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Fashion Week sozial: Ein bisschen Straße für die Streetwear

Sie saßen im Knast, schmissen die Schule und haben manchmal üblen Unfug gemacht. Trotzdem hat die Marketingfrau eines Taschenherstellers die Teens und Twens aus Berlin Kreuzberg bei der Fashion Week auf den Laufsteg geholt. Kann das gut ausgehen? Und vor allem: für wen?

Von Johannes Gernert

Als die Nebelmaschine angeht, steht Amina ganz vorne, die Spitzen ihrer rosa Pumps berühren die Plastikfolie des Laufstegs. Aus dem Saal wabert Bass hinter die Bühne. Der kleine Backstage-Bildschirm neben ihr wird schwarz, dann sind die vollen Zuschauerreihen im Zelt der Fashion Week zu sehen. Weißes Licht. Ein kurzer Clip läuft auf einer Leinwand an. Der Koordinator mit dem Headset greift Aminas Arm. Nur noch ein paar Sekunden jetzt. Die Zuschauer müssen erst die Geschichte kennen, dafür ist der Clip da. Es ist ihre Geschichte, die von Amina, von Rabah, der hinter ihr wartet, die Nummer 5 auf dem Laufzettel, auch die von Diana, Nummer 12, und von all den anderen.

Es ist ihre Geschichte und es ist die von einem Label namens Eastpak. In der Schlange hinter ihnen zupfen Männer und Frauen in schwarzen T-Shirts an Haaren, hier noch eine Wolke Spray, da die Brauen nachgezogen. Der kurze Gang, der Amina vom Laufsteg trennt, liegt in weißem Dunst vor ihr. Gleich wird das Licht ausgehen, die Fanfaren werden ansetzen. Dann wird der Koordinator "Go!" sagen. Und Amina wird gehen. Kopf hoch, Schultern nach hinten. Die Schweinwerfer vor ihr werden strahlen, so hell als wäre das der Himmel - oder ein Filmset.

"Urban" und "authentisch"

Die Geschichte, die der Clip erzählt, während Aminas Oberarm in der Hand des Koordinators steckt, geht ungefähr so: Es war einmal ein Modelabel, bekannt vor allem für seine Rucksäcke, das sich selbst mit den Worten "authentisch" und "urban" beschrieb. Katja Eismann-Erler, die Marketingfrau dieses Labels, dachte, dass man diese Adjektive ganz gut unterstreichen könnte, indem man auf der Fashion Week keine richtigen Models laufen lässt, sondern Jugendliche, die viel Zeit auf der Straße verbrachten. Es ging ja um Streetwear. Sie fragte ihren Chef und die Leute von Gangway, die Sozialarbeit in vielen Berliner Bezirken machen. Alle waren einverstanden.

Also sitzt die Marketingfrau eine Woche vor der Berliner Fashion Week in einem Hotel in Mitte, neben ihr Elvira Berndt, die Leiterin von Gangway, außerdem eine Frau vom Senat, Boris Entrup, der Werbepausen-Make-Up-Artist von "Germany's Next Topmodel" und dazwischen auch Diana und Rabah. Auf dieser Pressekonferenz soll die Medienwelt erfahren, was Eastpak und Gangway bisher zusammen erlebt haben und was sie in der Modewoche noch erleben werden. Dafür wird derselbe Clip gezeigt wie später für die Fashion-Week-Zuschauer. Ein junger Mann tritt darin auf, der im Jugendknast gesessen hat. Auch Rabah ist gerade Freigänger, 21. Diana ist 19 Jahre alt und hat eine 20 Monate alte Tochter.

Promi, Mutti, Freigänger

Der Deal sieht so aus: Ihnen gibt das Projekt Selbstvertrauen, das Gefühl, dass sie etwas schaffen können. Es haben viele Workshops stattgefunden. Sie haben gelernt, sich zu präsentieren, pünktlich zu sein, dran zu bleiben. Sie haben Vorher-Nachher-Fotos gemacht und über ihre Körperhaltung nachgedacht. Eastpak bekommt dafür ein paar mehr Kameras hinter der Bühne als sonst, Fernsehbeiträge, Zeitungsartikel. Aufmerksamkeit. "Eine Win-Win-Situation", sagt Elvira Berndt von Gangway. Es haben alle was davon. Die Frau vom Senat sagt, dass man sich auch langfristig kümmern werde, mit Patenschaften. Was das bedeutet, fragt eine Journalistin. Das wisse sie noch nicht genau, sagt die Senatsfrau, sie habe sich das erst in der Nacht zuvor ausgedacht. Helfen irgendwie. Deshalb ist auch Boris Entrup dabei. Helfen sieht vor Kameras immer ganz gut aus.

Entrup ist für den Promi-Faktor zuständig, Rabah bringt ein bisschen Crime in die Sache und die Botschaft, das Bessern sich lohnt, Diana sorgt für den Human Touch. Es ist eine ziemlich professionelle Mischung, Zutaten für recht großes Kino. Die Dreharbeiten für das Happy End beginnen, als der Nebel langsam auf Amina, Rabah und Diana zuschwebt. Um sechs Uhr früh hat Eismann-Erler alle angerufen und geweckt. Ab 7 Uhr wieder: Proben.

Am Abend vorher hatten sie noch einen 28 Meter langen Eastpak-Teppich im Erdgeschoss eines Berliner Veranstaltungszentrums auf den Boden geklebt, daneben standen die DJs, die Gangway-Models liefen durch die Halle, blieben am Ende stehen, posierten vor einer Kamera, schwangen kurz die Jacken, setzten Rucksäcke ab und wieder auf. Eismann-Erler und ihre Leute liefen nebenher, gaben kurze Anweisungen, kleine Tipps. Niemanden verbiegen, alles ganz natürlich, so stellten sie sich das vor. Modeln bedeutet nicht: Man darf ganz wenig essen und muss total komisch laufen. Zumindest nicht bei dieser Eastpak-Show. Das haben sie von Anfang an erklärt. Eismann-Erler trug eine schwarze Jacke, kurze Pants, sah selbst ein wenig nach Model aus und vor allem sehr angestrengt.

Der Ohrring bleibt dran!

Sie hat extrem viel Zeit in dieses Projekt gesteckt, weil irgendwann klar wurde, dass die jungen Leute es nicht okay finden, wenn sie ihnen erst alles vorstellt und die Workshops mit den Grafittis, den Rap-Aufnahmen im Studio und dem Laufen und Schminken dann anderen überlässt. Es kommen also auch am Tag der Show alle zu ihr gerannt, in dem Gewusel hinter Bühne, zwischen Kleiderständern, Kameras, Make-Up-Artists und blinkenden Technik-Türmen: Darf ich den Ohrring weglassen, er tut so weh? Der blaue Ohrring, sagt Eismann-Erler, ist der Kontrast zu den rosa High-Heels. Der muss dran bleiben. Es ist doch auch nur kurz.

Die Amateur-Models sehen aus, als stammten sie aus dem New York der 80er oder aus einem Berliner Techno-Club. Pornosonnenbrillen, bunte Plastikgestelle, enge Windjacken, knappe Jeans, zwei Bonanza-Räder. Beim Umziehen stehen Kameramänner von RTL2, ProSieben und RTL an den Kleiderständern und halten die Linsen auf Teenagerinnenbeine und nackte Jungsoberkörper. Ein Gangway-Sozialarbeiter flucht vor sich hin, dass das nicht okay sei. Aber es ist jetzt alles nicht mehr zu ändern. Rennen, Schuhe aus, in Hosen hüpfen, T-Shirts überstülpen, Jacken, weiterrennen. Welche Hose noch mal zuerst? Wo ist Hamer? Auf dem Klo! Holen, schnell, ruft der Koordinator mit dem Headset. Nur einer ist nicht gekommen heute, trotz des Weckanrufs um 6 Uhr. Ein einziger. Alle anderen sind da.

Vielleicht ein bisschen mehr Selbstbewusstsein Sie wissen, wie sie laufen müssen, das haben sie am Abend vorher gezeigt. "Ja, wir hams geschafft, ihr habt's geschafft, alles ist gut", hat Eismann-Erler gerufen, ehrlich erleichtert. Die Sozialarbeiter und ein halbes Dutzend PR-Leute von zwei verschiedenen Agenturen haben geklatscht. Es war wie eine gelungene Probe fürs Happy End. "Und morgen machen wir's noch richtig geil."

Rabah und Diana haben an dem Abend schnell wieder normale Sachen angezogen. Rabah sein weißes, fliehendes Hemd, die weiße Stoffhose, die weißen Schuhe. Diana ihre Jeans und die Nike-Sneakers. Die beiden zeigen, wie unterschiedlich man mit diesem Auftritt umgehen kann. Diana sagt, dass sie nicht mehr läuft wie 'ne Oma. Das sei ihr früher gar nicht aufgefallen. Was sich sonst verändert hat? "Ich bin ja trotzdem nicht weltberühmt, sag' ich ma." Vielleicht ein bisschen mehr Selbstbewusstsein.

Rabah, der im Knast nicht nur angefangen hat zu lesen, "Der Pate", "Wir Kinder von Bahnhof Zoo", sondern auch zu rappen, hat jetzt einen Manager. Ein junger Mann mit sehr kurzen Haaren, der einem erzählt, wie er Rabah in einem Imbiss kennen gelernt hat, wie der zu ihm nach Hause kam, ihm vorgerappt hat, wie er begeistert davon war und gesagt hat, dass das Wahrheit ist, authentisch, und dass sich die Claudia, die in Dresden sitzt, von Rabah angesprochen fühlen soll. Im Hauptberuf ist Rabahs Manager bisher vor allem Kellner. Das passiert oft, sagt Elvira Berndt, die Gangway-Leiterin. Dass in solchen Momenten jemand kommt und sagt: Ich bring' dich groß raus. Da ist mit einem Mal so viel Hoffnung.

Der Nebel, die Scheinwerfer. Um kurz nach 10 lässt der Koordinator Aminas Arm los und sie geht. Die Leute draußen, die gerade noch den Clip gesehen haben, applaudieren fast nach jedem Model-Pärchen. Das gibt es sonst nicht bei der Fashion-Week. Rabah muss seine Lippen auf dem Laufsteg manchmal fest zusammenkneifen, damit er nicht grinst. Immer wieder dieser Applaus. Dann läuft Tarkan raus, der Breakdancer, macht einen Salto, ein paar Tanzschritte, stellt sich auf die Hände und strampelt mit den Füßen, bleibt so stehen, die Füße in der Luft, viel länger als in den Proben. Ein ewiger Moment. Hinter der Bühne beginnen sie zu klatschen, Rabah, Diana, die Make-Up-Artists, die Umziehilfen und Kameraleute. Tarkan strampelt immer weiter. Sie applaudieren und jubeln, alle zusammen, im Saal und Backstage. Ein Win-Win-Augenblick.

Als die Show vorbei ist, wird es noch viel lauter. "Go, go, go, go, go", schreit der Koordinator und scheucht alle Gangway-Models auf die Bühne. Ein, zwei, drei Mal. "Wuhuhu", ruft Boris Entrup. Diana kommt vom Laufsteg, die Augen euphorisiert. Rabah bemüht sich, cool zu schauen. Aber da zuckt immer wieder dieses Grinsen in sein Gesicht.

Ob das Gangway-Projekt fortgesetzt wird, werden sie in Ruhe entscheiden müssen, sagt die Marketingfrau von Eastpak. Rabah steht währenddessen draußen vor dem Fashionweek-Zelt, vor einer Kamera. Diana hat drinnen ihre Tochter auf dem Arm. Am nächsten Tag wird sie in die Schule gehen, Mittlere Reife nachmachen. Er hat einen Termin im Studio.