Jackson-Prozess Lass dich nicht verarschen


Im Prozess gegen Michael Jackson sind keine Kameras zugelassen. Trotzdem bekommen Zuschauer beim Musiksender Viva täglich einen wimmernden Michael Jackson auf der Anklagebank zu sehen.
<em>Von Jens Maier</em>

Michael Jackson sitzt im Gerichtssaal und sieht ganz anders aus als sonst - man könnte fast sagen gut. Hat der Popstar schon wieder eine Schönheits-Operation hinter sich? Nein, denn wer da sitzt ist nicht Michael Jackson, sondern ein Schauspieler mit dem Namen Edward Moss - seines Zeichens Jackson-Double. Und der verfolgt den Prozess auch nicht im echten Gerichtssaal, sondern in einem Fernsehstudio.

Kameras verboten

Der Grund für das Spektakel ist simpel. Denn ausgerechnet im Jahrhundertprozess gegen den größten Popstar aller Zeiten hat Richter Rodney Melville in seinem Gerichtssaal in der südkalifornischen Erdbeer- und Rinderstadt Santa Maria keine Kameras zugelassen. Den Prozessbeteiligten erteilte der 63 Jahre alte, gestrenge Richter kurzerhand Redeverbot und die meisten Dokumente im Gerichtsverfahren deklarierte er als vertraulich.

Die Gier nach Informationen und Einschaltquoten hat die TV-Sender erfinderisch gemacht. Man heuerte kurzerhand eine Schar von Schauspielern an, die Tag für Tag das Geschehen im Gerichtssaal nachstellen. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, einen Weltstar, der Millionen von Menschen mit seiner Musik faszinierte, nun als miesen mutmaßlichen Kinderschänder auf der Anklagebank zu sehen. Zu groß ist die Verlockung, schmutzige und obszönen Details ins Fernsehen übertragen zu können - wie im Scheidungskrieg zwischen Boris und Barbara Becker oder im spektakulären Mordprozess gegen O.J. Simpson. Das kleine Detail, dass die Zuschauer eben nicht Michael Jackson wimmernd auf der Anklagebank zu sehen bekommen, sondern nur ein zweitlklassiges Double, stört die TV-Bosse wenig.

Ausgedacht hat sich das ganze der amerikanische Fernsehsender "E! Entertainment Television" und das britische Unternehmen "British Sky Broadcasting". Die täglichen "Reenactments" sollen für die Dauer des Verfahrens, das sich nach Einschätzung von Verteidigung und Staatsanwaltschaft fünf Monate hinziehen könnte, ausgestrahlt werden. In Deutschland ist das Spektakel täglich auf Viva zu bewundern. Mit mäßigem Erfolg. Da in deutschen Justizsälen Kameras und Mikrofone laut Gesetz weitgehend tabu sind, geilt man sich hierzulande bisher an weitgehend haarsträubenden Fällen bei Barbara Salesch oder Alexander Holdt auf.

Gerichts-TV in den USA der Renner

Anders in den USA. Seit den 90er Jahren ist dort der "gläserne Gerichtssaal" immer populärer geworden. Mehr und mehr Bundesstaaten erlaubten TV-Kameras während Verhandlungen. Fernsehen sei modern und bringe den Zuschauern die Realität direkt ins Haus statt durch den Filter eines Zeitungs- Reporters, argumentierten die Befürworter. 1991 wurde der Kabelkanal "Court TV" gegründet, der die Verfahren seitdem meist live sendet. Da die einzelnen Staaten aber unterschiedlich mit dem Problem von Fernsehübertragungen umgehen, sind sie in manchen Staaten per Gesetz verboten, in anderen erlaubt.

So wäre die Übertragung des Jackson-Prozesses aus Kalifornien zwar grundsätzlich kein Problem. Doch egal ob erlaubt oder nicht, das letzte Wort hat in jedem Fall der jeweilige Richter. Und Jacksons Richter Rodney Melville setzt alles daran, damit das Strafverfahren keine Hollywood-Show wird.


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