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Michel Houellebecq in Köln Von zeichnenden Sturköpfen und Islamophobie


Es war sein erster öffentlicher Auftritt seit dem Attentat in Paris: Michel Houellebecq hat in Köln aus seinem Buch "Unterwerfung" gelesen und viele Fragen unbeantwortet gelassen.
Von Barbara Opitz, Köln

Ja, er greift zur Zigarette. Das "Enfant Terrible" der französischen Literatur, ein Radikaler, ein Provokateur - er wird seiner Rolle gerecht. Genüsslich inhaliert Michel Houellebecq, grüner Parker, beige Socken, schwarze Slipper, den Rauch. Wie ein Gnom, schmächtig, die Haare grau, abstehend, sitz er dort. Versunken in einem dunklen Samtsessel, erhaben über jede Frage.

In Köln war diesen Montag Houellebecqs erster Auftritt nach dem Erscheinen seines Romans "Unterwerfung" in Frankreich vor knapp zwei Wochen. Der Tag der Veröffentlichung war ein Mittwoch, der Mittwoch, an dem zehn Mitarbeiter des Satiremagazins "Charlie Hebdo" von Islamisten ermordet wurden. Ausgerechnet Houellebecqs Roman war das Titelthema der Satire-Ausgabe, die ebenfalls an diesem Tag erschien, mit einer Karikatur von Houellebecq als rauchendem Greis auf Seite Eins. Er sagt: "2015 verliere ich meine Zähne, 2022 halte ich Ramadan." Ein guter Freund Houellebecqs, der Kolumnist des Satire-Magazins, Bernard Maris, ist eines der Opfer. Houellebecq tauchte ab.

Depressiver, sexsüchtiger Literaturprofessor

Knappe zwei Wochen später ist die Halle auf der ehemaligen Kölner Industrieanlage ausverkauft. 580 Menschen, wilde Locken, graue Scheitel, Brillen, Cord. Die Linksintellektuellen haben sich versammelt. Fernab von den jungen Männern mit den langen Bärten, die aus den Banlieues, mit ordentlich viel Wut im Bauch. Schon Wochen bevor der Terror nach Paris kam, waren die Karten für die Kölner Lesung vergriffen. Sie kommen heute wegen ihm, dem Provokateur. Wegen der unverschämten Idee, wie eine Besucherin es formuliert, in diesen Tagen über die Unterwerfung Frankreichs im Jahre 2022 unter eine islamische Regierung zu schreiben. Die Polygamie zieht ein, der Schleier beherrscht die Öffentlichkeit und Houellebecqs Held, ein sexsüchtiger, depressiver Professor, konvertiert auf der Suche nach moralischer Instanz dankbar zum Islam. Houellebecqs trifft einen empfindlichen Nerv mit seinem Buch, das durch die Morde in Paris an beängstigender Brisanz gewonnen hat.

Zu intellektuell für Islamisten

Die Veranstalter der Lit.Cologne lassen sich nicht einschüchtern. Lediglich ein paar Sicherheitsleute stehen vor dem Eingang. Und die Polizei fährt ab und an Patrouille, ein Ehepaar nimmt in Reihe 14 Platz. Mulmig sei ihr schon, dass kaum Sicherheitsmaßnahmen getroffen seien, sagt die Frau. Ihr Mann vertritt die vorherrschende Meinung, es passiere nichts, die Lesung sei "zu intellektuell für diese Leute". Und so breitet sich im Saal eher die Neugierde aus, sieht Houellebecq wirklich aus wie ein Penner? Wird er wieder rauchen, mitten auf der Bühne? Und vor allem: was wird er sagen zu "Charlie"?

"Ich denke nicht, dass man ein Held sein muss, um heldenhaft zu handeln. Vielleicht reicht es, ein Sturkopf zu sein. Und das waren die Zeichner von "Charlie Hebdo", Sturköpfe", sagt Houellebecq. Interviews seien jetzt eben schwerer. Am Anfang habe er nur ein Problem gehabt, nämlich immer wieder erklären zu müssen, dass das Buch "Unterwerfung" nicht islamfeindlich sei. "Jetzt muss ich zwei Dinge in einer Endlosschleife erklären: Erstens, dass mein Buch nicht islamfeindlich ist, und zweitens, dass man dennoch das Recht dazu hat, ein solches Buch zu schreiben."

Westliche Welt hat sich längst aufgegeben

Tastächlich ist der Roman weder islamophob noch eine Werbung für den rechten Flügel. Denn bevor die muslimische Regierung in Houellebecqs Zukunftssatire die Wahl gewinnt, ist die westliche Zivilisation schon längst an ihrem Materialismus, Opportunismus, Egoismus, Sexismus, und ihrer spirituellen Leere zu Grunde gegangen. "Ich hatte mir fast gewünscht, dass es islamophob ist, denn dann wäre es viel einfacher für mich gewesen. Aber eigentlich steht es dafür, dass man sich von keiner Seite beeinflusse lassen soll", sagt er noch.

Auf die restlichen Fragen antwortet der Schriftsteller dann aber eher beiläufig. Es scheint ihm egal zu sein, wie konkret nun seine Utopie den Anschlag vorausgesagt hat. Sein Buch sei eine Fiktion, bestehe weniger aus der Beobachtung, sondern sei aus literarischen Einflüssen entstanden. Ganz generell hätten die Franzosen ein Problem, nämlich einen linken Präsidenten, deshalb öffneten sie sich immer mehr dem extrem rechten Front National.

Fragen ohne Antworten und umgekehrt

Die meisten Zuschauer hatten sich wohl mehr von diesem Abend versprochen. Etwas uninspiriert verlassen sie den Saal. Viele Fragen bleiben offen. Dabei ist es wohl genau dieses Szenario, das auf die aktuelle Debatte der Islamisierung Europas zutrifft. Da ist der Journalist, der nicht müde wird, Fragen zu stellen, vor allem konkrete Fragen, die einfacheren, solche, die das Publikum interessieren und die Leser: Zu Charlie, zu dem Attentat. "Ist es Ihnen nicht unheimlich, dass sie in ihrem Roman schreiben, bewaffnete Männer laufen durch die Straßen von Paris?" "Wie haben Sie all diese Dinge so gezielt beobachten können?"

Die Antworten seines Gegenübers, des Künstlers, bleiben vage, aber groß gedacht. Es geht ihm um Zusammenhänge, das Weitreichende, Ursache und Wirkung, knallharte Systemkritik. Den Anschlag vorhersehen? "Ich habe eben Fähigkeiten", nuschelt Houellebecq unbeteiligt. Dazu noch die Übersetzerin, die weder dem Sprachwitz des einen gerecht wird, noch die Fragen der beiden Gesprächspartner treffend übersetzt ("flammender Maler" statt "flämischer Maler"). Lost in Translation in allen Richtungen. Und so entsteht ein Nebeneinander von Antworten, nach denen nie gefragt wurde, unbeantworteten Fragen, die kleinen und die großen, zu diesem grausamen Mittwoch in Paris, genau wie die über die Notwendigkeit der Abschaffung des französischen Parlaments.


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