HOME

Glosse: Erdbeeraldhedydsocken und Zimtaldehydlatschen

Wirkstoffe in Textilien werden immer verbreiteter. Zusatzchemikalien sollen vor Insektenstichen schützen oder die Durchblutung anregen. Doch "intelligente" Kleidung ist manchmal unberechenbar.

Von Heike Sonnberger

Frau Schmitz ist meine Nachbarin. Sie wohnt einmal über den Korridor - und ist meistens mies gelaunt. Lächelt nicht, redet kaum, grüsst nur kurz. Deshalb war ich auch so überrascht, als sie mir neulich strahlend wie eine Halogenleuchte im Supermarkt begegnete.

"Ach, wissen Sie", trällerte sie. "Ich habe neue Socken. Vom Isemarkt in Eppendorf. Und die duften! Nach Erdbeeren...", raunte sie mir zu. Ich grinste schief und eilte davon, bevor sie ihre Schnürsenkel lösen konnte, um mich mal schnuppern zu lassen.

Zwei Tage später traf ich sie an den Müllcontainern. In Strohsandalen. Ohne Socken. "Riechen Sie das?", fragte sie mich. Ich atmete den süßlichen faulen Dunst der Biotonne ein. "Nein, meine San-da-len!", sagte Frau Schmitz. "Das sind Zimtlatschen. Aus Vietnam." Ich knallte die Mülltonne zu und ergriff die Flucht.

Am nächsten Morgen liefen wir uns bei den Trocknern im Keller über den Weg. Sie zog gerade ein gelbes Höschen aus der Trommel. "Meine Unterwäsche duftet neuerdings nach Vanille."

Seit gestern morgen strahlt Frau Schmitz nicht mehr. Ist immer in Eile. Im Hof tritt sie beim Blumengießen auf der Stelle und kratzt sich oft am Hintern. "Sie ist allergisch", verrät mir der Hausmeister. "Gegen Erdbeeraldehyd, Zimtaldehyd und gegen 4-Hydroxy-3-methoxy-benzaldehyd." Er zuckt die Schultern. Ich nicke wissend.

Themen in diesem Artikel