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Jackson-Prozess: Standpauke vom Richter

Mit 20-minütiger Verspätung ist der wegen Kindesmissbrauchs angeklagte Popstar Michael Jackson zur Eröffnung seines Prozesses erschienen. Dafür gab's Schelte vom Richter.

Mit 20 Minuten Verspätung erscheint Popstar Michael Jackson zu seinem Auftritt auf ungewohnter Bühne. Laute Jubelschreie von Fans und ein riesiges Blitzlichtgewitter der versammelten Weltpresse empfangen den Sänger, als er aus der schwarzen Luxuslimousine in die Sonne tritt. Mit dunkler Brille, von einem großen Sonnenschirm und seinen Bodyguards beschützt, wie man es von Jacksons früheren öffentlichen Auftritten kennt. Hände strecken sich dem Popstar entgegen. Das Defilee eines gefeierten Sängers, bei dem nur der Rote Teppich fehlt? Der Eindruck täuscht - im Gericht begann für Jackson das Spießrutenlaufen.

Standpauke vom Richter

Jackson, im dunklen Anzug mit einer weißen Stoffbinde am rechten Arm, musste durch einen Metalldetektor laufen. Jeder Schritt auf dem Weg zum Richter wurde von Fernsehkameras mitverfolgt. Das restliche Drama spielte dann hinter verschlossenen Türen. Richter Rodney Melville hatte Kameras aus seinem Gerichtssaal verbannt. Doch wie ein Lauffeuer machte das Wort die Runde, dass der einstige "King of Pop" von Melville scharf für sein spätes Erscheinen gerügt wurde. "Mr. Jackson, Sie haben das auf dem falschen Fuß begonnen", rügte der Richter Rodney Melville die rund 20-minütige Verspätung des Pop-Stars. "Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass ich so etwas nicht hinnehmen werde. Das ist eine Beleidigung des Gerichtes. Ich erwarte, dass Sie bei den nächsten Gerichtsterminen pünktlich sind."

Fans kamen von überall

Wie erwartet bekannte sich Jackson "nicht schuldig" zu den Vorwürfen des Kindesmissbrauchs. Seine Fans glauben das schon lange. Mit Postern, Sprechchören und Spruchbändern, darunter einem 15 Meter breiten Banner mit der Aufschrift "Michael ist unschuldig", hatten sich hunderte von Anhängern schon im Morgengrauen vor dem Gerichtsgebäude aufgebaut. "Eine verrückte Szene", erzählte Daniela aus Berlin. Die 25-jährige, die ihren Nachnamen nicht nennen wollte, war eigens aus Deutschland nach Kalifornien gereist, um "ihre volle Unterstützung für Michael zu zeigen".

Am Freitagmorgen hatte sie bereits einen Protestmarathon hinter sich. Am Abend zuvor war sie mit Freunden aus Spanien und Frankreich für eine Lichterkettenaktion zur Ranch Neverland gezogen. Am Nachmittag hatte sie mit treuen Jackson-Fans vor dem Büro von Staatsanwalt Tom Sneddon gegen die "ungerechte Behandlung" ihres Idols protestiert.

Sogar größer als der O.J.-Prozess

Neben Hunderten von Fans wurde Jackson von einem Großaufgebot von Polizei und FBI erwartet. Scharfschützen waren rund um das Gerichtsgebäude in Stellung gegangen. Kamerateams aus aller Welt belagerten den Eingang. Kommentatoren stuften das Medieninteresse für das Jackson-Verfahren als noch größer ein als für den Doppelmord-Prozess gegen den US-Footballstar O.J. Simpson vor knapp zehn Jahren. Hier würden mehr Kameras aufgefahren, als er je zuvor bei einem Prozess gesehen habe, stöhnte ein CNN-Reporter in Santa Maria. Unter den angereisten Reportern war auch der ehemalige Polizeichef des Bezirks, Jim Thomas, der nach dem Aufkommen erster Vorwürfe des Kindesmissbrauchs vor zehn Jahren gegen Jackson ermittelte. Er begleitet das Gerichtsverfahren für den Fernsehsender NBC. "Ich glaube, dass er verurteilt wird", sagte der Expolizist, der bis heute eng mit dem zuständigen Staatsanwalt Tom Sneddon befreundet ist.

Anklageschrift veröffentlicht

Der Fernsehsender CNN hat eine Kopie der Klageschrift auf seiner Website veröffentlicht. Darin steht, dass Jackson den Jungen in sieben Fällen unsittlich berührt habe. Zwei Mal soll er dem Kind ein berauschendes Mittel verabreicht haben, um es zu verführen. Nach Angaben aus dem Bekanntenkreis des Jungen handelte es sich dabei um Wein. Jeder der Missbrauchsvorwürfe könnte mit drei bis acht Jahren Gefängnis bestraft werden.

DPA/AP / AP / DPA