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"Tatort"-Kritik: Mädchen als Versuchstiere missbraucht

Ein Pflegevater, der getötet wird, skrupellose Ärzte, die Mädchen aus Krisenregionen als Versuchstiere missbrauchen und die Existenzängste des Mittelstandes: Die Münchner "Tatort"-Kommissare Batic und Leitmayr hätten eine interessante Geschichte zu ermitteln, müssen aber "Derrick" spielen.

Von Kathrin Buchner

Ein seltsames Déjà-vu-Erlebnis stellt sich bei regelmäßigen Zuschauern des Münchner "Tatort" ein. Eine überforderte Frau, die im Streitgefecht ein Familienmitglied einen Abhang hinunterschubst, mit tödlicher Wirkung, kommt einem bekannt vor. In der vor wenigen Monaten ausgestrahlten Folge "Kleine Herzen" war es eine Teeniemutter, die so ihre ständig nöhlende Beinahe-Schwägerin loswurde. Dieses Mal ist es eine gestandene Frau, zweifache Mutter, die ebenfalls existenzielle Ängste hat, wenn gleich auf einem ungleich höheren Niveau, und im Affekt ihren Mann in den Tod stößt.

Doch während das Drama um die Teenie-Mutter intensiv, dicht, packend und sehr innovativ war, ist diese "Tatort"-Folge "Häschen in der Grube" klassisch, lehnt sich sogar an alte "Derrick"-Zeiten an - auch wenn eine hochbrisante Geschichte dahintersteckt.

Es geht um Menschen als Versuchskaninchen. Um Ärzte, die die finanzielle Not in Krisengebieten ausnutzen, die gesunde Menschen krank machen, um ihren Forschungsdrang und die Gier nach Geld und Ruhm zu befriedigen. Kleine Mädchen aus Turkmenistan, die angeblich an Leukämie erkrankt sind, werden über eine Stiftung an deutsche Pflegefamilien vermittelt. Die verpflichten sich für 3000 Euro monatlich, die Kinder regelmäßig zur Behandlung in eine bestimmte Klinik zu geben, wo Professor Frey (Hanns Zischler) und Doktor Jahnn (Joachim Król) an einem Medikament gegen Leukämie forschen.

Notorischer Quertreiber wird ermordet

Eine dieser Pflegeeltern ist das Ehepaar Hübner, sie kümmern sich um die siebenjährige Salima, besonders Vater Werner Hübner (Martin Rappold), ein freier Grafiker und notorischer Quertreiber. Als er sich weigert, Salima weiter in die Klinik zu bringen und dem Leiter der Stiftung bei einer Versammlung der Pflegeeltern droht, Beweise zu haben, dass etwas nicht mit rechten Dinge zu geht, wird er ein paar Stunden später tot aufgefunden, ausgerechnet von den Klassenkameraden seines Sohnes.

Kommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Kollege Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) gehen in diesem Ermittlungsklassiker auf Mördersuche in einer Familien-Villa mit Swimmingpool. In ihrer Steifheit erinnern die Akteure an die Welt von Horst Tappert, wie er als "Derrick" in den Untiefen und Grabenkämpfen der betuchten Münchner Gesellschaft stochert. Da ist die pflichtbewusste, disziplinierte und autoritätshörige Mutter Anne (Stephanie Japp), die aus einer standesbewussten höheren Beamtenfamilie kommt. Gegen den Willen ihres Vaters hat sie einen Träumer geheiratet, der nicht mit Geld umgehen kann. Jetzt gerät sie in Verdacht, eine Affäre mit dem Stiftungs-Geschäftsführer zu haben, der dann aus Eifersucht ihren Mann umgebracht haben könnte. Da ist ihr Vater, der Baurat a.D. mit Faible für Golfclubs, Geldadel und Privatschulen. Und da ist der pubertierende Sohn René, der von seinem Vater die rebellische Ader und die Hilfsbereitschaft geerbt hat und seinen schnöseligen Mitschülern gegen Geld die Hausarbeiten schreibt.

Milieustudie von Mittelständlern, die zu Mittätern werden

Regisseurin Dagmar Knöpfel vertraut nicht so sehr auf die Kraft von Bildern und Gesten, sie lässt viel reden in diesem "Tatort", macht etliche nicht ganz verständliche Nebenstränge auf wie die ständige Filmerei des adeligen Klassenkameraden von Hübner-Sohn René. Statt sich auf die brisante Geschichte über kleine Mädchen, die künstlich krank gemacht werden und als menschliche Versuchstiere missbraucht werden, zu konzentrieren, fertigt sie eine Milieustudie an: Von Mittelständlern, die aus finanziellen Engpässen heraus ihre Hilfsbereitschaft entdecken, wenig hinterfragen und so Mittäter werden bei diesem Medizin-Betrug.

Geradezu genial ist allerdings der konterkarierende Handlungsstrang: Kommissar Batic hat die Katze seiner Nachbarin in Pflege, sie entläuft ihm und aus schlechten Gewissen kauft er vom in rosa Plüsch gehüllten Kratzbaum bis zur Spitzenjäckchen teure Accessoires - das Absurdum unser modernen Gesellschaft, wenn Tiere als Menschenersatz dienen und Menschen zu Versuchskaninchen mutieren.

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