Als das Biopic "Verflucht normal" (Originaltitel: "I Swear") durch die BAFTAs plötzlich zum hitzigen Gesprächsthema wurde, hatten viele Menschen den Film noch gar nicht gesehen. Für Regisseur Kirk Jones (61) sind genau diese Reaktionen bezeichnend für den gesellschaftlichen Umgang mit Tourette-Syndrom: schnelle Irritation statt Verständnis und Mitgefühl. Dabei erzählt sein Film (ab 28. Mai im Kino) die zutiefst persönliche Geschichte von John Davidson (54) - einem Mann, der gelernt hat, mit einer unberechenbaren neurologischen Erkrankung zu leben, ohne sich dafür zu entschuldigen.
Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news spricht Kirk Jones über seinen ersten Besuch bei Davidson, spontane Szenen mit Hauptdarsteller Robert Aramayo (33), den emotionalen BAFTA-Abend und darüber, warum Tourette weit mehr ist als das Klischee vom Fluchen.
"Verflucht normal" erzählt die Geschichte eines Mannes mit Tourette auf sehr intime und persönliche Weise. Was hat Sie daran so berührt, dass Sie daraus einen Film machen wollten?
Kirk Jones: Mir war bewusst, dass es bereits drei Dokumentationen über John gab - die erste erschien schon 1989. Ich erinnere mich noch genau daran, wie sehr sie mich damals bewegt hat. Ich wusste eigentlich kaum etwas über Tourette, bevor ich diese Dokumentation gesehen habe. Vor etwa vier Jahren habe ich dann überlegt, welchen Film ich als Nächstes machen möchte, und dafür ein altes Notizbuch durchgeblättert, in dem ich Ideen sammle. Dort stand einfach nur: "John Davidson Tourette".
Ich dachte sofort: Ich erinnere mich an diesen jungen Mann. Also habe ich die Dokumentationen noch einmal angesehen - und gemerkt, dass darin eine viel größere Geschichte steckt. Man sieht Johns Entwicklung von einem verängstigten Jungen hin zu einem Mann, der später sogar von der Queen für sein Engagement für Wohltätigkeitsorganisationen und die Tourette-Community ausgezeichnet wurde. Mir wurde klar: Das ist eine Geschichte, die über vier Jahrzehnte hinweg als Spielfilm erzählt werden muss.
Wer ist John Davidson jenseits seiner Erkrankung?
Jones: Das war tatsächlich eine wichtige Frage - auch für Robert Aramayo. Er sagte zu mir: "Ich möchte alles über Tourette lernen, aber vor allem möchte ich wissen, wer John ohne Tourette ist. Denn das ist die Figur, die ich spiele."
John ist ein sehr stolzer Mensch. Er versteckt sich nicht. Wenn er in einem Hotel ist, könnte er sein Frühstück aufs Zimmer bestellen, damit er niemanden stört - aber das tut er nicht. Er sitzt bewusst im Speisesaal, obwohl er dort laut wird oder flucht. Er weigert sich, sich für seine Krankheit zu entschuldigen.
Natürlich wurde er sein Leben lang gemobbt und verspottet, deshalb hat er sich eine harte Schale aufgebaut. Aber eigentlich ist er einer der sanftesten, respektvollsten und freundlichsten Menschen, die ich je kennengelernt habe.
Gab es einen Moment mit ihm, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Jones: Definitiv unser erstes Treffen. Ich bin zu seinem Haus in Edinburgh gefahren und habe noch draußen nach der Hausnummer gesucht, als ich ihn schon durchs offene Fenster hörte: "Fuck off, fuck off." Da wusste ich: Ich bin richtig.
Dann öffnete er mir die Tür. Ich fragte: "Soll ich die Schuhe ausziehen?" Und er sagte: "Lass uns Sex haben." Ich habe zuerst versucht, einen Witz daraus zu machen, bis er meinte: "Das war ein Tic."
Das Faszinierende an Tourette ist: Die Krankheit sucht sich immer das Unerwartetste aus. Er hätte "Fuck off" sagen können - damit hätte ich gerechnet. Aber Tourette findet genau die Formulierung, die Menschen maximal überrascht.
Wie viel wussten Sie selbst über Tourette, bevor Sie an dem Film gearbeitet haben?
Jones: Ehrlich gesagt nicht besonders viel. Ich bin denselben Irrtümern aufgesessen wie viele andere Menschen. Ich dachte: Tourette bedeutet vor allem Fluchen und Schreien. John erklärte mir aber schon nach wenigen Minuten, dass nur etwa 15 Prozent der Betroffenen überhaupt fluchen. Viele haben motorische Tics - sie blinzeln ständig, zucken, schlagen sich selbst oder machen andere Bewegungen.
Eine der wichtigsten Sachen, die John zu mir sagte, war: "Ignoriere die Tics, aber nicht die Person." Genau darum geht es letztlich.
Tourette ist extrem unberechenbar. Wie schreibt man dafür überhaupt ein Drehbuch?
Jones: Ich habe Robert Aramayo sehr viel Freiheit gelassen. Im Drehbuch standen zwar alle Tics und Bewegungen drin - auch, damit Produzenten und Schauspieler verstehen konnten, wie die Krankheit funktioniert. Aber Robert sagte ziemlich früh zu mir: "Du erwartest doch nicht, dass ich in jeder Einstellung exakt dieselben Tics an denselben Stellen mache?"
Und da wurde mir klar: Natürlich nicht. Denn genau das wäre eben nicht Tourette. Tourette ist wie ein Blitz - plötzlich ist etwas da, man weiß nie genau, was passieren wird.
Manchmal hielt sich Robert ans Skript, manchmal improvisierte er komplett. Und manchmal hatte er bewusst gar keine Tics. Denn auch das gehört dazu: Menschen mit Tourette haben ruhige Momente.
Hat diese Improvisation auch die anderen Schauspieler beeinflusst?
Jones: Absolut. Die anderen Schauspieler wussten oft nicht, was als Nächstes passieren würde. Das hielt alle unglaublich wach. Eine meiner Lieblingsszenen entstand spontan: Peter Mullans Figur erklärt John gerade den neuen Arbeitsplatz, und plötzlich sagt Robert völlig unerwartet etwas extrem Obszönes. Man sieht Peter Mullan richtig an, wie er kurz verarbeitet, was gerade passiert ist - und genau deshalb funktioniert die Szene so gut. Diese Reaktion war echt.
Rund um die BAFTAs wurde plötzlich viel über den Film gesprochen - teilweise mehr über den Vorfall als über den Film selbst. Wie haben Sie das erlebt?
Jones: Für mich spiegelte dieser Abend eigentlich exakt wider, wie Tourette funktioniert. Zu Beginn wurde angekündigt, dass John im Publikum sitzt und möglicherweise Tics haben wird. Alle applaudierten ihm, er stand auf, winkte - es war ein wunderschöner Moment.
Etwa 20 Minuten später begann er zu ticken und Dinge hineinzurufen. Ich dachte nur: Ich wünschte, alle Menschen hätten den Film bereits gesehen. Denn dann hätten sie verstanden, was gerade passiert.
In gewisser Weise war genau das der Grund, warum wir diesen Film gemacht haben. Viele Menschen wissen heute kaum mehr über Tourette als in den 1970er- oder 1980er-Jahren - nicht aus böser Absicht, sondern weil ihnen schlicht das Wissen fehlt.
Was wünschen Sie sich, dass Menschen aus "Verflucht normal" mitnehmen?
Jones: Ich habe durch die Arbeit an diesem Film unglaublich viel über Neurodiversität gelernt. Viele Menschen aus der Tourette-Community haben mir geschrieben - aber auch Menschen mit Autismus, ADHS oder Zwangsstörungen. Eine Person sagte zu mir: "Dein Normal ist nicht automatisch das Normal anderer Menschen."
Und ich glaube, genau das vergessen wir oft. Wir gehen durch die Welt und nehmen an, dass alle ähnlich denken und fühlen wie wir. Aber viele Menschen kämpfen mit Dingen, die wir nicht sehen. Ich hoffe, dass der Film Menschen daran erinnert, empathischer und geduldiger miteinander zu sein - und Unterschiede nicht als Problem, sondern als Teil des Menschseins zu begreifen.