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TV-Kritik "Tatort" Nicht ohne die Familie


Ein toter Junge führt die Kölner "Tatort"-Kommissare in einen kleinen Ort - in eine Welt, in der Traditionen groß geschrieben werden und wo es eine lesbische Beziehung nicht geben darf. Ein spannend erzählter Fall, in dem auch die typische gesellschaftskritische Mission nicht fehlt.
Von Heike Foerster

Was muss eine Familie leisten? Was muss jeder einzelne in ihr aushalten? Und wie weit darf der Zusammenhalt gehen? In ihrem jüngsten Fall "Familienbande" müssen die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) nicht nur den Tod eines neunjährigen Jungens und den Mord an einer jungen Hofbesitzerin aufklären - sondern werden auch mit einem zentralen gesellschaftlichen Thema konfrontiert. Es ist ein "Tatort", der spannende Unterhaltung bietet und kritisch hinter die perfekte Fassade einer gutbürgerlichen Familie blickt.

Dem Hass einer Dorfgemeinschaft ausgesetzt

Der als vermisst gemeldete neunjährige Mark Bürger ist erfroren: Die Polizei findet den Jungen im Kühlraum eines alten Bauernhofs. Spuren von Fremdeinwirkung gibt es nicht. Ein manipulierter Kurzschluss, mit dem jemand der Hofbesitzerin schaden sollte, hatte die Tür des Kühlraums verriegelt und der Junge, der sich heimlich dort aufhielt, konnte sich nicht mehr befreien.

Doch egal, ob Mord oder Unfall - für den Vater des Jungen steht fest: Die Hofbesitzerin ist Schuld am Tod seines Sohnes. In seinem Hass ihr gegenüber ist er kaum zu bändigen: "Du Drecksstück, ich bring dich um." Und auch den anderen Bewohnern des kleinen Ortes ist die junge Frau, die den Hof erst vor kurzem geerbt hat, ein Dorn im Auge. Nur die Mutter des toten Jungens scheint ihr wohlgesonnen. Und sie ist sich sicher, dass die attraktive Hofbesitzerin nichts mit dem Mord zu tun hat - "und ihr wisst das auch", kontert sie die Vorwürfe der anderen.

Bei ihren Ermittlungen stoßen die Kölner Ermittler auf eine Dorfgemeinschaft, die längst nicht so harmonisch miteinander lebt, wie es die Idylle der Umgebung suggeriert. Die scheinbar heile Familie des Jungens ist nur Schein: Die Mutter hatte eine lesbische Beziehung zu der Hofbesitzerin. Ihr Mann hat es akzeptiert - zum Wohle des Jungens und der Firma. Und die Oma des Jungen - eine rüstige Rentnerin - stemmt sich mit aller Macht gegen den Zerfall der Familie. Nach dem tragischen Tod des Kindes allerdings ist der nicht mehr aufzuhalten: Die Mutter beschließt, zu ihrer Freundin zu ziehen.

Mord für die Familie

Als die Geliebte nur wenig später erschossen wird, müssen Ballauf und Schenk feststellen, dass jeder in der Dorfgemeinschaft ein Motiv für den Mord hatte: Die Lebensgefährtin des Gaststättenbetreibers aus Eifersucht. Der Besitzer der örtlichen Schießanlage und sein Sohn, weil sie scharf auf das Grundstück der Toten waren. Dass es am Ende die Oma des toten Jungen war, die die Geliebte ihrer Tochter kaltblütig erschossen hat, war trotzdem nicht wirklich überraschend. Aber es war im Hinblick auf die Geschichte konsequent: war sie doch diejenige, die die Familie um jeden Preis zusammenhalten wollte.

"Familienbande" ist ein "Tatort", der guten Stoff liefert, diesen schlüssig und spannend erzählt und vor allem dem Nebenstrang über Freddy Schenks Tochter - der das Arbeitslosengeld gestrichen werden soll - nicht zu viel Platz einräumt. Die Vater-Tochter-Beziehung ergänzt die Frage nach dem Familienzusammenhalt in typischer "Tatort"-Manier, lenkt aber zum Glück nicht zu sehr vom Fall ab. Darstellerisch zeichnen den "Tatort" von Regisseur Thomas Jauch schnelle Szenenwechsel aus, die Kontraste schaffen, Spannung aufbauen und die verworrenen Beziehungen untermalen.

"Gibt es überhaupt noch intakte Familien?", stellt Max Ballauf am Ende eher resignierend als fragend fest. "Ja, meine", antwortet Kollege Schenk, der glaubt, dass Familie mehr ist als das bisschen Liebe. Eine gewagte These am Ende eines "Tatorts", in dem eine junge Frau sterben musste, um den Schein einer intakten Familie zu wahren.

Übrigens: Auch die Eltern des toten Jungens stehen am Ende Arm in Arm am Grab ihres Sohnes. Hat Freddy Schenk also doch Recht?


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