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30. Todestag von Rainer Werner Fassbinder: Der Shakespeare unter den Regisseuren

Rainer Werner Fassbinder gilt als der vielleicht größte deutsche Filmemacher. Als er viel zu früh starb, hinterließ er einen Mythos. Am 10. Juni jährt sich sein Todestag nun zum 30. Mal.

Seine Ansprüche waren stets alles andere als bescheiden: "Ich möchte für das Kino sein, was Shakespeare fürs Theater, Marx für die Politik und Freud für die Psychologie war: Jemand, nach dem nichts mehr ist wie zuvor", sagte Rainer Werner Fassbinder einmal. Viel Zeit hatte er dafür nicht. Im Alter von nur 37 Jahren starb der Regisseur in seiner Münchner Wohnung. Am 10. Juni jährt sich sein Todestag nun zum 30. Mal. Sein Leben glich einem Film. Der stern titelte einmal "Säufer und Genie".

Seine Leidenschaft für den Film ist legendär - und sie zeigt sich schon in seiner Aufnahmeprüfung für die Filmhochschule. Als Antwort auf die Frage, welchen Film er zuletzt gesehen und wie er ihm gefallen habe, schreibt er eine ganze Seite. Auf die Frage, ob er die verfassungsgemäßen Unterschiede zwischen Bundes- und früherem Reichskanzler skizzieren kann, antwortet er schlicht mit "Nein". Das Ergebnis ist Geschichte: Fassbinder, der international vielleicht berühmteste und einflussreichste deutsche Filmemacher, schaffte die Aufnahmeprüfung nicht. Die Filmhochschule lehnte ihn ab.

Diese ebenso kleine wie aussagekräftige Episode seines bewegten Lebens zeigt das Deutsche Theatermuseum in München derzeit in einer großen Fassbinder-Ausstellung. Mit 40 Spielfilmen in nur 13 Jahren und Entdeckungen wie der Schauspielerin Hanna Schygulla wurde Fassbinder zum erfolgreichsten Regisseur im Nachkriegsdeutschland. 17 Theaterstücke schrieb er noch dazu. "Das reicht für ein 150-jähriges Leben", sagt Museumsdirektorin Claudia Blank. "Und selbst das wäre dann immer noch ein sehr produktives." Fassbinders wohl berühmtester Satz lautet: "Schlafen kann ich, wenn ich tot bin."

"Ich bring' dich um, ich schlitz' dich auf!"

Sein Leben war ein "Selbstmord auf Raten", schreibt Fassbinder-Biograf Jürgen Trimborn in seinem jüngst erschienenen Buch "Ein Tag ist ein Jahr ist ein Leben". Todesursache war wohl eine vermutlich versehentliche Überdosis Kokain. Wie alles bei Fassbinder hatte aber auch sein Alkoholkonsum schnell exzessive Formen angenommen, seine vulkanartigen Wutausbrüche sind inzwischen Teil der Filmgeschichte. "Nicht selten kam es bei der Arbeit zu Prügeleien", schreibt Trimborn. Eine Kostprobe: Als Fassbinder sich einmal über einen Herstellungsleiter aufregte, tat er das so: "Jetzt schlag' ich dir die Schnauze ein, du fettes, dickes Schwein. Ich bring' dich um, ich schlitz' dich auf!"

Trimborn schreibt von einer zerrissenen und unglücklichen Kindheit Fassbinders, geprägt von Zurückweisung und Einsamkeit. Es war der Start in ein turbulentes und alles andere als bürgerliches Leben. Fassbinders Münchner Wohnung hieß mitunter "Bumsburg", schreibt er. Von Fassbinders Verhaftung in einer Pariser Schwulensauna berichtet Trimborn, von seiner großen, unerfüllten Liebe zu seinem "bayerischen Neger", dem kürzlich verstorbenen Günther Kaufmann - und der mehr als überraschenden, und nur zwei Jahre dauernden Ehe mit der Schauspielerin Ingrid Caven.

Zeitweise und lange vor seinem Erfolg, so schreibt Trimborn, prostituierte der homosexuelle Fassbinder sich als Stricher. Der Autor zitiert den Filmproduzenten Michael Fengler: "Für ihn war es eine ganz natürliche Sache, sich kaufen zu lassen, er hatte da gar keine wie auch immer gearteten Bedenken."

Der Film war seine Bestimmung

Obwohl seine große Liebe von Anfang an dem Film galt, machte Fassbinder einen Umweg über das Theater. Das Theatermuseum in München zeigt ihn derzeit als Theaterpionier, der mit seiner Zeit am Münchner Action-Theater, seiner Arbeit als Intendant des TAT in Frankfurt und mit seinen Stücken - darunter auch das wegen Antisemitismus-Vorwürfen höchst umstrittene Werk "Der Müll, die Stadt und der Tod" - das deutsche Theater reformierte. "Er war immer an den Orten, an denen etwas Neues passiert ist", sagt Blank.

Biograf Trimborn lässt dagegen keinen Zweifel daran: Der Film war Fassbinders Bestimmung. "Als ich die erste Einstellung in meinem Leben gedreht habe, das war eigentlich toller als der tollste Orgasmus, den ich je hatte. Das war ein Gefühl, das war unbeschreiblich", zitiert er ihn. Fassbinders Traum: "Viele Filme machen, damit mein Leben zum Film wird."

DPA / DPA
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