Modebranche Mit Normalfigur zum Starmodel


Über diese kleinen Fettröllchen am Bauch spricht ganz Amerika: Mit einem Foto wurde Lizzie Miller zu Sympathieträgerin für Frauen, die genug haben von Magermodels und Minimaßen. Die Geschichte einer 20-Jährigen, die zum Star wird, weil sie authentisch ist.
Von Ulrike von Bülow, New York

Nein, sagt Lizzie Miller, richtig begeistert sei sie nicht gewesen, als sie das Foto gesehen habe, gedruckt. Sie war für "Glamour" abgelichtet worden, für die amerikanische Ausgabe des Frauenmagazins, aber sie hatte keine Ahnung, in welcher Ausgabe ihr Bild erscheinen und welches Bild das sein würde - bis sie vor ein paar Wochen eine SMS bekam, von einer Freundin, die schrieb: Lizzie, Du bist in "Glamour"! "Und da bin ich zum nächsten Kiosk gelaufen", erzählt Miller, "und habe mir das Heft besorgt." Sie blätterte, suchte und fand sich auf Seite 194, "und dann dachte ich: Oh je, warum haben die denn ausgerechnet dieses Foto genommen - das ist ja nicht besonders schmeichelhaft."

Lizzie Miller sah eine junge Frau, seitlich aufgenommen, bekleidet nur mit einem G-String, sitzend, die Beine übereinander geschlagen, die Arme auf den Beinen ruhend, am Bauch ein Röllchen Speck. Eine Frau mit blonden Haaren, hochgesteckt, die lachte, deren Blick sagte: Ich fühle mich wohl. Das Foto war eher nebenbei entstanden, in einer Pause des Shootings, ohne große Pose, es hatte etwas schön Selbstverständliches. Doch als sie sich so sah, fühlte Miller sich gar nicht mehr wohl: zuviel Bäuchlein, fand sie. Eine Meinung, die sie ziemlich exklusiv hatte. Denn bei "Glamour" gingen haufenweise Leserbriefe ein, unzählige E-Mails, in denen es hieß: "Wir lieben die Frau auf Seite 194! Toll, wie natürlich die aussieht!! Sexy, ihre weiblichen Formen!!!"

Sympathiepunkte statt Weight-Watchers-Points

In Zeiten, in denen Models dünne Gestalten sind und furchtbar appetitlos wirken, erscheint eine Lizzie Miller offenbar wie ein Wunder. Sie ist 1,80 Meter groß und wiegt 79 Kilo. Kein Pin-up-Gewicht, ein 0815-Körper: Miller hat Kleidergröße 12-14, das ist nordamerikanischer Durchschnitt bei Frauen (und entspricht in Deutschland 38-40). Sie ist keineswegs fett, doch für Modeverhältnisse ist sie ein Moppel - und irre exotisch. Das Bild von Lizzie Miller, dieses eine nur, hat "Glamour" so viel positives Feedback beschert, dass die Zeitschrift nun eine ganze Fotostrecke mit Miller produziert hat - für die November-Ausgabe. Cindi Leive, die Chefredakteurin, ist noch immer ganz entzückt über ihr neues Topmodel: "Wir waren begeistert von ihrer Art, wie sie lachte auf dem Bild und ihren Bauch nicht einzog. Lizzie drückte aus: Das habe ich nicht nötig, ich mag mich, wie ich bin!"

Nun war das gar nicht ihre Absicht, Miller wollte nichts ausdrücken, nichts darstellen, sie war einfach nur da, eine Frau, 20 Jahre alt, die sich nicht immer so mochte, wie sie war, in diesem Moment aber Spaß hatte an ihrem Job. Und auch wenn Miller ihre kleine Halbnackt-Aufnahme in "Glamour" anfangs nicht gefiel, sehe sie sich heute mit anderen Augen, sagt sie: "Man ist ja sein größter Kritiker, und mein erster Blick fiel automatisch auf meinen Bauch. Aber dann habe ich so viel Post bekommen von Menschen, die mir geschrieben haben, dass sie sich dank meines Fotos wohler fühlen in ihrer Haut - und so geht es mir nun auch."

Das war nicht immer so, denn Lizzie Miller ist ein "plus-size model", wie sie das hier nennen, ein etwas volleres Model, weil sie eigentlich nie besonders dürr war: "Ich wurde dicker, als ich acht Jahre alt war", erzählt sie. Sie war noch kein Teenager, da machten sich die Jungs über ihre Beine lustig - zu breit! "Ich ging deshalb zu den Weight Watchers, wo ich 30 Kilo abnahm. Danach hieß es: Du solltest modeln! Und dann meinte meine Mutter: Warum eigentlich nicht?!" Und so bewarb sich Lizzie Miller, aufgewachsen in San Jose, Kalifornien, bei einem Model-Wettbewerb, reiste mit ihrem Vater an die Ostküste Amerikas und wurde von der Agentur "Wilhelmina Models" genommen, Sitz: New York. Doch sie sei halt kein Hering gewesen, sagt sie, "und ich war noch keine 16, da spürte ich, dass es einen Unterschied gab: Man arbeitete eigentlich nicht mit Mädchen wie mir."

Mittlerin zwischen Mensch und Mode

Lizzie Miller wurde keine Kate Moss, keine Gisele Bündchen, kein Supergirl für Hochglanzblättchen. Sie verdiente ihr Geld mit Katalog-Jobs, Anzeigen für "etwas größere Mode", Bereich: vollschlank. Sie war mittendrin, doch nie wirklich dabei, bis "Glamour" sich meldete - auf der Suche nach einer Frau, die erzählte, wie schwer es sei, mit Kurven groß herauszukommen, ein Model mit mehr oder weniger normalen Maßen zu sein. Sie war ein paar Mal abgelehnt worden für Shootings, weil sie "zu dick" sei, wie es hieß. Ein Witz eigentlich, wenn man Lizzie Miller sieht: schön, frisch, reell.

Ihr Bild führt eine Industrie vor, die besessen ist von Maßangaben, die kaum eine Kundin erfüllt, und doch nicht davon absehen kann. Es ist ein albernes Spiel, unrealistisch, weltfremd, es braucht hin und wieder eine Lizzie Miller, die für das wahre Leben steht. Ein echtes Bild abgibt, das allen zu denken gibt, weil es eine Verbindung schafft zwischen Mensch und Mode. Und Miller hat eine Botschaft: "Ich werde niemals aussehen wie Heidi Klum, so dünn. Ich bin eher wie Beyoncé oder Jennifer Lopez", eine schwarze und eine lateinamerikanische Frau, sagt Miller, "und ich versuche zu beweisen, dass kurvig in allen Kulturen sexy ist!"


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