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"Tatort" heute aus München: Einmal wirklich wegschalten

Was kann man in eineinhalb Stunden nicht alles Schönes tun. So viel Schöneres als die "Tatort"-Folge "Einmal wirklich sterben" zu sehen, die als Wiederholung gezeigt wird. Dem hilft auch kein Lesbensex.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Der Kommissar verhört einen kleinen Jungen - Szene aus "Tatort" München: "Einmal wirklich sterben"

Am besten einfach starr nach unten gucken - so wie der kleine Junge im "Tatort" München: "Einmal wirklich sterben"

Da es ja der Münchner "Tatort" ist, kann man auch auf Bajuwarisch schimpfen: Himmeherrgodnoamoi-Kruzefixhalleluja-Sakrament! Was für ein Schmarrn! Und das ist noch freundlich ausgedrückt, nachdem man eineinhalb Stunden Lebenszeit verschwendet hat.

"Einmal wirklich sterben" ist ein Festspiel des darstellerischen Holzens: ALLE einbegriffen, außer vielleicht der kleine Junge, der aber eh nur stoisch auf seinen Plüschelefanten starrt. Nicht für einen Augenblick vergisst man, dass man hier Schauspieler vor sich hat. Viel schlimmer noch ist allerdings das emotionale Geholze. Menschlichkeit hat hier durchweg Pause. Soll das vielleicht ein besonders subtil eingeflogener Vorwurf an CSU-Chef Seehofer sein?

Falsche Fährten und Zebras

Die weißhaarigen Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) sitzen gerade total genervt bei der Mutter eines verstorbenen Polizisten, als in der Nachbarschaft zwei Schüsse fallen. Sie rennen hin und finden eine Frau und einen Mann mit Bauchschuss. Letzterer lebt noch. Das Kinderbett im Obergeschoss ist leer. Eine Entführung?

Nein, sondern eine verquaste Geschichte über traumatisierte Menschen, deren Pein und Unrettbarkeit: Ein Vater tötet Frau und Sohn, lässt die Tochter laufen, versucht, sich selbst zu erschießen, überlebt aber. Als er mit einer neuen Frau und einem neuen Sohn eine neue Familie aufgebaut hat, taucht die ehemals verschonte Tochter wieder auf. Aber alles ist natürlich ganz anders und viel komplizierter. Soll es jedenfalls sein, deshalb werden falsche Fährten gelegt, es ist dunkel, und plötzlich laufen Zebras und Elefanten durchs Bild.

Dem "Tatort" hilft auch keine Sexszene

Besonders nervig sind die Flashbacks, die überdreht, aber komplett fantasiefrei zeigen, was damals alles passiert ist. Erzähler ist ein versoffener Kommissars-Kollege, der extra aus Augsburg anreist und sofort wieder seinen Hut nimmt. Und während man sich gerade fragt, ob die Macher sich ob der sogar für Norddeutsche erkenntlichen dumpfen Bayernklischees - von Sexismus bis Almidylle - nicht schämen, faseln die Kommissare plötzlich etwas von Hiroshima, meinen aber ihren ganz eigenen Dorfkrimi. Da knirscht es im Gehirn.

Niemandem kommt man hier auch nur ein bisschen nahe. Nicht einmal der Hauptverdächtigen, deren tragisches Schicksal danach wortwörtlich schreit. Und als man denkt, es kann alles nicht schlimmer werden, gibt es eine absolut sinnbefreite Lesbensex-Einlage. Das ist der Augenblick, ab dem man so wütend ist, dass der meschuggene Rest nur noch durchrauscht.

Was läuft denn noch so am Sonntagabend?

Die "Tatort"-Folge "Einmal wirklich sterben" wurde erstmals am 6. Dezember 2015 ausgestrahlt.

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