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"Tatort"-Kritik: Paranoia in der Schweiz

Hopp, Schwyz: Der "Tatort" aus Luzern nimmt endlich Fahrt auf und überrascht mit einem atmosphärigen Krimi um Steuersünder und Verfolgungswahn.

Von Sarah Stendel

Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu, Mitte) pfeift seine beiden Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) zurück.

Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu, Mitte) pfeift seine beiden Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) zurück.

Der Schweizer "Tatort" hat es oft nicht leicht mit der Gunst der Zuschauer. 2011 wurde der Luzerner Ermittler Reto Flückiger (Stefan Gubser) sogar zum unbeliebtesten Kommissar ernannt. "Verfolgt", der neueste Krimi aus der Schweiz, tut jetzt jedoch einiges, um den Ruf aufzupolieren.

Schon die Anfangssequenz nimmt den Zuschauer mit: Eine Frau wird mit ihrer Tochter auf dem Schulweg von einem Wagen verfolgt, hektisch dreht sie sich immer wieder um. Schnitt zu einem Mann im Anzug, der panisch durch die Straßen rennt, einen Verfolger dicht auf den Fersen wissend. Die Angespanntheit entlädt sich in einem Hutladen, wo der Mann brutal auf einen vermeintlichen Angreifer einschlägt.

Der Zuschauer ist davon noch ganz außer Atem, da taucht auch schon die erste Leiche auf: Eine junge Frau liegt tot in der Wohnung einer Freundin. Die Komissare Flückiger und Liz Ritschard (Delia Mayer) ermitteln. Schnell führt die Spur zu dem Geliebten der Dame: Es ist der Verfolgte. Fast erleichtert lässt der sich von der Polizei verhören. Sein Name ist Thomas Behrens, er ist IT-Mitarbeiter bei einer Schweizer Bank und hat eine CD mit brisanten Steuer-Daten gestohlen, die er dem deutschen Finanzamt zuspielen will. Es geht um Geldschieberei auf den Cayman Islands. "Wir haben es mit hochkomplizierter Kriminalität zu tun", ruft Behrens (Alexander Beyer) eindringlich, der im Verhör immer wirrer und lauter wird. Die Kommissare ordnen eine Nacht in der Psychatrie an - am nächsten Tag ist Behrens tot. Und Flückiger beschleicht das ungute Gefühl, dass es nicht wie augenscheinlich Selbstmord war.

Auch der Kommissar wird paranoid

Es ist eine der Stärken dieses "Tatorts", dass das Thema Paranoia auch auf den Kommissar übergeht. Was ist absurde Verschwörungstheorie und was echte Bedrohung? Behrens' Frau, die Mutter aus der Anfangssequenz, hat noch immer das Gefühl, verfolgt zu werden. Vor Ort wird Flückiger mulmig, als er das dunkle Stück Wald vor ihrem Haus absucht. Schon die Architektur kurbelt die Fantasie an: Die Glaswände bieten keinen Schutz vor Beobachtern, der Übergang zum Obergeschoss ist fließend. Herbstlaub weht durch dunkle Straßen, Lichtscheinwerfer tasten Hauswände ab - hier schafft es der Krimi, auch optisch das Gefühl des Verfolgungswahns einzufangen.

Das alles macht "Verfolgt" zu einem erstaunlich atmosphärischen Krimi, auch wenn die Synchronisation wie immer etwas nervt. Erfrischend ist jedoch, dass das Privatleben der Kommissare im Gegensatz zu anderen Teams im Hintergrund steht, auch auf Klamauk wird verzichtet. Außerdem stark: Es gibt kein Happy-End. Alle Zeugen sind irgendwann beseitigt worden, die Steuersünder agieren genau an der Grenze zur Legalität. Und alles wird von oben gedeckt.

Schade nur, dass sich der Luzerner Krimi hier mit dem Thema Bankgeheimnis sehr offensichtlich um einen Bezug zu Deutschland bemüht. Witzeleien über die deutsche Currywurst, ein schnöseliger deutscher Staatssekretär, der sich über die Schweiz auslässt - fast wirkt es so, als hätten die Macher Angst, das deutsche Publikum sonst nicht im Boot zu haben. Bei den Ermittlern in Wien war vergangene Woche Berlin jedenfalls kein Thema. Etwas mehr Selbstbewusstsein würde den Schweizern gut tun. Denn dass auch sie packende Krimis können, beweist "Verfolgt".