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Basso & Brooke: Die Märchenonkel

Mit doppeldeutigen Printmotiven und gewagten Farbkombinationen haben Basso & Brooke die schläfrige britische Modeszene aufgemischt. Jedes ihrer Stücke erzählt seine eigene fabelhafte Geschichte.

Wenn Bruno Basso und Christopher Brooke über ihre Arbeit sprechen, dann klingt es, als unterhielten sich zwei alternde Kinderbuchautoren, denen der Realitätssinn abhanden gekommen ist. "Wir lieben Märchen, wunderliche Geschichten und Fabeln. Wir spielen mit dem verführerischen Bildrepertoire verwunschener Königreiche. Schätze, Zauberwesen und magische Objekte - all das spielt eine große Rolle bei uns."

Stundenlang könnten die beiden so parlieren, immer neue Szenarien entwerfen, und am Ende hat man alle möglichen Fantasiefiguren vor Augen - aber Mode? Doch, die absonderlichen Visionen von Basso & Brooke sind tragbar. Vielleicht nicht unbedingt im Büro oder zum Einkauf bei Lidl, aber jedes einzelne Stück für sich genommen, ist ein kleines Kunstwerk und geschickt kombiniert ein echtes Highlight der Garderobe.

Nicht von ungefähr feiert

die Londoner Modeszene das Designer-Duo seit einem Jahr geradezu hysterisch, die Herbstkollektion bekam bei der Fashion Week im Februar Standing Ovations, vor den Türen der After-Show-Party gab es Prügeleien um den Einlass. Innerhalb von Stunden erhielt das typisch britische Kürzel "B & B" eine völlig neue Bedeutung.

Bereits im vergangenen Sommer sorgte ihre erste Kollektion - luftige Kleider mit prägnanten Silhouetten, überzogen mit vielfarbigen Drucken - in der etwas schläfrig gewordenen britischen Modemetropole für Aufregung: Als beste Newcomer erhielten Basso & Brooke den mit stolzen 150 000 Euro dotierten britischen "Fashion Fringe"-Preis.

Dazu kam ein Produktionsdeal mit der renommierten italienischen Aeffe Group, zu deren Marken unter anderen Moschino und Gaultier gehören. "Plötzlich war unsere Zukunft als Designer gesichert. Ohne diese Finanzspritze hätten wir unsere zweite Kollektion nie machen können", sagen die beiden.

Ein Kreativteam

sind Bruno Basso und Christopher Brooke seit gerade mal drei Jahren. Im Juli 2002 beschlossen der aus Brasilien stammende ehemalige Grafiker Basso und der gelernte Modemacher Brooke, der wie Alexander McQueen am Central Saint Martins College studiert hat, Britanniens schwarzgrauer Kleider-Tristesse etwas völlig Neues entgegenzusetzen.

Ihre erste Kollektion von grellbunt bedruckten Seidentüchern sucht noch heute ihresgleichen, denn die verspielten Ornamente sind nur auf den ersten Blick romantisch-unschuldig: So entpuppt sich die Pflanze, die sich auf einem leichten Seidenkleidchen in dramatischen Farben in die Höhe schlängelt, beim genauen Hinsehen als Eierstock. Die barocke Fontäne auf einem Seidenrock setzt sich zusammen aus ejakulierenden Penissen, und auf feinen Chiffonblusen entstehen wilde Raster aus unzähligen, penetrant rosafarbenen Brüsten.

Ähnlich wie beim Manierismus des 16. Jahrhunderts und seiner grotesken Ornamentsprache geben sich die Bilderwelten von Basso & Brooke erst auf den zweiten Blick zu erkennen. "Wir wollen die Leute provozieren und ermutigen, unter die Oberfläche zu schauen", erklären sie.

Inzwischen gib es sogar schon einen feststehenden Begriff für ihre doppeldeutigen Printwelten: "sexadelic", eine Mischung aus Sex und psychedelisch. Kaum hatten die Modemagazine im vergangenen Jahr erste Bilder ihrer Kleider gedruckt, gab es böse Kritiken. Die Mode von Basso & Brooke sei frauenfeindlich, hieß es.

"Absurd!", finden B & B. "Halb nackte Models auf Fernsehzeitungen, das ist frauenfeindlich! Die Frau, für die wir unsere Mode entwerfen, ist stark, elegant und selbstbestimmt. Sie fürchtet sich vor nichts und hat große Lust auf Provokation."

Bei der letzten Fashion Week jagten dann auch 1,90 Meter große Frauen wie furchtlose Amazonen die Absätze ihrer Stilettos mit jedem Schritt pfeilgleich in den Boden, sie trugen ornamentüberzogene Westen, tannengrüne Jäckchen mit Lederbesatz, Robin-Hood-artige Hosen und Hüte, Abendkleider in dramatischem Nachtblau, über und über mit Swarovski-Steinen besetzt.

Die Drucke der zweiten B & B-Kollektion sind in ihren Motiven zwar ein bisschen gemäßigter, es gibt weniger Geschlechtsteile als in der ersten, dafür aber wieder dichte Märchenwälder, verschlängelte Kettenmuster und beängstigende Matronen, die sich auf fließenden Chiffonblusen breit machen.

"Mode muss für uns immer eine Message haben. In dieser Kollektion geht es weniger um Sex als um den Gegensatz von arm und reich", sagt Brooke. So erinnert die Kettenstruktur auf blutroten, knielangen Röcken an vergangenen Versace-Glamour, aber gleichzeitig stünden die Ketten auch für Unterdrückung, so das Duo. Ob Basso & Brooke-Fans wie Kylie Minouge diese Doppeldeutigkeiten bemerken, ist eine andere Frage.

Eine Kollektio

n für Männer ist bereits in Planung. Bisher kommen Basso & Brooke noch mit ihren zwei Studios aus. Das eine liegt im repräsentativen Osten Londons - dort empfangen sie ihre Kunden, die seit Februar wöchentlich um Termine bitten.

Das andere Quartier liegt im Süden der Stadt, mitten im Arbeiterviertel Brixton. Das schlichte Gebäude, in dem die beiden ihre Motive entwickeln und mit Katz' und Mops wohnen, wirkt von außen wie ein spießiges viktorianisches Reihenhaus mit Spitzengardinen und Blumenkästen. Aber auch das könnte wieder nur eine von Basso & Brookes fabelhaften Fallen sein ...

Julia Grosse / print
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