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TV-Kritik "Make Love": Tote Hose und Tortendiagramme

Paartherapeutin Ann-Marlene Henning glaubt: "Liebe machen kann man lernen." Mit Tipps zu Prostata-Massage und Tortendiagrammen rückt sie einem sexuell frustrierten Paar auf den Leib.

Von Simone Deckner

Henning berät das Modellpaar

So geht's richtig: Sexologin Henning schaltet sich ins Geschehen ein.

Vorschusslorbeeren für die neue Staffel der Aufklärungsdoku „Make Love“ gab es zuhauf: Die Reihe wurde wegen guter Quoten von den dritten Programmen ins ZDF befördert. "Bild"-Chef Kai Diekmann flippte vor Vorfreude fast aus und twitterte erst "Jetzt ist es endlich soweit: fickenlernenimzdf.com". Später schob er ein Bild von kopulierenden Mainzelmännchen nach.

Weniger pubertär aber gleichermaßen befriedigt zeigte sich die Kritik. "Unverkrampft" sei die Doku. Paartherapeutin, Buchautorin und Sexologin Ann-Marlene Henning führe locker durch die Sendung, aber die Ratsuchenden nie vor. Nur die immer gleichen Miesmacher legten ihre immer gleiche Platte auf und beschwerten sich wie immer, das "so was" von "unseren Gebühren" bezahlt wird.

Kennenlernen auf dem Geländer einer Pferdekoppel

Das Thema zum Start der neuen Staffel: Leistungsdruck beim Sex. Zu Beginn sieht man die gebürtige Dänin Henning ganz entspannt durch eine dörfliche Landschaft schlendern. Sie ist auf dem Weg zu Daniela (40) und Fritz (54). Er trägt Pferdeschwanz, Ohrring und ein Element Of Crime-T-Shirt, sie kurze blonde Haare, ein Tattoo am Hals und eine hennarot gefärbte Haarsträhne am Hinterkopf. Das Kennenlern-Gespräch mit der Paartherapeutin findet – lässig, ZDF! – auf dem Geländer einer Pferdekoppel statt.

Die Problematik ist schnell zusammen gefasst: Sie würde gern öfter. Er will Ruhe. Das sei "wahnsinnig bedauerlich", sagt Fritz schuldbewusst, aber er habe nach einem langen Tag oft "einfach keine Kraft". Daniela fühlt sich dadurch zurückgewiesen. Das wiederum setzt Fritz total unter Druck. Elf Jahre Beziehung sind halt kein Pappenstiel.

Was folgt sind: Therapie-Gespräche. Mal mit Daniela allein, mal mit Fritz. Ann-Marlene Henning lacht dabei laut und viel. Später wird man erfahren, dass Daniela beim Zweiergespräch zwischen Therapeutin und Gatten gelauscht hat. Unterbrochen werden die Szenen von allerlei Zahlenmaterial: "75 Prozent fühlen sich nicht von ihrem Partner nicht verstanden", erfährt man da. Schon schlimm, denkt man, aber da sind schon sechs weitere Prozentangaben durchs Bild geschwirrt – ohne Quelle und nachvollziehbaren Bezug.

"Der Alltag killt den Sex"

Seltsam auch die Idee der Grafikabteilung, das Interview mit Prof. Dr. Uwe Hartmann aus Hannover auf Häuserwände zu projizieren (nicht lässig, ZDF!). Er überbringt die unangenehmen Dinge, die die fröhliche Ann-Marlene Henning verschweigt. "Der Alltag killt den Sex", sagt Dr. Hartmann ernst und dass bei vielen Männern "der Akku einfach leer sei". Nach 20 Minuten fängt man langsam an sich zu fragen, wann endlich der erhoffte Erkenntnisgewinn um die Ecke biegt oder wenigstens mal ein paar der viel diskutierten nackten Brüste oder Penisse.

Aber da hat sich die fröhliche Sexologin gerade bei "echten Männern", also Fußballern, in die Umkleidekabine geschmuggelt. Und fragt: "Darf man hier mit einer Handtasche rein?". Die Antwort: "Ho ho ho". Exemplarisch spricht nun "der Mann aus dem Volk". Er sagt Sachen wie: "Man will es halt echt bringen" oder "Heutzutage ist die Konkurrenz ja groß – mit dem Internet und so." Ja, wenn es nach ihnen ginge, wäre es schon schön, wenn auch die Frau mal die Initiative ergreifen würde, sagen die Fußballer. Oder wenn es "einfach mal 'nen Quickie" geben könnte. Gelächter. Dann: Bierchen.

Es folgen weitere Szenen aus dem Arbeitsalltag einer Paartherapeutin. Doch die Sendung dümpelt so herum, ähnlich wie das Sexleben von Daniela und Fritz. Da hilft es auch nicht viel, dass Henning auf ihrem Skizzenbuch eifrig Tortendiagramme ("das ist die Zeit für spontanen Sex") und Dreiecke (für Beziehungskonstellationen) zeichnet.

Aber sie hat ja noch ihr Tablet. Darauf zeigt sie Daniela, Fritz und den Zuschauern nun, wie man es besser machen kann. Nach 25 Minuten passiert nun das, was für so viel Schlagzeilen gesorgt hat: Man sieht nackte Haut, ein anonymes Paar beim intimen Stelldichein.Sie machen vor, was Daniela und Fritz zuhause üben sollen: aufeinander rumliegen zum Beispiel, "ohne Ziel", wie Fritz anerkennend sagt.

Dann geht alles auf einmal ganz schnell: ein medizinischer Exkurs zum Thema weibliche Ejakulation. Henning erklärt, dass die weibliche Prostata ("ja, die gibt es!") sich "geriffelt anfühlt" und der Mann die Finger beim Einführen lieber abklappen sollte. Dann gibt es noch sehr viel anschauliches Bildmaterial und eine "How To"-Anleitung zum Thema Prostata-Massage beim Mann. Fritz: "Interessant!". Irgendwann ist da ein erigerter Penis im Bild, aber da man hat schon mehr gesehen als man wollte.

Jetzt auch noch ein Klönschnack mit echten Landfrauen

Denn überflüssigerweise wird als Pendant zu den "echten Männern" jetzt auch noch ein Klönschnack mit echten Landfrauen gezeigt. Die mümmeln Kuchen und raten bei Sexproblemen zu radikalen Maßnahmen: "Einfach tun". Eine schlägt vor, es "mal unter der Dusche oder auf dem Tisch zu machen". Die Reaktion, man ahnt es: "Ho ho ho". Am Ende liegen sich Daniela und Fritz in den Armen und bedanken sich bei Ann-Marlene Henning für das "Abenteuer" und die "vielen Anregungen".

Viele Fragen aber bleiben offen: Hat Kai Diekmann noch etwas gelernt? In welchem Landstrich Deutschlands sind hennafarbene Haarschwänze noch Trend? Arbeitet Ann-Marlene Henning im Nebenberuf womöglich als Sprecherin für Küchen-Quelle? Und: Wann wurde aus dieser schmutzigen, ungestümen Urgewalt namens Sex eigentlich so ein langweiliges Laberthema?

Die Autorin auf Twitter: @senatorsim

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