Nie wieder ... ... Ponchos


Kälte macht uncool. Aber so schlimme Auswüchse wie in diesem Jahr brachte sie selten hervor. Modische Wollwickel sind die Plage des Winters.

Ernst zu nehmende Modemacher wie Michael Kors, Marc Jacobs und Jean Paul Gaultier zeigen ambitionierte Laufsteg-Modelle. It-Girls wie Sienna Miller und Kate Moss tragen ihn zu Jeans in Stiefeln. Mal ist er bunt, mal weiß wie Neuschnee, mal versuchen wilde Muster oder folkloristisch anmutende Bommel von seinem willenlosen Design abzulenken. Spinnenwebartig überrankt der Poncho, das Hippie-Accessoire der Siebziger, unzählige Frauenschultern. "Wrap up! Keeping warm, but staying cool", lautete die Parole, die Englands Modepäpstin Suzy Menkes vor sechs Jahren ausgab, als die erste Welle der Wollhänger zu uns herüberschwappte. Doch wie, bitte schön, hat man sich das vorzustellen? Sich einwickeln, aufwärmen und cool darin aussehen? In Wahrheit wirkt der Poncho doch stets wie ein modisches Versehen. Eine Verlegenheitslösung. Ein vorübergehender Zustand. So, als sei man nach Feierabend von jemandem überrascht worden und hätte, eingewickelt in seine Fernsehdecke, arglos die Tür geöffnet. Kann passieren, geschenkt. Doch seinen Mitmenschen absichtlich und an öffentlichen Plätzen den Anblick einer zur Schau getragenen Fernsehdecke zuzumuten, das geht zu weit. Zumal die etwas preisgünstigeren Modelle nach den ersten Herbststürmen grundsätzlich wie ein totes, nasses Tier aussehen - und entsprechend muffen. Das Fledermausige, sonst nur auf Halloween-Partys zu Hause, ist zur allgegenwärtigen Silhouette geworden. Wer versucht, die wärmende Extraschicht unter der Jacke zu tragen, gibt schnell wieder auf. Wer wirkt schon gern wie eine wandelnde Tonne mit zwei Zipfeln?

Nie hat man so viele eingeklemmte Zottelfransen gesehen

Dabei hat das Webstück eine durchaus würdige Geschichte: In den Anden, von Indiovölkern mit allerlei komplizierten Farbverläufen versehen, galt der Poncho über Generationen als Statussymbol, das nur Adligen und Kriegern vorbehalten war. Auch in den nebligen Graslandschaften im Westen Chinas, wo Nomadenfrauen mit dunklen Zöpfen in rustikalen Yurten ihren Yakbuttertee ausschenken, hatte er fraglos seine Berechtigung. Im tristen Grau heutiger Innenstadtmeilen jedoch ruft der Wollwickel unweigerlich ungute Assoziationen an Panflötenspieler in Fünfergruppen hervor. Wären wir Viehhirten in der argentinischen Pampa - der Poncho wäre uns Matratze, Teppich und wärmender Überwurf in der Schlafstätte. Ein echter Freund also. Doch in unseren Breitengraden haben wir Betten. Und es gibt ganz sicher andere Hüllen, die uns besser vor Wind und Kälte schützen. Und die weniger gefährlich sind. Denn egal, ob in der Naturversion mit farbenfrohem Rentiermuster wie bei Marc O'Polo oder als Luxusvariante des fluffigen Cashmere-Capes bei Bottega Veneta, nie hat man so viel eingeklemmte Zottelfransen gesehen - in Fahrradspeichen, Einkaufswagen oder Autotüren.

Was mag all diese Frauen bewegen? Jene, die ihre moosgrünen Modelle in Medienkantinen ausführen? Oder die Fraktion in Extremfarben - von Pink bis Neongelb? Ist es ein neues, fehlgeleitetes Selbstbewusstsein, das sie zu den Krautwickeln der Haute Couture greifen lässt? Oder hoffen sie, der Russenkälte mit einer Art "Summer of Love"-Hitzewallung trotzen zu können? Gruppensex, Gras rauchen, Klotüren aushängen - das Hippie-Feeling meinte ja auch eine radikale Freiheit in der Mode. Die Devise: Alles erlaubt, solange es ein Look ist.

Zum Glück wird sich das Thema Poncho zum Sommer wohl von allein erledigen. Eines hat der Mix aus Winnetous Umhang und Omas Wolldecke aber auf jeden Fall gezeigt: Auch It-Girls irren.

Viola Keeve print

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