Literatur
Scham, Stille – und nun Gesang: Michel Houellebecq zum 70.

Der Wirbel um den Sexfilm "Kirac 27" scheint ihm noch tief in den Knochen zu sitzen. (Archivbild) Foto: Boris Roessler/dpa
Der Wirbel um den Sexfilm "Kirac 27" scheint ihm noch tief in den Knochen zu sitzen. (Archivbild) Foto
© Boris Roessler/dpa
Kein neuer Roman, kein Eklat – sondern Lyrik und sanfte Klänge. Zum 70. Geburtstag kehrt Schriftsteller Michel Houellebecq mit Gedichten und Musik zurück. Nach dem Porno-Skandal ein leiser Neustart?

Scham. Paranoia. Verlust an Unbefangenheit. Ungewohnte Worte vom französischen "Enfant terrible" der Literatur. Gesagt in einem seltenen Interview nach dem Skandal um seinen Sexfilm "Kirac 27", erklärte Michel Houellebecq, er habe "Höllen" durchlebt. Meldet er sich nach längerer Zurückgezogenheit deshalb mit Gedichten und Musik zurück – ein Versuch eines entschärften Neuanfangs?

Skandale ist Houellebecq gewohnt, der am 26. Februar 70 wird. Doch der Wirbel um "Kirac 27", von ihm selbst als Pornofilm bezeichnet, scheint ihm noch tief in den Knochen zu sitzen. "Man wird paranoid, hat das Gefühl, alle schauen einen spöttisch an, und man beginnt, seinen eigenen Körper zu verachten", sagte er in der TV-Literatursendung "La Grande Librairie" weiter. 

Zwischen Selbstinszenierung und Selbstentblößung

Obwohl Gerichte Houellebecqs Versuch, den Film zu stoppen, abgelehnt hatten, ist "Kirac 27" bis heute nicht offiziell erschienen. Ein kurzzeitig online gezeigter Trailer offenbarte den Autor in intimer Szene mit einer jungen Frau. Später räumte er in der "Süddeutschen Zeitung" ein: "Das war vielleicht das Dümmste, was ich je in meinem Leben getan habe".

Nach dem Skandal scheint selbst seine demonstrative Unbeirrbarkeit Risse bekommen zu haben, zu denen sein schmuddeliges Auftreten und seine lässig zwischen Mittel- und Ringfinger geklemmte Zigarette gehören.

Erfahrungen vor der Kamera hat er allerdings schon früher gesammelt – etwa in "Rester vivant: méthode" (Am Leben bleiben: Methode) an der Seite des US-amerikanischen Musikers und Sängers Iggy Pop oder in "Die Entführung des Michel Houellebecq", der 2014 auf der Berlinale Premiere feierte. 

Die Scham bleibt

Diese Scham werde nie verschwinden, erklärte er in "La Grande Librairie". Seitdem habe er auch Angst, dass es Dinge gebe, die er nicht mehr tun werde. Vielleicht ist es diese Zurückhaltung, die ihn nun, vier Jahre nach seinem letzten Roman "Vernichten", zu Gedichten und Musik zurückkehren lässt.

"Combat toujours perdant" (Der stets verlorene Kampf) versammelt Texte, von denen mehrere auf dem Album "Souvenez-vous de l’homme" (Erinnert euch an den Menschen) vertont wurden. Beide Alben sind in Frankreich jeweils für den 4. und 6. März geplant. Ende Januar erschien bereits der Song "Ils chevauchaient le vent" (Sie ritten auf dem Wind) – zart im Klang, doch unverkennbar von Houellebecqs Themen geprägt: Krieg, Maschinen, Entfremdung und das langsame Verschwinden des Menschen.

Bereits in den 1990er- und 2000er-Jahren verband Houellebecq Gedichte mit Musik. Auf dem neuen Album begleitet ihn der französische Komponist und Singer-Songwriter Frédéric Lo, bekannt für seine melancholisch-filmische Musik.

Vom Endzeit-Propheten zum Prix-Goncourt

Houellebecq ist einer der meistübersetzten und zugleich umstrittensten Autoren Frankreichs: Für die einen ist er ein zynischer Provokateur, für die anderen ein scharfsinniger Chronist westlicher Gesellschaften. In "Plattform" schickte er 2001 seinen sexuell frustrierten Protagonisten nach Thailand und thematisierte Sextourismus – ein Schock für Feministinnen und Gegner der Prostitution. Das Buch endet mit einem Anschlag islamistischer Fundamentalisten, kurz vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York und ein Jahr später auf der indonesischen Insel Bali.

Seinen Ruf als Endzeit-Prophet festigte er mit "Elementarteilchen" und "Die Möglichkeit einer Insel", in denen er die verkommenen Menschen des Abendlandes durch geklonte Individuen ersetzt, die weder altern noch sterben. Für "Karte und Gebiet" erhielt er den Prix Goncourt, "Unterwerfung", in dem Frankreich von einem muslimischen Präsidenten regiert wird, löste eine heftige politische Debatte aus. Mit "Vernichten" präsentierte er 2022 erneut eine düstere Vision von der Welt und der Menschheit.

Biografie eines Unbequemen

Bevor er zum "Enfant terrible" der Literatur wurde, erlangte Houellebecq ein Diplom als Landwirtschaftsingenieur und studierte Filmwissenschaften. 1958 (nach anderen Angaben 1956) wurde er als Michel Thomas auf der französischen Insel La Réunion im Indischen Ozean geboren. Seine Großmutter zog ihn auf, er nahm ihren Namen als Pseudonym an. Wegen Depressionen suchte Houellebecq mehrfach psychiatrische Kliniken auf.

Reaktionär, Frauenfeind, Islam-Hasser, Romantiker, Nihilist, Visionär – in seinen Romanen seziert er unsere Zeit. Um "political correctness" kümmert er sich wenig. "Ich bin der Radikalste von allen", sagte er in einem Interview – eine Haltung, die sich nach dem Skandal um "Kirac 27" womöglich verändert hat.

dpa