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Karl Lagerfeld und die Magermodels: Dicke Muttis, schneidet Puderzöpfe ab!

Frauen freuen sich über die "Brigitte"-Aktion mit den "normalen" Models. Karl Lagerfeld wendet nur seinen bezopften Schopf ab. Zeit für einen Putsch gegen den Modezar und andere Mager-Fetischisten.

Von Sophie Albers

Eigentlich ist es doch eine Lachnummer: Ein Männchen mit Stehkragen, Handschuhen und gepudertem Zopf, rein beruflichem Interesse an Frauen und flexiblem Geburtsdatum gilt vielen als Gradmesser dessen, was schön ist, wie die Frau von heute aussehen und vor allem, wie viel sie wiegen sollte.

Nachdem die Frauenzeitschrift "Brigitte" beschlossen hat, gegen den Magerwahn Stellung zu beziehen, indem sie in Zukunft "normale Frauen" an Stelle von Magermodels engagiert, pöbelte Karl Lagerfeld, der mit dem Puderzopf natürlich gemeint ist, dass die Diskussion über magersüchtige Models "absurd" sei. "Da sitzen dicke Muttis mit der Chipstüte vorm Fernseher und sagen, dünne Models sind hässlich." In der Welt der schönen Kleider wolle einfach niemand "runde Frauen" sehen, so der Modezar, der übrigens Anfang des neuen Jahrtausends selbst innerhalb von einem Jahr 42 Kilo abgenommen hat.

Erste Diät mit Zwölf

Jede Frau bei Trost würde kurz lachen und dem Männchen in seiner Welt der schönen Kleider alles Gute wünschen, doch gibt es da ein Problem. Und zwar die Mädchen, die noch nicht im Stadium der Frau bei Trost angekommen sind.

Laut Studien im Auftrag der Jugendzeitschrift "Bravo" sind gerade mal die Hälfte der 11- bis 17-Jährigen in diesem Lande zufrieden mit ihrem Gewicht. 42 Prozent der 14-Jährigen haben bereits eine Diät hinter sich. 80 Prozent der Heranwachsenden sind davon überzeugt, dass Beliebtheit und Gewicht zusammenhängen. Wobei die Beliebtheit bei Gewichtsverlust zunimmt. Essstörungen sind in der Pubertät nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Allein um diese Mädchen - und zunehmend auch Jungs - muss es gehen. Geht es aber nicht.

"Die wissen das doch"

Frühjahr 2008, Cannes. Die Sony World Photography Awards werden zum ersten Mal verliehen. In einem Hinterzimmer sitzen die bekanntesten Fotografen der Welt zusammen - von Martin Parr bis Rankin, ein paar Galeristen und Verleger sind auch dabei. Die Presse wird nach 20 Minuten rausgeschmissen. Denn hier geht es ums Eingemachte: um Copyright, aber auch um Bildmanipulation. Und der erschreckende Satz, der völlig nebenbei fällt, aber klar macht, was hier eigentlich los ist, stammt von einer Dame von der "Vogue": "Natürlich wissen die da draußen, dass die Bilder manipuliert sind."

Die da draußen sind die Mädchen und Frauen, auf die die Arbeit der Fotografen und Magazine mit ihren zurechtgehungerten und zurechtretuschierten Geschöpfen zielt. Bevor die Tür sich schließt, ist noch ein Fotograf zu hören, der sagt: "Nein, sie wissen es nicht." Und er hat Recht, sagt Claudia Engel, Sprecherin vom Therapienetz Essstörungen Anad, das unter anderem magersüchtigen Mädchen hilft, wieder essen zu lernen.

Aussehen wie Victoria Beckham

Die Mädchen "wollen aussehen wie die Stars", sagt Engel. "Wie Victoria Beckham. Dann bekommen sie tolles Feedback, und dann kommen sie da nicht mehr raus." Bei Anad freue man sich über die "Brigitte"-Aktion, so wie man sich auch über die realgewichtigen Models der Körperpflegemarke Dove gefreut habe. Weil "die Mädchen sich daran orientieren".

Dann gibt Engel ihr Lieblingsbeispiel für die Macht der Bilder: "Die Leute sagen 'Toll, dass die bei Dove übergewichtige Menschen als Models nehmen. Dann sage ich 'Wieso, das sind normalgewichtige Frauen'." Weil die Bilder der Insektenmädchen überall sind, glauben wir bereits, sie seien normal. Wenn man nur von extrem Dünnen umgeben ist, ist Normalgewicht schon fett. So sehr habe sich das bereits verschoben, sagt die Anad-Sprecherin.

Vielleicht ist das ja das Problem. Lagerfeld und seine Kollegen, die ihre Kreationen am liebsten an knabenhafte Körper hängen, haben einen Knick in der Pupille. Und deshalb ist es an der Zeit, dass sich nicht die Menschen der Mode, sondern die Mode den Menschen anpasst. Für die ist sie doch eigentlich auch gemacht.

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