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Mailänder Modewoche: Beyoncé riecht nach Kommerz

Seine neue Kollektion wollten die Zuschauer von Altmeister Giorgio Armani in Mailand sehen. Stattdessen bekamen sie minutenland eine wohlriechende Beyoncé präsentiert. Kommerz statt Mode scheint das neue Zauberwort der Designer zu sein.

Von Mareile Grimm, Mailand

"Beyond Trends" stand in großen Lettern am Ende des Laufstegs bei Emporio Armani geschrieben - "Jenseits der Trends". Und worum es dem italienischen Altmeister jenseits von Farben, Formen und Rocklängen in der kommenden Frühjahr-/Sommer-Saison vor allem geht, wurde den Zuschauern seiner Show am Mittwoch vergangener Woche auf ungewohnt eindeutige Weise demonstriert: Es geht ums Geschäft, ums Geld, und das wird bekanntlich weniger über die Kleider der Designer, als über deren Parfüms verdient. Und so mussten sich die angereisten Journalisten und Einkäufer dann auch als erstes einen minutenlangen Werbespot für Armanis neues Parfüm "Diamonds" anschauen, in der Hauptrolle: Popstar Beyoncé Knowles, die den berühmten Marilyn Monroe-Song in einer etwas gewöhnungsbedürftigen Bling-Version darbot.

Wenige Stunden später dann dasselbe Bild beim Gucci-Défilée: Auf einem dutzend Bildschirmen wirde das Making-Of, danach der Spot des neuen Gucci-Parfüms gezeigt, Regie: Hollywood-Größe David Lynch, immerhin. Blutjunge Mädchen mit wollüstig geschürzten Lippen, auf eine Chaiselongue gegossen, der Körper bebend, der Blick vernebelt. Ekstase zum Aufsprühen, das soll wohl die Message sein. Als am darauffolgenden Tag dann auf den Sitzen des Dolce & Gabbana -Theaters in der Viale Piave vor Showbeginn ebenfalls ein Parfum-Flakon steht, scheint klar, was die von der Decke hängenden Bildschirme zu bedeuten haben. Aber, oh Wunder, welch Glück: Domenico Dolce und Stefano Gabbana sind einzig und allein an der Kunst interessiert! In einem Video wird die Inspiration ihrer Sommerkollektion offenbar: Es geht um Malerei, um freie Pinselstriche, die sich zu Ornamenten und Blüten formen - Julian Schnabel's Bilder im Gramercy Park Hotel in New York hätten sie tief beeindruckt, erzählt das Duo später beim Abendessen. Wie schon im Vorjahr luden die beiden einen erlesenen Kreis von Freunden (darunter Topmodel Naomi Campbell, Fotograf David LaChapelle und Hollywood-Schauspielerin Rose McGowan) und Geschäftspartnern in ihr Restaurant "Gold". Champagner und Schokolade mit Blattgold statt plumper Werbebotschaften - es gibt also noch Hoffnung für das italienische Dolce Vita!

Was Mailands Modewelt sonst noch bewegte, bzw. bremste: der Verkehr. Das Wetter. Anna Wintour. Weil alle ständig und stundenlang entweder im Stau oder Regen standen, wünschte sich so mancher die Präsentationen für die Zukunft komplett in die Fiera, die Mailänder Messe. Dort sind bislang nur in den Vormittagsstunden Défilées zu sehen, am Nachmittag und Abend quält sich die Fashion-Karawane durch enge, überfüllte Straßen quer durch die Stadt. Einzig Anna Wintour, Chefredakteurin der US-Vogue und bestgehasste Modemächtige (sie hat mit der Ansage, sie komme nur vier Tage nach Mailand, dafür gesorgt, dass der Schauenkalender endgültig kollabierte) scheint Mittel und Wege gefunden zu haben, den Mailänder Verkehr zu teilen wie Mose das Wasser: Akkurat gefönt, gescheitelt und wie immer bevorzugt in Prada gewandet, nahm sie ungerührt vom allgemeinen Trubel ihren Platz in den ersten Reihen aller wichtigen Shows ein. Von Hektik kein Spur, warum auch: Erst wenn der Teufel sitzt, kann die Show beginnen.