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"Tatort"-Kritik: Nightmare unter Nachteulen

Zehn Jahre ermitteln die Kölner "Tatort"-Kommissare Freddy Schenk und Max Ballauf gemeinsam. Das Jubiläum wurde auch in der Episode "Nachtgeflüster" reichlich begossen. Der feierliche Anlass stand allerdings in krassem Gegensatz zu der ziemlich melancholischen und eher mauen Geschichte.

Von Kathrin Buchner

Es beginnt mit einem blonden Haar auf dem Mantel von Kommissar Schenk und endet mit dem Auftritt der Besitzerin dieser Kopfpracht - ein Wiedersehen mit Lissy (Anna Loos), der ersten Assistentin von Max und Freddy. Dazwischen: ein toter Polizist, ein anonymer Mordbekenner und Stalker, ein eingeschnappter Max, eine erotische Kultmoderatorin, ein Mord, der sich doch als Selbstmord erweist, gescheiterte Beziehungen, fanatische Liebe und die Einsamkeit erfolgreicher Singles.

Es gab schon bessere "Tatort"-Folgen, in denen das Erfolgsduo Ballauf und Schenk ermittelt hat. Man erinnert sich an "Manila" (1998) über Menschenhandel am Beispiel eines philippinischen Jungen, oder "Drei Affen" (1999), ein eindrucksvoller Beweis für kollektive Ohnmacht und mangelnde Zivilcourage als inmitten einer Hochhaussiedlung eine Polizistin ermordet wurde, und keiner etwas gesehen hat.

Auch in der Jubiläumsfolge hatten es Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) mit dem Tod eines Kollegen zu tun. Der Streifenbeamte Martin Krauss, 33, liegt erschossen in seinem Auto an den Rheinauen, das Radio läuft noch. Er war als Sunnyboy bekannt, hinter dem Image lagen Untiefen: Frisch geschieden bekämpfte er den Verlust seiner Kinder mit Alkohol. Die Beziehung zu seiner neuen Freundin, einer Kollegin, schien ihn davon auch nicht abzuhalten, obwohl sie doch von ihm schwanger ist.

Talksendung als Beichtstuhlersatz

Stattdessen suchte er Rat und Trost bei einer Talksendung im Radio. "Melissas Nachtgeflüster", der "moderne Ersatz für den Beichtstuhl", ist Kult in Köln. Und entwickelt sich zum absoluten Straßenfeger, als ein anonymer Anrufer sich als Mörder des Streifenpolizisten ausgab. Die Quoten explodieren, die Werbepreise auch, denn der vermeintliche Täter kündigt an, in der nächsten Sendung Beweise für sein Verbrechen zu bringen.

Letztendlich entpuppen sich die Anrufe als perfider Coup einer durchtriebenen Programmchefin (Claudia Michelsen). Die Strippenzieherin benutzt dabei den liebestollen Praktikanten Hendrik (Oliver Bröker), nichtsahnend, dass dieser sich als durchgeknallter Psychopath und Stalker erweist. In bester Hannibal-Lector-Optik wird seine Kommandozentrale im heimischen Keller gezeigt. Klaustrophische Parkhaus und Treppenhaus-Entführungs-Szenen sorgen für ein wenig Spannung.

Ansonsten muss man sich schon den psychologischen Feinheiten widmen, um an "Nachtgeflüster" Freude zu finden: Ist es meistens Freddy Schenk, der Stress hat, mal mit seinen pubertierenden Töchtern, mal mit der maulenden Ehefrau, hat diesmal Max das Nachsehen: Auf die Heimlichkeiten seines Partners reagiert er eingeschnappt, verunsichert und zeigt eine ziemlich menschliche Seite: die Einsamkeit des Singles, der in Arbeit aufgeht und doch merkt, dass ihm etwas fehlt - zum Beispiel lange blonde Haare auf seinem Mantel.

  • Kathrin Buchner