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"Tatort"-Kritik: Kotzen, saufen und duellieren

Burschenschaften, Fechtkämpfe und Burgfeste - die als Sommerwiederholung angesetzte "Tatort"-Folge "Satisfaktion" aus Münster ist ein ziemliches Drama.

Von Kathrin Buchner

Tatort aus Münster

Fatale Folgen hat der Fund des Totenschädels für Boerne (Jan-Josef Liefers), seine Vergangenheit holt ihn ein, Kommissar Thiel (Axel Prahl) schaut interessiert.

Männer, die sich im Morgengrauen zum Duell auf einer Wiese treffen und kotzend über der Kloschüssel hängen, Säbel, die aufeinander rasseln, Feste in alten Burgen, Alkoholgelage, Gefasel von Ruhm und Ehre: Burschenschaft, Studentencorps und schlagende Verbindungen sind eine archaische Männerwelt wie im Mittelalter, genauso romantisch wie rabenschwarz, voller Rituale und Treueschwüre. Eine wunderbare Kulisse für einen Krimi also und perfekt für die Studentenstadt Münster.

In der "Tatort"-Folge "Satisfaktion" spielt mit der Vergangenheit seiner Protagonisten: Im Wald wird ein Skelett gefunden, im Totenschädel ist ein Loch, von einer Pistole. Der Tote liegt zwar schon seit über zehn Jahren, seine Identität ist trotzdem schnell ermittelt. Raimund Stielicke stammt aus den "besseren Kreisen" von Münster, sein Vater, Professor Dr. Dr. Walter Stielicke ist Leiter der Kardiologie im örtlichen Klinikum. Der Tote war - wie der Rest der Familie - Mitglied eines Studentencorps, und ausgerechnet ein Corps-Weggefährte von Gerichtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan-Josef Liefers). "El Zorro" war diesmal sein Codename, und er hat sich Mutproben jeglicher Art geliefert.

"Tatort"-Kommissar Thiel ist der Anwalt des Kleinen Mannes 

Nicht genug der Verstrickungen: Der Bruder des Toten, Karsten Stielicke, arbeitet als Staatsanwalt unter Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann), ein guter Kumpel seines Vaters. Seilschaften und Vitamin B - ein rotes Tuch für Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl), bekennender Proletarier, Anwalt des Kleinen Mannes und resistent gegen jeden Versuch der Bestechung. Ganz im Gegenteil: das korrupte Umfeld in seinem Büro stachelt ihn zur Höchstform an.

Er poltert, pöbelt und fragt vor allem nach. Denn irgendwie will sich keiner an den Toten erinnern. Und wühlt. Im Keller, in den alten Unterlagen von Boerne. Aus diesem Antagonismus entstehen Szenen voll tragischer Komik: Zwerg Alberich (ChrisTine Ursprung) wie sie die Koffer ihres nach Höherem strebenden Chefs trägt, Thiels Vater, der im Krankenhaus vom Kassenpatient zum Erste-Klasse-Kunden in Einzelzimmer mit Seidenbettwäsche und High-Tech-TV aufsteigt.

Boerne im Blutrausch

Er ist opulent, der "Tatort", mit seiner mittelalterlichen Optik und der Symbolik. Doch hätte man die Kraft der Bilder gelegentlich mehr für sich selbst sprechen können. Viel zu oft ist die Rede von Tradition, Loyalität, der eine oder andere klischeehafte Dialog hätte gestrichen werden können. Im krassen Kontrast zu der archaischen Thematik steht die Kameraführung: mal von unten, mal von oben, manchmal auch schräg wird Thiel in seinem Verhören und Recherchen eingefangen.

Das Ende ist von wahrhaft Shakespear'scher Dimension: Boerne als tragischer Held, der eine Läuterung und seinem Schicksal eine neue Wendung gibt: Erst taucht er mit dem Totenschädel in der Hand beim feierlichen Dinner auf dem Burgfest auf, dann duelliert er sich im Kettenhemd mit dem Bruder des Verstorbenen. Im Blutrausch strömt dann tatsächlich die Wahrheit aus den Mündern der Beteiligten. Und es regieren wieder Worte statt Waffen bei der Kripo in Münster.

Die "Tatort"-Folge "Satisfaktion" wurde erstmals am 28. Oktober 2007 ausgestrahlt.