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"Tatort"-Kritik: Jugend ohne Gott

Gewaltvideos, Mobbing, Krieg im Klassenzimmer - der Saarbrücker "Tatort" zeichnet ein fatalistisches Bild von Jugendlichen, das unter die Haut geht. Es ist die intensivste Krimifolge, die das junge Team bisher hatte.

Von Kathrin Buchner

Familienfehden à la "Dallas", die zwischen Weinfest-Schunkelei und Traubenpressen ausgetragen werden, oder ein Ausflug ins hiesige Bergwerk mit viel Action inszeniert wie ein Event-Movie aus dem Hause Nico Hoffmann - vom Saarbrücker "Tatort" ist man seichte Kost gewohnt. Bieder-betulich kamen die Geschichten um das ungleiche Ermittlerduo bislang daher, bei denen Provinz-Klemmi Stefan Deininger (Gregor Weber) bei der Frauenjagd immer das Nachsehen hatte gegenüber dem vor Selbstbewusstsein strotzenden Sunnyboy Franz Kappl (Maximilian Brückner).

Doch diese Folge ist eine Reifeprüfung für die Kommissare. "Hilflos" entfaltet eine Wucht, die verstört, der man staunend und tatsächlich hilflos gegenüber steht. Die Geschichte eines ermordeten Schülers, der brutal zugerichtet in einem Parkhaus gefunden wird, erzählt von Anführern, Mitläufern, Ausgestoßenen und dem Krieg im Klassenzimmer, wie er sich tagtäglich in Deutschlands Schulen abspielen könnte. Sie erzählt von Lehrern, die resigniert und teilnahmslos agieren, und von Eltern, die keinen Zugang zum Treiben im Jugendzimmer finden.

Sergej Moya brilliert als zombiehafter Teenager

Am Tatort entdecken die Ermittler Schuhabdrucke und DNA-Spuren an Zigaretten von Tobias (Sergej Moya). Der Teenager ist nicht nur der einzige Freund des Toten, sondern auch der einzige Verdächtige, ebenfalls ein Außenseiter mit Ausschlag im Gesicht und Zahnspange, mit fettigen Haaren und Händen, die immer eine selbst gedrehte Zigarette umklammern und an deren Finger Nägel wachsen, lang wie Krallen. Wie ein Zombie wandelt Tobias in seinem schwarzen Mantel durch den Film, er weigert sich zu sprechen, sein Blick ist diabolisch.

In seiner Figur verdichtet sich die gesamte Dramatik der Handlung, die wie ein Kammerspiel aufgezogen ist, so redundant und ohne Nebenstränge, dass sogar eine Befragung der Klassenkameraden ausfällt. Das wirkt unglaubwürdig, ist aber auch das einzige Manko dieses herausragenden Krimis. Regisseur Hannu Salonen konzentriert sich fast ausschließlich auf die Verhöre von Tobias, den der gerade mal 21-jährige Jungschauspieler Sergej Moya mit dringlicher Intensität verkörpert. Moya selbst hat die Schule für die Schauspielerkarriere in der 10. Klasse an den Nagel gehängt, wurde im vergangenen Jahr mit dem Max-Ophüls-Preis als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet und führt selbst Regie.

Die Kamera hält dicht auf sein Gesicht, leuchtet seine Mimik aus, die meist undurchdringlich ist, die Mundwinkel hängen nach unten, irgendwann flackern die Augenlider, die Maske fällt, wenige Tränen rollen. Kappl und Deininger spielen das alte Polizeispiel "bad cop, good cop". Der forsche Bayernbulle misstraut und baut Druck auf, der immer wie ein geprügelter Hund dreinschauende Deininger sympathisiert mit dem Halbwüchsigen, erinnert er sich doch an die Hänseleien seiner eigenen Jugend. Bevor sie kapitulieren, tauschen sie die Rollen.

In der Ambivalenz des vermeintlichen Täters liegt die Irritation, die psychologische Feinheit des Films. Denn der Verdächtige mit der kalten Aura wurde jahrelang von seinen Mitschülern gemobbt und misshandelt, er gibt sich als böser Wolf, entpuppt sich als Opferlamm um dann zum Rächer zu werden, besessen vom Gefühl der Macht. Dieser "Tatort" wirft Fragen auf, die nicht beantwortet werden können, die noch niemand beantwortet hat. Er zeigt die verwirrte Seele einiger Teenies unterm Brennglas, die aussehen wie Vampire in den derzeit so angesagten Hollywoodfilmen, und die eine beängstigende Gewaltbereitschaft an den Tag legen. Am Ende gibt es noch einen Toten, Deininger hatte den besseren Riecher, man sieht einen ziemlich verstörten Kommissar Kappl, die Weinfest-Beschaulichkeit ist ausgelöscht.