Best Age "Sie finden mich doof? Damit kann ich leben!"


Sie sind fit, sie sind finanzkräftig, und sie sind vor allem extrem entspannt. Frauen der Generation 50+. Wir haben sechs Prominente so in Szene gesetzt, wie sie sich selbst sehen.
Von Evelyn Holst

Es gibt diesen Moment im Leben jeder Frau, auch wenn sie Iris, Uschi oder Nena heißt, da wird ihr klar: "Verdammt, jetzt bin ich wirklich nicht mehr jung. Wie konnte das passieren?"

Doch da unser gefühltes und unser tatsächliches Alter oft so wenig miteinander harmonieren wie Israel und Palästina, haben wir diesen Moment sehr lange erfolgreich hinausgezögert. Wir haben ungünstiges Licht gemieden wie der Vampir die Knoblauchzwiebel, haben uns spritzen, schnippeln, liften und was wegsaugen lassen, bis wir im schlimmsten Fall wie die alte Chiara Ohoven aussahen, und wenn jemand es wagte zu fragen: "Wie alt sind Sie eigentlich?", dann haben wir ihn böse angeblitzt und uns mit den Worten: "Ich habe Sie akustisch leider nicht verstanden" abgewendet. Alt, auch nur älter, auch nur einen Hauch betagter als JUNG, das waren immer nur die anderen. Die welkten und knitterten vor sich hin, während wir selbst auf unerklärliche Weise jahrelang höchstens 38 wurden. Wer, jenseits der 40, kennt nicht das Entsetzen, wenn man bei Ministerpräsidenten mit Glatze plötzlich die Altersangabe in der Zeitung liest und feststellt: "Dieser dicke, alte Sack ist ja JÜNGER als ich!"

Doch dann stehen

wir im Januar in Höschen und BH in der Umkleidekabine und probieren einen Badeanzug an, und ohne uns zu fragen, ist unser Körper auf einmal südwärts gewandert, hat sich auf unseren Beinen eine rotblaue Flusslandschaft ausgebreitet, steht eine alte, hässliche Frau vor uns! Wer bist du, möchten wir sie anschreien, verschwinde auf der Stelle! Ich habe nichts mit dir zu tun! Aber sie grinst uns nur höhnisch an, und natürlich zieht in genau diesem Moment eine blutjunge, naturschlanke Verkäuferin den Vorhang zur Seite und flötet: "Steht Ihnen super! Haben wir auch eine Nummer größer da." Ja, meine Damen, da weiß man plötzlich, wie sich Mordlust anfühlt. Oder wir stehen in einer Boutique, mit dem Rücken zur natürlich ebenfalls knalljungen Verkäuferin, die uns fragt: "Kann ich dir helfen?" Wir drehen uns um, sie ruft erschrocken: "Oh, entschuldigen SIE bitte!" Wie heißt es noch so blöd: hinten Lyzeum, vorne Museum!?

Fakt ist, jeder von uns wird jeden Tag einen Tag älter. Dank vieler Fortschritte in Medizin und Schönheitschirurgie können wir inzwischen zwar mit hundert fast faltenfrei und schlauchlippig in die Kiste sinken, trotzdem fühlen wir uns oft ab vierzig schon alt. Da ist es ein schwacher Trost, dass uns die Wirtschaft als zahlungskräftige Babyboomer entdeckt und mit so schönen Begriffen wie Best-Ager, Silver Consumer, Woopies (well-off older people - vulgo "reiche, alte Säcke") beglückt. Als ob unser Verfallsprozess auf Englisch leichter zu verkraften wäre. Besonders schön ist die Bezeichnung Happy Enders, weil so in eingeweihteren Kreisen die Handmassage mit Totalentspannung für den Mann heißt. Frauen sollten ihren Mann also besser nicht als "Hallo, hier ist mein Happy Ender" vorstellen.

Wir, die Best Ager ab 50, sind die Mehrheit von morgen; in 30 Jahren, so verkünden die Statistiker, stellen wir in Deutschland die größte Bevölkerungsgruppe. Und 2050 soll es mehr Deutsche über 80 als unter 20 geben. Zum Glück sind wir dann schon auf Wolke sieben.

Ein riesiger Wirtschaftssektor

tut sich auf, mit Internetkursen für Silver Surfer, mit Hotelbetten, auf denen Rheumadecken liegen, im Nachtisch diskret eine Viagrapille. So genannte Senior Scouts durchforsten den Markt aus der bifokalen Perspektive. Inlineskates mit Stützrädern gefällig?

Theoretisch wissen wir alles übers Älterwerden, genauso, wie wir früher alles über Sex lasen und trotzdem mit viel zu vielen Männern im Bett landeten, die an uns herumschrammelten wie an einem schlecht gestimmten Instrument. Genauso wie wir als Eltern theoretisch alles über Kindererziehung wussten und dann fassungslos vor unserem gepiercten, tätowierten Teenager standen. Mit dem Älterwerden ist es ganz genauso. Die Medien drängen uns täglich gerontologische Neuigkeiten auf, die wir im Grunde gar nicht wissen wollen. Müssen wir mit 45 schon wissen, dass ab 50 plus eine Badematte mit rutschsicheren Noppen ratsam ist? Wie eine Windel für Blasenschwäche aussieht?

Das wirklich Schöne am Älterwerden ist, dass einem immer weniger Dinge peinlich erscheinen. Man sagt einfach seine Meinung. Wenn ein junger Chef zum Beispiel, jedes Mal wenn er unser Büro betritt, fragt: "Na, alles fit im Schritt?", dann sagen wir beim dritten Mal: "Wenn Sie mich diesen Schwachsinn noch einmal fragen, bekomme ich eine Hitzewallung, und Sie sind schuld." Man hat viel erlebt und deshalb vor immer weniger Dingen Angst. Wir haben das große Glück, nicht jung gestorben zu sein. Ein Glück, das die immer noch sehr frische Sängerin Katja Ebstein jeden Tag aufs Neue genießt. Ihr Motto: "Wer Zeit hat, jeden Tag nach Falten zu fahnden, sollte sich eine soziale Aufgabe suchen."

Auch die jahrzehntelang als Deutschlands "Lotto-Fee" titulierte Karin Tietze-Ludwig hat ihren Frieden geschlossen mit ein paar unabänderlichen Gegebenheiten. Auf permanente Diäten verzichtet sie inzwischen, denn "dann habe ich sofort noch mehr Falten und Kanten". Man müsse sich als Frau jenseits der 50 eben irgendwann die Frage stellen, ob man eher in der Gewichtsklasse Ziege oder Kuh spielen möchte. "Ich bin auf dem Weg zur Kuh", sagt die 64-Jährige, "obwohl ich eigentlich lieber Ziege wäre. Eine unzickige, allerdings."

Nichts macht uns älter als die ständigen Berichte über Krankheiten, die sich ab 50 plus immer häufiger in unsere Gespräche schleichen. Na, was macht dein Cholesterinspiegel? Danke, ist gesunken, dafür sind meine Leberwerte schlechter. Wie wirken denn die Kürbiskerne bei Manfreds Prostataproblemen? Wunderbar, er muss jetzt auch nachts nicht mehr so oft raus. Und deine neuen Hormontabletten? Ach bestens, ich hab jetzt kaum noch Hitzewallungen. "Auch so ein Schreckgespenst: die Wechseljahre. Dabei gehört das zum Besten, was mir passiert ist im Leben", sagt die Unternehmerin Brigitte von Boch. "Ist doch Quatsch, dass man dann keine Frau mehr ist. Das Sexualleben endet nicht mit den Wechseljahren - man ist nur die lästige Monatsregel los." Wie die 58-Jährige würde auch Schauspielerin Gila von Weitershausen, 62, nie auf die Idee kommen, sich auch nur einen Tag jünger zu mogeln: "Ich bin, wie ich bin, und habe keine Probleme, mich zu zeigen. Wenn mich jemand doof findet, kann ich heute gut damit leben. Das war früher anders!"

Wie mühsam es wäre, ständig nachrechnen zu müssen, was man in welchem Alter wissen darf. Wenn ich mich von Jahrgang 1956 auf 1966 zaubere, darf ich dann "I Can't Get No Satisfaction" mitsingen, oder fängt meine Musikkenntnis erst mit "Tür an Tür mit Alice" an? Ist mir Kurt Georg Kiesinger schon ein Begriff oder erst Helmut Kohl? Wenn ich eine Freundin richtig ärgern will, dann lese ich ihr aus dem Buch "Das Alter" von Simone de Beauvoir vor: "Die Haare werden weiß und schütter, während an manchen Stellen, zum Beispiel am Kinn, ein verstärktes Wachstum einsetzt. Die Haut wird faltig, die Zähne fallen aus. Die Oberlippe wird schmal, das Ohrläppchen wächst."

Das ist so fies, dass man darüber nur lachen kann. Selig ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist, sagt ein weises Sprichwort.

Und zum Schluss noch ein richtig schlechter Witz: Was schützt vor dem Älterwerden?

Ein Nickerchen hinterm Lenkrad.

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