Was macht eigentlich... ... Matthias Roeingh?


Heute wird in Essen die "Love Parade" gefeiert. Aber ohne Matthias Roeingh. Der Berliner DJ mit dem Künstlernamen "Dr. Motte" kam als "Vater der Loveparade" zu weltweitem Ruhm. 2003 organisierte er den Techno-Umzug zum letzten Mal; 2006 stieg er ganz aus.

Wie möchten Sie angesprochen werden? Herr Roeingh? Herr Motte?

Nehmen Sie den Spitznamen: Motte.

Gut, Motte. Wie kamen Sie zu Ihrem Doktortitel?

Das war 1992, da hab ich im Club 90° in Berlin als Afterhour-DJ aufgelegt. Weil ich da die Leute immer so schön verzaubert hab, bekam ich ein graviertes Metallschildchen geschenkt: "Dr. Motte, Psychiatrische Abteilung".

Ein Dr. h . c. also?

Doktor ehrenhalber, genau. Noch passender: Dr. v. – Doktor verdientermaßen.

Nicht schlecht für einen Quereinsteiger.

Ja, davor habe ich sechs Jahre als Betonbauer gearbeitet. Dann hatte ich da keinen Bock mehr drauf, hab meine Lieblingsmusik aus dem Radio auf Kassetten aufgenommen und sie in den Kneipen von Kreuzberg verkauft. Es lief gut. Die Leute liebten meine Musik. Und ich hatte immer welche bei mir. So ging das los.

Im Wendejahr 1989 zog die erste Loveparade zu Techno-Klängen über den Ku’damm. Wie kam es dazu?

Mir war aufgefallen, dass damals auf Demos immer alle "Gegen ...!" riefen und nie "Für ...!". Ich wollte eine neue Form von Demonstration: für Frieden. Für die Musik als Mittel der Verständigung. Und für die gerechte Nahrungsmittelverteilung. Übersetzt in das erste Loveparade-Motto: "Friede, Freude, Eierkuchen!"

Sie wollten mit der Loveparade ...

... die Schönheit der Welt retten und sie ein wenig vertiefen. Freiräume wie die Loveparade sind nötig, um die Gesellschaft zu heilen. Denn das haben wir ein bisschen verlernt: die Freiheit des Seins zu genießen.

Am Ende musste die Loveparade aber vor der Pleite gerettet werden.

Diese Entwicklung war selbst verschuldet. 2001 hatten wir verpennt, bei der Stadt Berlin rechtzeitig den Termin für den ersten Julisamstag zu beantragen. Eine andere Demo war schneller. Wir zogen für unseren Stammtermin vor Gericht - und verloren unseren Status als politische Demonstration. Damit hatten wir plötzlich horrende Kosten für Polizei und Müllbeseitigung zu tragen. 2004 und 2005 musste die Parade deswegen ausfallen.

Voriges Jahr wurde die von einem Fitnessstudiokettenkaufmann wiederbelebt. Sie sind ausgestiegen. Warum?

Dass ein Sponsor aus Reklamegründen die Inhalte einer solchen Veranstaltung generiert, das geht zu weit. Damit will ich nichts zu tun haben.

Waren Sie dort?

Nein ... Na ja, gut, ich hab mich kurz in die S-Bahn gesetzt und bin über die Tiergarten-Brücke gefahren - und hab dann von da oben aus überall diese gelben Bananen des Hauptsponsors rumwatscheln sehen.

Wie lautet Dr. Mottes Diagnose für die erstmals im Ruhrgebiet stattfindende Loveparade am 25. August?

Mag sein, dass das eine Veranstaltung wird, an der ganz viele Leute ganz viel Spaß haben. Aber ich kann keinem empfehlen, an so einem Werbe-Event teilzunehmen. Das ist so geistlos, buäh!

Was macht Dr. Motte ohne die Loveparade?

Ich komme viel herum als DJ. Ich arbeite an einem Buch über die Loveparade. Und ich starte gerade ein Musiklabel, auf dem Künstler auf Schallplatten veröffentlichen können - echte Schwingungen, kein digitaler MP3-Codec!

Wie wäre es mit einer Gegenveranstaltung zur Loveparade?

Ich mache keine Konkurrenzveranstaltungen. Man kann seine Welt doch nicht auf Dagegensein gründen! Darum sind wir ja 89 über den Ku’damm gezogen: "Gegen den Krieg!" ist auch nur wieder Krieg.

Interview: Markus Wanzeck

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker