß man als Zuschauer schnell: Es muss dieser junge U-Bahn-Fahrer gewesen sein, der diesen zermaternden Elektro hört, und die mit rotem Samt verhängte Wohnung seiner toten Oma direkt an der Theresienwiese besetzt, gemeinsam mit einer weißen Taube im verschnörkelten Käfig. Batic und Leitmayr hingegen wanken sehr lange zwischen den Verdächtigen hin und her. Als sie dann den Täter tot in seiner Wohnung auffinden, nackt und umflattert von seiner weißen Taube, zerschlägt der Gerichtsmediziner ihren so sicher geglaubten Verdacht. Zwar hat der Tote ziemlich sicher dutzende Wiesn-Besucher vergiftet. Aber er ist bereits zu lange tot um der Mörder des zweiten Opfers zu sein. Die Wahrheit über den zweiten Täter möchte sich vor allem Leitmayr nicht so recht eingestehen.

Nach diesen flackernden und biergetränkten 90 Minuten Fernsehspiel fühlt man sich tatsächlich ein bisschen wie nach einem Wiesn-Wochenende: Man ist froh, dass das Besäufnis vorbei ist. Aber ist froh, dabei gewesen zu sein. 


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