HOME

Was macht eigentlich ...: ... Rainer Niemeyer?

Der Handballer war einer der Torhüter der Weltmeister- Mannschaft von 1978. Zwei Jahre später stimmt er als Einziger aus der Mannschaft für einen Olympia-Boykott.

Herr Niemeyer, Ihre Sportkarriere fiel in turbulente Zeiten.

Kann man wohl sagen. Wir hatten als Kinder die Stimmung der 68er mitbekommen, trugen lange Haare und wollten alles sein außer angepasst. Sicherlich gibt es auch heute viele politisch engagierte Sportler, aber man kann doch beobachten, dass wir uns früher mehr zu Wort gemeldet haben.

Im Olympia-Jahr 1980 stimmten Sie für einen Boykott, weil ...

... ich schon immer ein politischer Mensch war. Ich befand mich mitten im Geschichtsstudium und dachte: Nein, es kann nicht angehen, dass wir in einem Land, das gerade ein anderes besetzt, den Frieden auf Erden feiern. Olympia und der Krieg in Afghanistan waren für mich unvereinbar miteinander. Rückblickend muss ich leider sagen: Bewirkt haben wir nicht sehr viel.

Wie meinen Sie das?

Mit unserem Boykott haben wir ja nicht erreicht, dass der Russe das Land verlassen hat oder dass der Krieg dort endete.

Ein Zeichen setzen - ist das denn nichts wert?

Zu meiner Entscheidung stehe ich noch heute. Doch uns wurde auch einiges genommen. Für einen Sportler ist Olympia das Größte, und bei uns Handballern kam dazu, dass wir nach dem WM-Titel von 1978 auf dem Höhepunkt waren. Für mich hätten die Spiele der internationale Durchbruch sein können.

Wie kann man sich die Stimmung in der Mannschaft damals vorstellen? Ihre Mitspieler, unter anderem der heutige Bundestrainer Heiner Brand, waren alle gegen den Boykott.

Es war ja nie so, dass wir alle an einem Tisch saßen und gesagt wurde: Du bist dafür, du bist dagegen. Wir haben einfach viel diskutiert. Wir waren ja schon voll für Olympia ausgestattet, dann gab es einen letzten Lehrgang, da haben wir noch mal lang diskutiert. Als dann die Entscheidung verkündet wurde, ist die Mannschaft auseinandergebrochen.

Was denken Sie über die aktuelle Situation?

Ich finde, dass Deutschland der chinesischen Regierung deutlich machen sollte, was es von Menschenrechtsverletzungen, etwa in Tibet, hält. Aber ich bin dagegen, auf Sportler Druck auszuüben. Das muss auf anderer Ebene ausgefochten werden.

Und zwar?

Na, man wusste doch bereits 2001, an wen man die Spiele vergibt. Der Fehler ist vor sieben Jahren passiert, als das IOC sicher im Sinne des Kommerzes, aber nicht im Sinne der Menschenrechte gehandelt hat.

Es gibt viele Sportler, die sich jetzt in einem Gewissenskonflikt befinden. Wenn Sie denen einen Rat geben könnten, dann ...

... könnte ich gleich mal bei meinem Sohn Arne anfangen. Der steht im erweiterten Kader der Handball-Nationalmannschaft und kann mit Glück sein Olympiaticket noch lösen.

Was raten Sie ihm?

Teilzunehmen. Wenn er nicht fährt, hätte er persönlich und politisch gewonnen, könnte jederzeit in den Spiegel schauen. Aber sportlich hätte er verloren.

Aber als Sportler ist man doch auch ein politischer Mensch, man trägt den Bundesadler, die Flagge wird gehisst, die Hymne gespielt.

Das ist richtig. Aber wissen Sie, ich habe nie vergessen, wie es sich für uns anfühlte damals. Immer wenn es gegen Länder des Ostblocks ging, speziell die DDR, da war die Stimmung so aufgeheizt, es war immer ein Politikum, gerade da musste man als Sportler funktionieren. Dabei wollten wir einfach nur Handball spielen. Nein, so etwas möchte ich nie wieder erleben.

Was machen Sie heute?

Ich bin Lehrer in Minden an einer Förderschule für geistige Entwicklung. Dem Handball bin ich treu geblieben. In meiner Freizeit trainiere ich den Frauen-Regionalligisten HSG Stemmer/Friedewalde.

Interview: Iris Hellmuth / print
Themen in diesem Artikel