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TV-Kritik zu "Günther Jauch": Alles irgendwie realistisch

Die Jugendgewalt aus dem zuvor ausgestrahlten "Tatort" setzt das Thema für Jauchs Talkshow. Doch sehr viel mehr Erkenntnisse als der Krimi mit den Berliner Ermittlern liefert sie nicht.

Von Jan Zier

Schon praktisch, wenn einem der vorangegangene "Tatort" das Thema so auf dem Silbertablett präsentiert.

"Warum musste Mark Kessler sterben?" "Ich weiß es nicht. Einfach so. Es gibt keinen Grund."

Aber man kann das natürlich auch zum Konzept erklären. Und, ja, auch dieser "Tatort" basiert auf einem realen Fall. Ein Mann, auf einem U-Bahnhof, greift ein, er hilft – und wird von zwei jungen Männern zusammen geschlagen, stirbt schließlich.

Fälle wie dieser sind "äußerst selten", sagt Ralf Bongartz, der 20 Jahre lang Polizist in Nordrhein-Westfalen war und heute Konfliktmanager ist. Es sind auch nicht mehr als früher, ganz im Gegenteil: In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl tatverdächtiger Jugendlicher leicht, aber kontinuierlich gesunken. Fälle wie dieser standen aber "nie so stark in der Öffentlichkeit wie heute", sagt Bongartz. Womit wir wieder beim Thema der Sendung sind: "Tatort U-Bahnhof – machtlos gegen Jugendgewalt?"

Der übliche Ruf nach "härteren Strafen"

Andererseits sind da Menschen wie Andreas Responde. 2010 wurde der Koch nahe einer Berliner U-Bahn-Station lebensgefährlich verletzt – weil er einer Frau helfen wollte. Ein Jahr hatte er keinen Geruchssinn, er gab seinen Job auf, aus Furcht, den unbekannten Tätern wieder zu begegnen. Einer von ihnen wurde später zu neun Monaten Haft verurteilt, die Strafe wurde für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Er sehe in seinem Fall "viele Parallelen" zum ARD-Tatort, sagt Responde. Und auch in seinem Fall haben viele zugesehen. Ganz typisch, sagt Bongartz. Je mehr Menschen da sind, desto weniger fühlen sie sich verantwortlich. Und umgekehrt.

Immerhin sitzt – wie erfreulich! - niemand in der Runde, der die Gelegenheit nutzt, um wieder einmal "härtere Strafen" zu fordern. Sogar CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich, im Bund wie in Bayern im Wahlkampf, gibt sich betont sachlich und vernünftig, ja, er widerspricht sogar einer flächendeckenden Videoüberwachung. Obwohl sogar Jugendrichter Andreas Müller deren präventive wie fallaufklärende Wirkung lobt. Friedrich will die Videoüberwachung aber nur "an Brennpunkten" verstärken. Näheres sagt er nicht, und Günther Jauch fragt auch nicht weiter danach.

"Keine Lust mehr auf Straftaten"

Gleich mehrmals an diesem Abend kommen Täter zu Wort, unter anderem zwei, die gerade in einer Jugendstrafanstalt in Thüringen einsitzen, einer wegen eines bewaffneten Überfalls auf einen Taxifahrer, einer, weil er einem anderen aus seinem Heim – aus Neid – das Handy geklaut hat, das er selbst nicht haben durfte. Bald wird er entlassen. Ob er auch wirklich nicht wieder im Knast landet, fragt Jauch ihn. Der Mann lacht. "Er habe keine Lust mehr auf Straftaten", sagt er dann, und dass er nicht immer als "Knacki" gelten wolle. Schmerz werde oft in Wut umgewandelt, sagt Bongartz.

Und dann gibt es noch Menschen wie Petra Peterich, eine Sozialarbeiterin, die seit 17 Jahren straffällige Jugendliche bei sich zu Hause aufnimmt – derzeit leben vier Teenager in ihrer Familie. Immer wieder muss sie sich in dieser Sendung bestaunen lassen, auch, gerade von Jauch. Ob die bei ihr nie austicken, fragt er dann. "Doch", sagt Peterich. Aber wenn, dann alkoholisiert. Unter 28 Jugendlichen, die in den letzten acht Jahren bei ihr gelebt haben, gingen sieben hernach in Haft. Das ist eine deutlich bessere Quote als im Knast. "Ohne Petra", sagt einer ihrer ehemaligen Klienten, "wäre ich wieder im Knast gelandet". Er habe es geschafft, sagt er, auch aus Angst vor dem Knast. "Einsperren", sagt Petra Peterich, "sollte nur die Ultima Ratio sein". Und nicht als "kurzer, scharfer Schock" verordnet werden. Der Jugendrichter sieht das anders. Der Innenminister auch.

Fast wäre noch eine Kontroverse daraus geworden.