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"Tatort"-Kritik Franziska und der Stich des Skorpions


Um den ersten "Tatort" im Spätprogramm gab es im Vorfeld viel Gewese. Vor allem ist "Franziska" ein erstklassiger Krimi, der der TV-Institution die Zukunft weist.
Von Dieter Hoß

Das also war er, der erste "Tatort" in 43 Jahren, der aus Jugendschutzgründen ins Spätprogramm verbannt wurde. Mancher mag angesichts der Vorberichterstattung eine Blutorgie erwartet haben; die gab es zum Glück nicht. Stattdessen zerrte dieser Kölner "Tatort" an den Nerven, hielt den Zuschauer in fast ständiger Anspannung und hinterließ ihm eine Erkenntnis, die kaum zu akzeptieren ist. Egal, ob man selbst die Episode ebenfalls auf einen Sendeplatz nach 22 Uhr verschoben hätte, oder die Entscheidung der Programmverantwortlichen für übertrieben hält: Sie ist nachvollziehbar.

Nachvollziehbar wie die gesamte Geschichte, wie das Handeln des Täters, ja sogar die Tat selbst. Autor Jürgen Werner und Regisseur Dror Zahavi gelingt es, ohne falsche Plädoyers und ohne Parteinahme zu inszenieren, was den Mörder und Vergewaltiger Daniel Kehl (diabolisch lakonisch: Hinnerk Schönemann) und sein Opfer, die Ballauf- und Schenk-Assistentin Franziska Lüttgenjohann (erstklassige Abschiedsvorstellung von Tessa Mittelstaedt), genau dorthin gebracht hat, wo sie während des Großteils des Films sind: in einen kleinen, abgerissenen Besuchsraum des Kölner Gefängnisses. Kehl ist dort, um noch einmal seinen durch Misshandlungen der Mutter ausgelösten Drang auszuleben. Franziska in dem fatalen Irrglauben, ihm helfen zu können.

"Darauf habe ich zehn Jahre gewartet"

Alles dreht sich um dieses dramatische Kammerspiel. Der Rest ist dramaturgisches Beiwerk, Mittel zum Zweck oder Verständnishilfe: die kleinlichen Kompetenzstreitigkeiten, das übliche martialische Auftreten der SEK-Leute, die Untersuchungen des Gerichtsmediziners, die Macht- und Gewalt-Strukturen im Knast und auch die Ermittlungen der Kommissare Ballauf und Schenk. Als die beiden den Zusammenhang zu einem scheinbar nebensächlichen weiteren Fall erkennen, wird ihnen gleichzeitig bewusst, dass sie ihre Kollegin nicht retten können.

Denn hier geht es nur um eines: "Darauf habe ich zehn Jahre gewartet", sagt Kehl fast freundlich. In diesem Moment beginnt Franziska zu ahnen, was auf sie zukommt. Der eher zufällige Fund zweier Frauenleichen in einem abbruchreifen Haus hat dem Häftling, der kurz vor seiner Freilassung steht, klar gemacht, dass ihm weitere Morde bewiesen werden können und er womöglich nie mehr aus der Haft entlassen wird. Der Besuch der freiwilligen Bewährungshelferin Franziska kommt ihm da gerade recht. Sie wird zu seiner Geisel. Er will er es ein letztes Mal erleben, ein letztes Mal Macht über eine Frau spüren, ein letztes Mal diesen Moment auskosten: "Man sieht es in ihren Augen ... wenn sie nicht mehr kämpfen." Kehl fühlt sich wie der Skorpion aus der Fabel, der doch den Frosch sticht, obwohl dadurch beide im Fluss ertrinken werden. "Es ist halt in ihm", beschreibt sich Kehl lächelnd auch selbst.

Thrill zu späterer Stunde

Es sind diese Fälle, in denen unser Rechtssystem versagen muss. Drakonische Strafen können solche Triebtäter nicht abschrecken. Diese wissen nicht selten genau, wie ungeheuerlich und verwerflich ihre Taten sind. Franziska spielt alles für uns durch: Sie versucht es mit guten Argumenten, mit Psychologie, purer Interessenabwägung, Provokation und Gegengewalt. Zum Schluss aber erleben wir mit, wie auch in ihren Augen der Kampfeswille erlischt, wie sie genau so stirbt wie es den Täter befriedigt - und der nimmt dafür sogar seinen eigenen Tod in Kauf. Das ist schwerer Stoff - im Film wie in der Realität. So etwas erst im Spätprogramm zu zeigen: nachvollziehbar!

Es ist erst der 5. Januar, doch es wird für die folgenden "Tatorte" des Jahres schwer werden, diese Kölner Episode an Intensität und Spannung zu übertreffen. "Franziska" ist nicht nur ein herausragender TV-Krimi, sondern stellt auch eine Frage an "Tatort"-Kritiker und -Publikum: Wollen wir weiter Kuschelkrimi zur Prime Time oder mehr Thrill zu späterer Stunde? Wem "Franziska" gefallen hat, der bleibt sicher auch gerne mal länger wach.


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