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"Tatort"-Kritik: Wiener Kartoffelchips-Diät

Immerhin das Ende war gut, bei diesem Wiener "Tatort": versöhnlich, aber alles andere als politisch korrekt. Der Rest von "Abgründe" bestand aus einem einzigen zähen Dialog an Dutzenden von Orten.

Von Niels Kruse

Wenn eine TV-Kritik schon mit dem Wort eigentlich beginnt, kann sie ja kein gutes Ende nehmen. Und das wird sich auch jetzt nur teilweise ändern. Also: Eigentlich waren die letzten Wiener "Tatorte" immer ungewöhnliche, aber sehenswerte Exemplare der sonntäglichen Krimi-Reihe. Etwas krude vielleicht, aber packend, oft realistisch und gerne auch ohne Happy End. So weit, so gut. Ungewöhnlich ist der neueste Fall "Abgründe" zwar auch, aber nur deshalb, weil er das Kunststück fertig bringt, schnell und zäh zur gleichen Zeit zu sein.

Am Thema selbst lag es nicht, dass die Österreicher diesmal nicht zündeten. Zeitlich passend zum Fall Edathy ging es um einen Kinderpornoring und einflussreiche Kreise, die versuchen, das Ausmaß ihres ekligen Treibens zu vertuschen - Verschwörung, Spezlwirtschaft und klare Feindbilder inklusive. Klar, das ist kein leichtes Thema, hätte spannend werden können, lag aber deshalb schwer im Magen, weil die gesamten 90 Minuten aus einem nicht enden wollenden Dialog zwischen den Kommissaren Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) bestanden. Wenn dann auch noch das Knuspern der Kartoffelchips nur einen Halbsatz übertönte, konnte man gleich wieder von vorne anfangen.

Schöne Bilder und triste Atmosphäre

Die Ironie ist, dass die Macher Uli Brée (Drehbuch) und Harald Sicheritz (Regie) die beiden Ermittler nach jedem dritten Satz an einen anderen Ort befördern, wo sie außer Zwiesprache zu halten nicht weiterkamen. So gaukelten sie Tempo und Action vor, wo es eine einfache Handlung auch getan hätte. Zumindest eine, die den Zuschauer in irgendeiner Form packt. Aber so: Niemand wurde gejagt und keiner verdächtigt, sondern nur allerorten im Nebel gestochert. Das allerdings in sehr schönen Bildern und angemessen trister Atmosphäre.

Apropos Handlung. "Je beschissener das Klischee, desto wahrer ist es", sagt Ernst Rauter (Hubert Kramer), Vorgesetzter der beiden Kommissare an einer Stelle. Auf Verschwörungskrimis angewandt bedeutet der Satz so viel wie: Die Hauptfiguren wittern höhere Mächte am Werk, bohren und haken nach, werden deswegen irgendwann suspendiert und ein Verwandter aus dem Umkreis der Ermittler fällt einem Anschlag zum Opfer. Im Fall von "Abgründe" sah das so aus: Eine Kollegin von Eisner und Fellner wird tot in einem Haus gefunden, in dem vor Jahren einmal ein Kind gefangen und misshandelt wurde. Das Opfer Franziska Kohl, die damals in dem Fall ermittelte, vermutete einen Kinderpornoring hinter der Entführung und folgte weiter ihrer Ahnung, obwohl der Vorgang längst unter verschlossenen Aktendeckeln ruhte. Unter den Kollegen galt sie als paranoid.

Anknüpfungspunkte baumeln lose umher

Schnell bekommen die Wiener Kommissare die Ansage, dass der Tod Kohls nicht weiter verfolgt werden solle, Eisner und Fellner beschleicht natürlich sofort der Verdacht, dass hier etwas faul ist. Zumal plötzlich wichtige Beweisstücke aus dem Kommissariat verschwinden, wie das Handy des Opfers sowie ihr Notizbuch. Weil aber leider sämtliche Anknüpfungspunkte lose umherbaumeln, müssen die Kommissare Krethi und Plethi besuchen, um auch nur den Hauch einer Spur zu finden. Erst ein Unfall bringt Bewegung in die Nachforschungen: Eisners Tochter ist mit dem väterlichen Wagen verunglückt und liegt schwerverletzt im Krankenhaus.

Am Ende blitzt dann doch noch der eigene Charme des Wiener "Tatorts" auf und entschädigt die Zuschauer ein wenig für endlose Dialoge an Dutzenden von Orten. In einem Anfall von Selbstjustiz scheuchen die mittlerweile vom Dienst freigestellten Polizisten das pädophile Gesindel auf und verlangen vom mutmaßlichen Strippenzieher, dem elitär-arroganten Ex-Soldaten Paul von Fichtenberg (Heinz Trixner), die Angelegenheit "wie ein Offizier" zu lösen - sprich: den Freitod zu wählen. Eisners Aufforderung ist mehr persönliche Rache als offizielle Aufklärung. Aber einer dieser typischen Wiener Schlussmomente, die die österreichischen Krimifolgen vom Gros der meisten "Tatorte" angenehm abheben: irgendwie versöhnlich, irgendwie bitter und irgendwie überhaupt nicht politisch korrekt.