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Boris Becker in Hamburg: Trotz Pleite und Trennung von Ehefrau Lilly: "Ich bin froh, wo ich heute bin"

Boris Becker hat in Hamburg einen lange geplanten, öffentlichen Auftritt absolviert. Doch statt um das angekündigte Thema Gesundheit ging es in erster Linie um Privates - und da hatte die Tennis-Ikone einiges zu erzählen.

Boris Becker Hamburg

Ein bestens aufgelegter Boris Becker gab auf einem Gesundheits-Kovent in Hamburg Auskunft über sein Leben und seine künstlichen Hüftgelenke

DPA

Schwarzer Anzug, weißes Hemd, Turnschuhe und ein ganz entspannter Gesichtsausdruck: Wer dachte, würde seinen lange geplanten Gastauftritt als Ex-Spitzensportler und Ex-Grenzgänger in Hamburg absagen, weil ihn andere Probleme beschäftigen, lag falsch. Becker erschien wie bestellt zum Gesundheits-Convent, den die "Zeit" im Fünf-Sterne-Hotel Atlantic direkt an der Alster veranstaltete, gut gelaunt und überraschend erzählfreudig. Das verabredete Thema: "Mein Leben am Limit - was der Gesundheit guttut und was nicht". Über das Limit Sport ging er inhaltlich zur Freude des Publikums sogar ein bisschen hinaus - und wurde: privat.

Die Zuhörer, viele von ihnen im Gesundheitssektor tätig, reagierten mit Sympathie und immer wieder sehr amüsiert.

Boris Becker hält weiter den Schläger in der Hand

Boris Beckers Hauptbotschaften ließen keinen Zweifel daran: Er definiert sich weiterhin als der, der den Schläger in der Hand hält. Er blickt nach vorne. Gereift. Trotzig. Unbedingt positiv. Solche Sätze sagte er immer wieder: "Ich bin neugierig und lebensbejahend." "Ich bereue nichts." Und auch, trotz von Ehefrau Lilly und Pleite: "Ich bin froh, wo ich heute bin."

Wer ihn für seine berufliche Achterbahn kritisiert, dem hält er entgegen: Hätte er sich denn nach dem Ende seiner Tenniskarriere einfach hinlegen sollen? Eben nicht. "Es war mein gutes Recht, nach meiner aktiven Karriere wieder auf Null zu gehen und nach bestem Wissen und Gewissen etwas zu versuchen." Details zu der wirtschaftlichen Entwicklung, die er nahm, zu den Millionen, die er verlor, gab er nicht preis - "nicht in diesem Rahmen", sagt er freundlich und zur Enttäuschung mancher - denn hier sollte es ja um Gesundheit gehen. 

Dann also weit zurück  - in die Ruhmeszeiten, in die Heldenjahre, die 80er. , Millionen Zuschauer, Millionengewinne. Sieg, Niederlage, Hechtsprung. Boris Becker beschreibt: Er ging nicht nur an die Grenzen. Sondern: über die Grenzen. Er hat sich damit kaputt gemacht. Sein Körper habe damals Hormone ausgeschüttet, die die Schmerzen verdrängten, das sei der Trick gewesen, die Strapazen auszuhalten, aber eben auch das Problem der Sportler, die ihren Körper so irrsinnig schinden würden: "Du hast danach nur noch Glücksgefühle". 

Das größte Tennismatch aller Zeiten

Er erzählte vom "größten Tennismatch aller Zeiten“, 1987, Davis Cup, sein Spiel in Hartford gegen John McEnroe. Das Spiel dauerte sechs Stunden 21 Minuten, "vor 17.000 wahnsinnigen Amerikanern". Der Preis, als das Adrenalin abgeflaut war, war hoch: Schmerzen. Geschwollene Füße, am nächsten Tag. "Gesund ist es nicht, so lange herumzurennen", sagt Becker zu den versammelten Gesundheitsexperten, und dann, fröhlich: "Aber ich möchte keine Sekunde missen, weil ich ja gewonnen habe."

Der Held von einst bekam die Folgen seines sportlichen Einsatzes bitter zu spüren. Er ließ sich  vor wenigen Jahren zwei künstliche Hüftgelenke einsetzen. Dann kam die Operation an einem kaputten Sprunggelenk - es wurde zu drei Vierteln versteift, wie er in berichtete. "Ich passe in keinen Abendschuh mehr. Ich bin froh, dass Turnschuhe heute trendy sind."

Warum hat er eigentlich so selbstausbeuterisch gespielt? Würde er das rückblickend lieber anders machen, fragte ihn Christoph Amend, der Leiter des "Zeit-Magazins", der das Gespräch auf der Festsaal-Bühne des Hotels moderierte. Becker antwortete lakonisch: "Dann hätte ich ja verloren." Er rief: "Wer in die Schlacht geht, der bekommt auch etwas ab. Das sind die Narben des Krieges."

Boris Becker vermisst Typen wie Boris Becker

Solche wie er einer war, vermisst er heute. "Leidenschaft und Emotionen" - diese"Charaktereigenschaften" seien es, die ein Sportler  mitbringen müsse, "der an einer Tür nicht nur anklopft, sondern auch durch sie hindurchgeht“. Junge Sportler, findet er, würden immer aufpassen, bloß nichts falsch zu machen: "Wir haben nicht mehr diese großen -Persönlichkeiten, die echt mal dahin gehen, wo es weh tut", findet Becker. Er lacht, als er das sagt: "Heute nennen sie sich mit 22 Jahren noch Nachwuchsspieler - mit 22 hatte ich schon meine dritte Krise!" Becker vermutet: "Das muss wohl an der Psyche liegen."

Und die Psyche von Boris Becker, wie geht es der? Welche Überschrift würde er, über den so viel geschrieben wird, sich selbst verpassen? Becker muss nicht lange überlegen. "Wandlung", sagt er. Er habe mal gehört, "dass der Mensch sich alle sieben Jahre häutet". Und mit 49 häute man sich zum letzten Mal. Er ist im letzten Jahr 50 geworden, er hat (fast) alles Geld und die zweite Ehefrau verloren. Er hat, sagt er, jetzt diesen Wunsch: "Dass ich das, was ich beende, auch wirklich zum Punkt bringe."

Boris Becker ließ sein Publikum noch wissen, er merke mit den Jahren immer deutlicher, dass das Leben endlich sei, dass es körperliche Grenzen gebe, spürbar nicht zuletzt an seinen Prothesen ("Bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen piept es immer lauter.") und, auch: "Je älter ich werde, umso mehr weiß ich, was ich noch nicht weiß."

Die seelischen Verletzungen vergisst er nicht

Was er allerdings genau wisse und auch nicht so schnell vergessen werde, sei das, was ihn seelisch verletzt habe. Den dafür verantwortlichen Menschen könne er bestenfalls "vergeben, verzeihen nicht“.  Wen er da meinte, ob Frauen, die ihm zugesetzt haben oder Geschäftspartner, die von ihm hartnäckig Geld wollen, ließ er offen.

Seine vier Kinder jedenfalls - die sind garantiert nicht gemeint. Mit Anna Ermakowa, der 18-jährigen Tochter, verriet er zum Abschluss im Plauderton, habe er einen sehr guten Draht: "Ich kann das hier ja sagen - wir sprechen viel über persönliche Themen." Mit dem ebenfalls 18-jährigen Elias, Annas Halbbruder, könne er sich zurzeit ebenfalls richtig gut austauschen. Das, ließ er durchblicken, sei ja das Schöne, wenn man selbst was erlebt hat: Man kann seine Kinder daran teilhaben lassen.

tis
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