Messe Bread & Butter Brot und Spiele an der Spree


Von der Nischenveranstaltung zum Lifestyle-Event: Binnen zwei Jahren hat die Messe Bread & Butter Berlin als Modestadt etabliert.

Als sie im vergangenen Sommer in Berlin zusammenkamen, die Einkäufer und die Modeleute, da war vor allem von der "guten Stimmung" die Rede. Kaum ein Besucher, der nicht "den Optimismus" spürte und ins Schwärmen geriet über "die Kreativität dieser Stadt". Die Modemesse "Bread & butter" verwandelte die kargen Industriehallen der ehemaligen Siemens-Kabelwerke in Spandau in ein gigantisches Lifestyle-Areal. Außen im Luna-Park feierte ein junges, szeniges Publikum den einfallenden Sommer, in den Hallen drängten sich 30 000 Fachbesucher zwischen 600 Streetwear- und Denimkollektionen - ein neuer Rekord. Die exklusivere, zweitgrößte Berliner Messe "Premium" hatte vor dem Zelt am Potsdamer Platz einen kleinen Strand aufgeschüttet, und im Tunnel der U5, der so genannten Kanzler-U-Bahn, konnte man jungen Einkäuferinnen in verspielten Outfits beim Bestellen zusehen. Ein wenig Dolce Vita, ein wenig Geschäftemachen: Berlin auf dem Weg zur Modestadt.

Ganze acht Modemessen werden am kommenden Wochenende in der Stadt sein und die Winterkollektionen 2005/06 präsentieren: Sie reichen von Skaterwear über Gothic und Rock bis hin zu den letzten Ausläufern des Trash-Looks, der einmal als typisch für die Berliner Modeszene galt. Die Bread & butter zeigt so genannte Urbanwear, die Premium vereint hochwertige nationale und internationale Modemacher. Berlin, so scheint es, hat sich nach zwei Jahren Messegeschehen als Modestandort etabliert. Mit der neuen Messe "B-in-Berlin" kommt nun auch das mittlere Marktsegment in die Stadt - vom soliden Business zum vibrierenden Metropolenflair. Die "Luxury Trade Show Berlin" zeigt internationale Prêt-à-porter-Kollektionen. Es herrscht also erstmals ein Hauch Paris am Pariser Platz.

"Late Followers", so nennt Karl-Heinz Müller die Nachzügler. Zusammen mit Wolfgang Ahlers und Kristyan Geyr hat er die Bread & butter gegründet. Das war im Juli 2001 in Köln, seither haben die drei eine beeindruckende Erfolgsgeschichte geschrieben. Als Nischenmesse, "Offshow for Selected Brands", fand die Bread & butter mit 60 Streetwear-Labels parallel zur etablierten Herrenmodewoche/Interjeans statt. Die Kölner Messe sollte vor allem ein Event sein, eine Plattform für die vielbeschworene "Community of brands" - eine Markengemeinschaft, flan- kiert von DJs, Catering und Partys. Das Konzept ging auf, nach drei Saisons entschied man sich für einen neuen Ort: Berlin. Die Branche war in heller Aufregung, gab den jungen Wilden und ihren Visionen kaum Überlebenschancen.

Die Kritiker von damals sind leise geworden, denn längst ist die Bread & butter zu einer eigenen Marke avanciert. Die drei Messemacher pflegen die Corporate Identity bis hin zur Schiebermütze und dem Bread & butter-Siegelring. Aus anfangs 250 vertretenen Marken sind über 600 geworden, darunter große Namen wie Boss, Tommy Hilfiger, Levi's und Lee. In diesem Jahr wird es erstmals auch eine Womenswear-Messe namens "Milk & honey" geben. Unter dem Motto "All she wants today" präsentieren über 80 Marken Kleidung und Accessoires für die "moderne Frau". "Aroma DJs" treten an, um "ein weicheres, feminines Ambiente" in den Hallen heraufzubeschwören. Das ist es also, was Frauen zukünftig zu Kaufentscheidungen bewegen soll?

"Stagnation ist Rückschritt"

, sagen die Messemacher. Und Gewöhnung ist nun wirklich das Letzte, was ein Unternehmen braucht, das seine Zielgruppe als die "Hipsten überhaupt" bezeichnet. Für die, die sich am schnellsten bewegen, müsse man immerfort agieren, statt zu reagieren, behaupten sie. Eine noch internationalere Ausrichtung sei nun wichtig. Und deshalb geht die Bread & butter ab Sommer 2005 auf Tour durch Europa. Erste Station: Barcelona. Die Veranstaltung in Berlin soll dennoch bleiben - kleiner, nationaler, "businessorientierter". Aber was bedeutet es für Berlin, wenn das neue Markenzeichen gleich wieder fremdgeht?

"Berlin als Modestadt tut das keinen Abbruch", sagt Wirtschaftssenator Harald Wolf. Die Bekleidungsindustrie der Stadt hat im Jahr 2003 einen Umsatz von 102 Millionen Euro gemacht. An die einstige Bedeutung der Konfektion im Berlin der 20er Jahre komme man damit zwar noch nicht wieder heran, doch die Mode habe sich zum Standortfaktor entwickelt. Jetzt gilt es, die Verbindung auszubauen, selbstverständlicher werden zu lassen. Man sei bereits mit Düsseldorf wegen der Ansiedlung von Showrooms im Gespräch, heißt es noch aus dem Senat. Einige seien ohnehin schon nach Berlin abgewandert, was die Modeplattform Düsseldorf zunehmend unter Druck setzt. "Die CPD hat einen Einbruch erlebt", musste Margit Jandali, neue Geschäftsführerin der Firma Igedo, die die Düsseldorfer Messe veranstaltet, bereits im vergangenen Herbst gestehen. Für die kommende Saison setzt man deshalb auf neue Konzepte und präsentiert unter dem schmissigen Motto "Design vom Rhein" neben etablierten Designern nun auch junge Gesichter.

In Berlin hingegen wird derzeit eine Doppelstrategie verfolgt: Berliner Modemacher fördern und internationale Einkäufer und Designer in die Stadt holen, lautet die Devise. "Obwohl Düsseldorf für uns nach wie vor ein wichtiger Standort ist, haben es Bread & butter und Premium geschafft, dass sich die internationale Aufmerksamkeit auf die deutsche Modeszene richtet", bestätigt Strenesse-Chef Gerd Strehle, der mit zwei Kollektionen auf der Premium vertreten ist. "Das hätte so in keiner anderen Stadt funktioniert." Außerhalb des Messegeschehens ist eine neue Fashion-Vertriebsstruktur entstanden, etwa im Berlinomat, wo Inhaber Jörg Wichmann 120 Labels präsentiert. Demnächst ist eine Miniaturversion des Designer-Kaufhauses als Shop im Shop in den Galeries Lafayette in Paris zu sehen: 40 Quadratmeter Berlin in Paris.

Auch im Laden von Andreas Murkudis finden sich zahlreiche Berliner Designer. Nur sieht man es den poetischen, handwerklich präzisen Entwürfen von Pulver oder Frank Leder nicht an. In Galerieatmosphäre hängen sie neben Martin Margiela und der Yamamoto-Linie Y3 von Adidas. "Machen Sie das alles selbst?", fragen bisweilen Touristen, wenn sie sich auf der Suche nach den Hackeschen Höfen zu Murkudis verirren. Das Bild vom geruhsam werkelnden Hinterhofschneider ist langlebig. Die wenigsten ahnen, dass manch einer der jungen Modemacher gerade den japanischen Markt erobert. Doch auch Entwürfe, die an das erinnern, was einmal als Mode aus Berlin galt, gibt es noch. Am Wochenende werden 36 Berliner Labels bei der Messe "Berliner Klamotten" vertreten sein. Neben professionellen Designern sind auch gute Anfänger dabei. Es gibt sie also noch, die Berliner Nische. Aber die Nische lernt das Verkaufen.

Katrin Kruse print

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