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TV-Kritik "Menschen bei Maischberger" Unbefriedigende Mord-Erklärungen


Kann jeder zum Mörder werden? Sandra Maischberger versuchte sich an einer Frage, die ebenso willkürlich wie aktuell ist - siehe den Prozess gegen Anders Behring Breivik in Oslo. Dass die Talk-Runde keine wirkliche Antwort darauf fand, lag wohl in der Natur der Sache.
Von Malte Arnsperger

Die Sekunden, bevor Iris Pfeifer ihren Mann ermordet: "Irgendwann sind die Emotionen gekommen. Das Fass war voll, alles musste raus. Wut, Hass, alles." Diese wenigen Worte von Iris Pfeifer, die ihren gewalttätigen Gatten 1996 mit einem Messer erstochen hat, sind die wohl beste Erklärung für die Frage, die Sandra Maischberger ihren Talk-Gästen stellt: "Kann jeder zum Mörder werden?" Der Zeitpunkt der Diskussion ist zugleich willkürlich wie hochaktuell. Schließlich steht mit dem norwegischen Attentäter Anders Breivik gerade einer der schlimmsten Massenmörder der vergangenen Jahrzehnte vor Gericht.

Maischberger kommt ohne einen einzigen Hinweis auf diesen Fall aus. Kann sie auch, schließlich ist ihrer Redaktion gelungen, eine erstaunliche Bandbreite von spannenden Menschen zu versammeln. Da ist zum Beispiel die Frau des kürzlich in München verurteilten Doppelmörders von Krailling. Um die Familie zu schützen, wird sie nur Ursula S, genannt. Ähnlich wie zuvor bereits in einem stern-Interview liefert sie einige Anhaltspunkte dafür, wie ihr Mann zum Mörder seiner beiden Nichten werden konnte.

Sie beschreibt ihn als zu Wutausbrüchen neigenden Menschen, der einen großen Hass gegen die Familie der beiden Kinder gehabt haben muss und deshalb, und nicht etwa aus Habgier, gehandelt habe. Es ist der Anfang einer möglicherweise erhellenden Persönlichkeitsanalyse. Doch dazu kommt es leider nicht. Zum einen versucht Moderatorin Maischberger lieber im Schnellverfahren die - natürlich ebenfalls spannende, aber viel zu komplexe - Frage zu klären, warum es noch immer keine Aussöhnung zwischen Ursula S. und ihrer Schwester, der Mutter der getöteten Mädchen, gegeben hat. Zum anderen ist es Ursula S. erkennbar wichtig, ihre innere Distanz zu ihrem Mann klarzumachen und vor allem ihr eigenes Leid, ihre Not als Frau eines Mörders, dazustellen und zu betonen. "Ich habe massive Probleme gehabt", sagt sie, und die Kamera zeigt ihre zitternden Hände. "In mir ist eine Welt zusammengebrochen, ich habe viel geweint mit meinen Kindern."

Abgegriffene Worthülsen

Sie tut damit in Ansätzen etwas, dass auch die nächste Gesprächspartnerin versucht zu erklären: Wie fühlt es sich an, wenn das Böse in den eigene Familie eindringt. Dagmar Eichhorn ist Mutter des sogenannten "Rhein-Ruhr-Rippers" Frank Gust, der in den 90er Jahren vier Frauen ermordet hat. "Ich habe gedacht, eigentlich müssten die dich einsperren, ich habe ihn doch erzogen. Aber er war ein lieber Junge, ein pflegeleichtes Baby. Ich frage mich bis heute, wie entsteht so was."

Dagmar Eichhorn, dies wird schnell klar, kann diese Frage nicht beantworten. Also versucht es Heidi Kastner, österreichische Psychiaterin, Gutachterin im Entführungsfall Fritzl, die auch mit Frank Gust gesprochen hat. Man könne solche Taten und Täter nicht immer erklären. Es gehe zwar meistens um die Befriedigung eines Bedürfnisses. "Aber es bleibt immer ein unerklärlicher Rest."

Dann kommt Uwe Krechel zu Wort, ein vor allem aus der TV-Gerichtssendung "Barbara Salesch" bekannt gewordener Strafverteidiger. Er sagt: "Wir müssen damit leben, dass wir nicht bei jeder Tat die Ursachen finden können." Das mag zwar stimmen, aber gerade ein erfahrener Anwalt wie Krechel hätte bestimmt noch mehr zu bieten, als solche abgegriffenen und wenig befriedigenden Worthülsen.

"Man hat lebenslänglich"

Doch leider fehlt Maischberger die Zeit und die Ruhe, sich diesen Gesprächspartnern eingehender zu widmen und sie die Frage nach den Beweggründen von Mördern beantworten zu lassen. Die Moderatorin hat aber Glück. Ihr nächster Gast weiß sehr genau, wie es soweit kommen kann, dass man einen anderen Menschen umbringt. Es ist Iris Pfeiffer. In ihrem etwas deplatziert wirkenden T-Shirt mit der Aufschrift "Peace" schildert die Frau eindrücklich, wie sie von ihrem Mann misshandelt und bedroht wurde, versuchte, von ihm loszukommen, aber letztlich immer scheiterte. "Ich war diesem Mann hörig." Noch heute schäme sie sich für die Tat, denke jeden Tag daran. "Man hat lebenslänglich. Aber ich war ja auch Opfer nicht nur Täter. Trotzdem frage ich mich selber: Wie konntest du nur?"

Es sind diese Momente, in denen die Sendung eine große Nähe zu den Beteiligten von unfassbaren Taten herstellt. Es ist Maischbergers Verdienst, ihre Gäste auch dahin zu führen, solche Dinge zu erzählen. Aber sie lässt sie zu wenig wirken, geht zu wenig in die Tiefe. Vielleicht wäre es deshalb besser gewesen, auf den letzten Gast zu verzichten. Denn eigentlich ist die Lebensgeschichte von Bianca Scholz viel zu außergewöhnlich und berührend, um sie in die letzte Viertelstunde der Sendung zu pressen. Die 45-Jährige hat einen Raubüberfall zweier Drogensüchtiger, die sie dabei mit einem Messer attackierten, nur haarscharf überlebt. Mit erstaunlicher Gelassenheit schildert sie, wie ihr unmittelbar nach der Attacke im Jahr 1996 das Blut über den Hals rann, wie sie bei vollem Bewusstsein um ihr Leben kämpfte. "Ich war schon tot. Aber die Notärztin hat alles gegeben, eine Konserve Blut nach der anderen in mich reingepumpt."

Bianca Scholz sitzt seit der Tat im Rollstuhl, ist querschnittsgelähmt. Hass oder Rachegefühle habe sie trotzdem nicht auf die Täter. Und das, obwohl die beiden Männer nach wenigen Jahren schon wieder das Gefängnis verlassen konnten. Aber, und das ist das Schlusswort der Sendung, für härtere Strafen sei sie schon.


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