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"Tatort"-Kritik: Die Trümmer der Liebe

Wenn die Beziehung geht, bleibt nur noch Elend: So lautete die Botschaft im Kölner "Tatort". Der lieferte mit "Schmale Schultern" ein tristes Stück Sozialdrama mit hervorragenden Schauspielern.

Von Niels Kruse

Hoffnung macht nur der Kommissar. Und auch nur kurz: Freddy Schenk (Dietmar Bär) steht vor dem Polizeipräsidium und drückt seine Tochter an die Brust. Ob er jemals an Scheidung gedacht habe, fragt sie ihren Vater. "Nein", antwortet der. Es ist der einzige Moment in diesem Kölner "Tatort", der daran erinnert, dass die lebenslange Ehe und nicht die Scheidung noch immer der Normalfall ist. Doch in diesem Krimi geht es um Streit, Depression und Drama, was ihn zu einer ziemlich tristen Veranstaltung macht.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Regisseur Christoph Schnee hat mit seinem ersten "Tatort" solide Sonntagabendunterhaltung hingelegt in der gewohnten Serienqualität. Nur eben mit einem wenig erbaulichen Thema: Es geht um Seitensprünge und Ehekrisen, Trennungen und Scheidungskriege, um kaputte Beziehungen, zerrüttete Seelen und verstörte Kinder. "Schmale Schultern" ist einer dieser typischen Sozialdramen, mit denen der WDR seine beiden Chefermittlern Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk gerne belastet.

Die Hoffnung in Regale füllenden Akten erstickt

Das ganze Elend beginnt mit dem Tod von Regina Scheffler. Sie war die Verlobte von Jens Otten (Pierre Besson) - einem gebeutelten, armen Tropf, der sich von seiner Ex-Frau (Nina Petri) ausgenommen fühlt und deshalb mit ihr seit Jahren einen erbitterten Unterhaltskrieg führt. Die Hoffnung, dass sich beide irgendwann einigen können, ist längst in Regale füllenden Akten erstickt. Vor allem die gemeinsamen Kinder leiden unter dem Dauerstreit. Der kleine Benjamin (Mateo Wansing Lorrio) macht in die Hose, seine pubertierende Schwester Laura (Michelle Barthel) stiftet ihren Freund Patrick (Ben Unterkofler) an, die Wohnung der Verlobten zu demolieren. Patricks Vater wiederum hatte ein Verhältnis mit Regina Scheffler - und sie dabei geschwängert.

Kurzum: Im Laufe der unübersichtlichen Geschichte gibt es ziemlich schnell ziemlich viele Verdächtige. Sie alle hätten ein Motiv haben können, die Frau zu ermorden: Die Ex-Frau, um sich von der vermeintlichen Bedrohung durch die Neue ihres Ex-Mannes zu beseitigen. Der Ex-Geliebte der Verlobten, um seine Ehe zu retten. Die Tochter, um sich an der väterlichen Hassfigur zu rächen. Ihr Freund, um seiner Freundin zu helfen. Selbst der Verlobte Jens Otten gerät ins Visier von Ballauf und Schenk - schließlich könnte es sein, dass er es war, der aus Eifersucht mit einem Eiffelturm-Modell seine Lebensgefährtin erschlagen hat. Hat er natürlich nicht.

"Liebe wird so beliebig"

"Die Leute heiraten, sie lassen sich scheiden, sie heiraten wieder. Liebe wird so beliebig", sagt Freddy Schenk betrübt zu seiner Tochter vor dem Polizeipräsidium. Auch die steckt, passend zum Überthema Beziehungsquerelen, vor der Entscheidung, aus ihrer Urlaubsbekanntschaft was Festes zu machen. Wenn die Liebe geht, und die Gleichgültigkeit oder gar der Hass kommt, gibt es nur noch Verlierer, vor allem unter den Kindern. So lautet die wenig originelle, aber daueraktuelle Botschaft dieses "Tatorts". Die Schwäche von "Schmale Schultern" ist das komplizierte Erzählgeflecht, die Stärke die eindringlichen bis guten Darsteller: von der gewohnt starken Nina Petri als depressive Ex-Frau bis zu den Kinderschauspielern, die in ihrer Opferrolle brillieren.

Apropos Besetzung. Ganz nebenbei zeigen die Kölner, wie es um die Integration im Jahr 2010 steht: Die deutsche Ehefrau des Zwischendurch-Verdächtigen Ralf Cosca (Thomas Sarbacher) wird von einer gebürtigen Türkin gespielt: Sema Meray.