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Duft-Fabrik: Guck mal, was da riecht

Wie kommt der Zeitgeist in die Luft? In der Duft-Fabrik symrise entsteht, woran wir täglich schnuppern - vom Parfüm bis zum Klostein. Und oftmals ähneln sie sich sogar...

Wie von Geisterhand wird in sechs verlassenen Toiletten eines noblen Hamburger Kontorhauses morgens um halb acht die Spülung betätigt, fünfmal innerhalb von 30 Minuten. Um die Mittagszeit geht es wieder los. Ein paarmal noch am Nachmittag. Und am Abend sicher siebenmal.

Einige Tage lang geht das so, dann kommen Herren und Damen in Weiß, stecken ihre Nase durch eine kleine Luke in jeder der Klokabinen und atmen tief ein. Was hier getestet wird, im computergesteuerten Spülrhythmus einer vierköpfigen Familie, sind zwar nur ganz banale WC-Gels, doch der Duft, um den es geht, ist der Duft der weiten Welt.

Mit 1,14 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2004 und Niederlassungen auf fünf Kontinenten ist die Firma Symrise einer der vier größten Global Player in der Duft- und Geschmackstoffherstellung, einer ebenso profitablen wie verschwiegenen Branche. Bei Symrise entstanden nicht nur Parfüms wie "L'Instant" von Guerlain und "1881" von Cerruti; das Unternehmen entwickelt auch Duftnoten für Weichspüler und Shampoos sowie Aromen für Tomatensuppen und Erdbeereis. Kein Tag vergeht, an dem man nicht irgendwo ein Symrise-Produkt riecht oder schmeckt, angefangen beim Zähneputzen über das Frühstücksmüsli bis zum letzten Kartoffelchip am Abend.

So, wie sich die Käufer technischer Geräte oft durch das Design der Hülle verleiten lassen, werden Kaufentscheidungen bei kosmetischen Produkten zunehmend über die Nase getroffen. Das gilt längst nicht nur für teure Parfüms und Kosmetika, sondern auch für WPR, wie die Dufthersteller den Riesenmarkt der Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel nennen. Es betrifft erst recht die Körperpflege. "Hier herrscht ein reiner Verdrängungswettbewerb", sagt Martin Säger, der Marketing-direktor von Symrise, "die Leute duschen ja nicht plötzlich öfter, nur weil es ein neues Duschgel gibt."

Trendbüros und Marktstudien

sollen dabei helfen, den Zeitgeist aus der Luft zu filtern, doch Duftmoden sind derzeit schwieriger denn je vorherzusagen. "Hochriskant, unberechenbar", nennt Säger das Gewerbe. "Wir leben im Zeitalter des parfümistischen Pluralismus", bestätigt Marc vom Ende, einer der sieben Duftkreatoren des Hamburger Entwicklungszentrums. Fruchtig-blumige Noten stehen neben so genannten Florientals, Gewürznoten wie Muskat und Ingwer tauchen neben Düften wie Zedernholz auf. Ausgedient dagegen haben die wässerigen Düfte der Neunziger, wie etwa "Eau d'Issey".

"Vielleicht könnte man sagen, dass es wieder in Richtung der lauten Düfte geht", sagt Martin Säger. Laut? "Ja, wie in den 80er Jahren: "Opium", "Poison", "Lulu". Als man fünf Stunden später noch riechen konnte, wenn eine Frau im Raum gewesen war."

Laut wird es demnächst wohl auch im Waschkeller: Der "Trickle-Down-Effekt" sorgt dafür, dass sich erfolgreiche Parfüms irgendwann als Duftnoten in Geschirrspülmitteln wiederfinden. Von Haute Couture bis Klostein dauert es zwei bis drei Jahre, bei Duschgels geht es schneller. "Ein Duschgel darf jedoch nicht wie Scheuermilch riechen", schränkt Martin Säger ein. Umgekehrt gilt: Wenn eine Scheuermilch zu "schön" riecht, traut man ihr nicht genug zu. Also werden strenge Chemiestoffe wie Zitrusnitrile eingesetzt, die nach Kraft und Effizienz duften.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, neue Duftrichtungen zu entwickeln, die noch nicht "gelernt" sind. Als einige Kosmetikhersteller auf dem Höhepunkt der Wellnesswelle plötzlich weißen Tee als Wundermittel entdeckten, mussten die Odeur-Entwickler etwas erfinden, das so riecht, wie der Laie sich weißen Tee vorstellt. Martin Säger: "In so einem Fall setzt der erste Vermarkter regelrecht eine Duftmarke. Die Konkurrenz und die Konsumenten orientieren sich an dieser Vorlage." Meist wird assoziativ beduftet: Die in Shampoos eingesetzten Haferextrakte, die eigentlich nach gar nichts riechen, erhielten ein "brotiges" Aroma.

Von der Idee bis zur Marktreife

vergeht in der Regel ein Jahr, die meiste Zeit wird von Stabilitäts- und Markttests verschlungen. Längst nicht jede Duftnote zum Beispiel kann es mit den Aluminiumsalzen aufnehmen, die unerlässlich für Schweiß verhindernde Antiperspirants sind. Kopfzerbrechen bereiten den Entwicklern auch die neuen Powerreiniger für den Haushalt, deren aggressive Säurekombinationen jeden Duftstoff in die Knie zwingen. Dazu kommen noch EU-Restriktionen, die Allergene und schwer abbaubare Stoffe reglementieren. Dabei stehen gerade natürliche Stoffe wie Limonen, ein Bestandteil ätherischer Zitrusöle, ganz oben auf der schwarzen Liste.

Der Geruchsmarkt kommt gerade erst in Schwung. Der Trend zu "Air Care", wie Raumdüfte hier vornehm heißen, macht sich in Deutschland nur zögerlich breit, ist in den USA, Großbritannien und Japan aber bereits ein Riesengeschäft. Und wem dies alles zu viel wird, der findet ebenfalls Rettung im Symrise-Portfolio. Einer der Wachstumsmärkte der nächsten Jahre sollen so genannte Neutralizer werden, Geruchsfresser, die endlich wieder für reine Luft sorgen.

Meike Winnemuth / print
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