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"Tatort"-Kritik: Eine schrecklich nette Hausgemeinschaft

Zwei Morde, zwei Selbstmorde, das brisante Thema Luxussanierung und der Abschied von Assistent Carlo Menziger - der Münchner "Tatort" mit dem vielversprechenden Titel "Der Traum von der Au" scheitert an Überfrachtung und gleichzeitiger Lähmung.

Von Kathrin Buchner

Mein Haus und mein Auto könnte man die "Tatort"-Folge auch überschreiben. In Münchens bester Wohnlage, direkt an der Isar, herrscht Psychoterror der schlimmsten Art: Der Hausbesitzer Peter Bachinger (Alexander Held), mit Hitlerbärtchen und Trachtenjanker, ist ein geldgieriger Miethai und agiert mit perfiden Methoden: Er lockt beispielsweise Obdachlose mit Alkohol in die leerstehende Wohnung und montiert dort die Toilette ab. So will er die Mieter in der Nachbarwohnung, den jähzornigen Handwerker Konrad Strobl (Fritz Karl) und dessen Vater, loswerden um deren Wohnung einer Luxussanierung zu unterziehen.

Auch Hausmeister Grassl will Bachinger loswerden, die beiden standen sich schon vor Gericht gegenüber. Grassl selbst ist wiederum nicht nur armes Opfer, sondern ein unangenehmer Zeitgenosse: In Blockwart-Manier dokumentiert er die Sünden seiner Nachbarn mit einer Videokamera und kettet seine thailändische Frau aus Eifersucht an die Heizung. Die schnöseligen Neumieter feiern lautstarke Drogenparties und schmieren Hakenkreuze an die Briefkästen.

Eine schrecklich nette Hausgemeinschaft ist das, die in der schönen Münchner residiert.Und kurz nachdem sich Kommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) dort eine Dachwohnung angesehen hat, mit deren Kauf er liebäugelt, wird dort im Keller eine Leiche gefunden. Grassl hat es erwischt. Malträtiert mit Fußtritten ist er letztendlich wohl an einer Quecksilbervergiftung zugrunde gegangen.

Fieser Hausbesitzer effekthascherisch in die Luft gesprengt

Bilanz von "Der Traum von der Au": Insgesamt gibt es in dieser durchaus blutigen "Tatort"-Folge vier Tote, zwei Morde und zwei Selbstmorde: erst der Vater, dann Handwerker Strobl, der wiederum den fiesen Hausbesitzer mit seinem Auto in die Luft fliegen lassen hat - eine der wenigen Actionszenen, ziemlich gewollt -, und eben Hausmeister Grassl.

Dieser Mord hat aber ein geradezu romantisches Motiv: Denn die bajuwarisch-scharfzüngige und in bester Komödiantenstadl-Manier agierende Metzgerin Gerti (Johanna Bittenbinder), "sie kommen her, um ihr Hirn abzuholen", ist unter der rauen Schale ein einsames Herz und war unsterblich verliebt in Grassl. Und als dieser sich nach einem Thailand-Urlaub eine Frau mitgebrachte hatte, mischte sie still und heimlich eine quecksilberhaltige Bleichcreme in seine Wurst - perfiderweise bekam sie diese Creme auch noch von Grassls Frau selbst aus Thailand.

Ziemlich verworren ist dieser Fall, wenn auch mit großartigen Schauspielern besetzt. Zudem werden die ganzen Fakten lediglich aus der Rückschau erzählt, so dass außer Totenfunden nicht wirklich viel passiert. Das Duo Infernale unter den Kommissaren, Ivo Batic und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), üben sich hauptsächlich in zotigen Sprüchen, überwachen die Hausbewohner und piesacken ihren Assistenten Carlo Menzinger (Michael Fitz). Schon immer war Carlo der Clown der Truppe, ein Chaot, der nichts wirklich auf die Reihe gebracht hat und von seinen höhergestellten Kollegen wie ein Laufbursche behandelt wurde. In den letzten Folgen steigert sich diese Rollenverteilung. Als Zuschauer hatte man durchaus Mitleid mit dem gepeinigten Carlo.

Und so war das Ende melancholisch-versöhnlich: Denn Carlo erweist sich als lachender Dritter: Während Batic noch schwer überlegt, ob er sich eine Eigentumswohnung überhaupt leisten kann, fallen Carlo Wohnungen im Wert von 14 Millionen Euro einfach so zu. Pünktlich zum 20. Dienstjubiläum verabschiedet sich der unterschätzte Assistent, der über Nacht zum reichen Alleinerben wurde, im schicken Oldtimer-Mobil. Und Batic und Leitmayr bleibt lediglich das ferngesteuerte Modellauto, das eigentlich als Abschiedsgeschenk gedacht war.