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"Tatort"-Kritik: Lass das mal den Papa machen

Ein ausgefallener Soundtrack und stilisierte Figuren machen den Bremer "Tatort" zur perfekten Krimi-Unterhaltung. Wer der Mörder war, wurde zur Nebensache.

Von Sarah Stendel

Als erstes fällt die Musik auf. Der Bremer "Tatort" macht mit dem Soundtrack von "Supergeil"-Komponist Jakob Grunert gleich klar, dass hier jemand Spaß beim Inszenieren hatte. Von Stones-Hits bis Schlagersongs ist alles dabei.

Der Regisseur Florian Baxmeyer hat bei "Alle meine Jungs" seiner Lust am Stilisieren freien Lauf gelassen: Da darf in Zeitlupe und mit viel Glitzer-Konfetti eine Stripperin aus der Mülltonne springen, lackierte Plastik-Fingernägel klappern in Nahaufnahme zum Takt der Musik und das Eintreffen einer Horde Müllmänner wirkt fast so cool wie Clooneys "Ocean's 11" in Aktion. Baxmeyer, der schon einmal für den Kurzfilm-Oscar nominiert war und 2003 den Studenten-Oscar bekam, beweist hier ein Händchen für gute Krimi-Unterhaltung.

Es ist sein siebter "Tatort" in Bremen, er hat auch den ausgezeichneten Vorgänger "Brüder" inszeniert. Dort ging es um Zusammenhalt in Clans, im Mittelpunkt stand eine kriminelle Araber-Großfamilie. Dieses Mal gibt es keine Blutsbande, doch eine Gruppe von Ex-Knackis, die von dem Paten-ähnlichen Bewährungshelfer Uwe, genannt "Papa" (Roeland Wiesnekker), gelenkt wird, hält genauso fest zusammen. Eigentlich.

Denn als der Müllmann Maik erstochen aufgefunden wird und die Bremer Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) an seinem Arbeitsplatz ermitteln, will sein Kollege, der Ex-Häftling Sascha (Jacob Matschenz), plötzlich aussagen. Doch er flieht zunächst und gibt nur einen anonymen Hinweis bei der Polizei ab. Seine Schwester Yvonne (Genija Rykova), die Exfreundin des Ermordeten, und ihr Baby Rihanna will Sascha nicht zurücklassen.

Daddy Cool im China-Restaurant
Die lebt genau wie er bisher sicher in den sozialen Strukturen, die "Papa" für seine Ex-Häftlinge geschaffen hat: Sie arbeiten alle bei der gleichen Müllabfuhr, sie leben alle in der gleichen Straße, wo sie von "Papa" Kitas, Grillfeste und Reihenhäuser gestellt bekommen. Und deshalb folgt jeder seinen Regeln. Eine lautet eigentlich: keine Gewalt. "Es geht nur mit Verständnis und Härte", erklärt der Bewährungshelfer den Kommissaren selbstgerecht sein Konzept, er nennt es das "Bremer Modell". Natürlich wird ein krummes Ding gedreht und "Papa" steckt tief in dubiosen Müllgeschäften. Doch darum geht es nicht, viel spannender sind die überhöhten Figuren des "Tatorts", allen voran der wirklich wunderbar gespielte "Papa", der zwischen Grausamkeit und echten Resozialisierungsmaßnahmen wandelt.

Seinen ersten Auftritt hat er zu "Daddy Cool" im China-Restaurant seiner Wahl. Der Ort ist das, was für Tony Soprano das "Bada Bing" war. Hier erledigt der Bewährungshelfer seine Geschäfte, hier finden ihn seine Jungs, wenn sie Schwierigkeiten haben vor einem Teller "Labskaus Shanghai". "Soll Han Ihnen auch einen machen?", bietet "Papa" der Kommissarin an. "Bitte nicht", ist ihre Antwort. Erst später, wenn der "Tatort" plötzlich richtig Fahrt aufnimmt, teilen sie sich China-Fastfood aus Plastikschalen. "Papa" reibt Lürsen dabei ihren eigenen Müll unter die Nase und versucht, sie mit dem Inhalt zu erpressen. Während sich zwischen ihnen ein spannendes verbales Psychoduell abspielt, wird Kollege Stedefreund eiskalt von "Papas" Jungs verdroschen.

Vom Psychoduell zur Gewaltorgie
Und die Gewalt steigert sich: In Anleihe an Quentin Tarantinos "Kill Bill" muss Bösewicht Tarek (vor kurzem noch der neue Assistent im Kölner "Tatort": Patrick Abozen) eine Augenklappe tragen, nachdem ihm sein Kollege mit einer Gabel ein Auge ausgestochen hat. Angezeigt wird das natürlich nicht, Tarek ist "unglücklich gefallen". Die Gewaltorgie erreicht ihren Höhepunkt, als die junge Mutter Yvonne mit "Papas" Segen und mit Hilfe ihrer mütterlichen Freundin Trude von der Truppe mit Lürsens Dienstwaffe vergewaltigt wird. Auch das bleibt ohne Folgen für die Täter, denn Yvonne will weiter dazugehören. Die Drohung ist aber bei ihrem Bruder Sascha, der mittlerweile bei der Polizei aussagen wollte, angekommen.

Es ist genau dieses Zusammenhalten-um-jeden-Preis, dieses stillschweigend-Hinnehmen um der Ersatzfamilie willen, was diesen "Tatort" ausmacht. Wer der eigentliche Mörder ist, ist Nebensache. Die Dynamiken in der mafiösen Müllmänner-Truppe sind Krimi genug. Zum Schluss liefert sich sogar "Papa" selbst ans Messer, um einen lukrativen Deal mit der Müllverbrennungsanlage nicht platzen zu lassen und das Fortbestehen der Gemeinschaft zu gewährleisten.

Als Kontrastfolie zu diesem extremen Entwurf von Familiensinn dient das unterkühlte Verhältnis von Kommissarin Lürsen und ihrer Tochter Helen (Camilla Renschke), die ihre Vorgesetzte bei der Mordkommission ist. Lürsen vergisst den Geburtstag ihrer Tochter und kennt noch nicht einmal den Namen ihres Exfreunds. Während hier ein versöhnliches Ende angedeutet wird, bleibt für Yvonne und die restliche Gemeinschaft rund um die Bremer Müllabfuhr alles beim Alten. Ein neuer "Papa" hat bereits im China-Restaurant am Tisch Platz genommen.