Silver Ager Die reiche Haut ab 50


Die Kosmetikindustrie hat eine neue Zielgruppe entdeckt und rührt nun auch Cremes für sogenannte Silver Ager an.

Wer in den Siebzigern bewusst am Fernsehprogramm teilnahm, sieht den kurzen Werbefilm noch vor sich: Marika Rökk, im Tanzkleid auf der Bühne, das Bein überhüfthoch - eine Creme anpreisend, die für damalige Mittfünfzigerinnen wie gemacht war. Mit "Hormocenta" sollte auch die reifere Haut eine Zukunft haben. Vorübergehend. Dann tat die Marke, was alle taten: Sie verjüngte sich und verlor die Zielgruppe der Alten aus dem Blick.

Jetzt aber wurden die lange vernachlässigten "Coregatubbies" aufgepeppt zu "Silver Agers", und die sollen tief ins Portemonnaie greifen. In drei Jahren wird mehr als ein Drittel der Konsumenten in der westlichen Welt älter als 50 sein. Experten rechnen mit 15 Prozent Gewinneinbußen bei Unternehmen, die es verpassen, diese Käuferschicht zu erreichen. Deshalb kümmern sich nun auch Kosmetikfirmen intensiver um Falten von Frauen, die "schon ein bisschen länger jung sind", wie es in der Branche gern heißt.

Die Firma Lancôme näherte sich der neuen Zielgruppe, indem sie 10 000 Frauen von 60 aufwärts befragte. Ergebnis: "Sie stehen zu ihren Falten, akzeptieren aber nicht, dass ihre Gesichtszüge erschlaffen", sagt Marketingchefin Ute Eisele. Und so gibt es nun offiziell: die Haut ab 60. Für sie hat der US-Hautforscher Peter Elias im Auftrag von Lanc™me den Begriff "Dermo-Porose" erfunden: "Ab 60 kann die Haut Kalzium nicht mehr so gut aufnehmen. Sie wird geschwächt und brüchig." Cremes wie "Platinéum" sollen das Problem lindern; der 50-ml-Tiegel im Silberlook kostet satte 140 Euro.

Macht nichts: Die Kaufkraft der 50plus-Generation ist enorm. Gut die Hälfte der deutschen Vermögensbestände befindet sich in ihren Händen. Monatlich können sie rund zwölf Milliarden Euro verjubeln. 45 Prozent von ihnen scheinen nichts von sparsamer Lebensweise und Enkel-Sponsoring zu halten. Sie geben ihr Geld lieber für sich aus.

Auffällig ist: Für L'Oréals "Age-Re-Perfect Pro-Calcium" in mattem Gold wirbt in den USA die Schauspielerin Diane Keaton, 60, in Europa die einstige Aerobic-Vorturnerin Jane Fonda, 68. Auch der Kosmetikriese Revlon setzt auf ältere Stars: Für das "Age Defying Makeup" zeigt die Schauspielerin Susan Sarandon, 60, ihr Gesicht. Es kommt aber nicht allein auf die Botschafterin an. Auch auf der Jagd nach neuen Wirkstoffen erscheint den Firmen für die reichen Reifen kein Weg zu weit. Auf den Glorieuses-Inseln im Indischen Ozean entdeckte der französische Kosmetikforscher Daniel Jouvance eine Mikroalge: Symbiodinium. Sie lebt in Symbiose mit einer tierischen Koralle, hilft ihr beim Atmen, versorgt sie mit Nährstoffen, erhöht ihre Widerstandskraft. In der Creme "Symbiocéa" soll die Alge der Haut neue Festig- und Feuchtigkeit spendieren.

"Pigmentflecken sind es, die das Alter verraten", sagt Silvia Troska, Geschäftsführerin der Firma Alessandro, die eine Handcreme gegen Altersflecken auf den Markt gebracht hat ("Hands!Up Anti Spot", 30 ml, 20 Euro). Nivea rückt den Flecken mit "Perfect Teint" zu Leibe, einem Korrekturstift und einem Serum mit Dioicsäure, welche die ungleiche Verteilung von Melanin in den oberen Hautschichten bremsen soll.

Findige Kosmetikentwickler haben längst das nächste Opfer des Verfallsprozesses ausgemacht: die Haare. Seidenproteine und Akazienextrakte waschen reifes Haar geschmeidig ("Revité" von Guhl). Und in Japan verkaufen sich Kuren hervorragend, die das Spannen der Kopfhaut im Alter mindern ("Age Recharge", Kérastase, 30 Euro).

Von Kopf bis Fuß hat sich die Industrie schon auf Silver Ager eingestellt. Dabei kommt es bei der Hautpflege, sagt Hautarzt Christoph Liebich aus München, vor allem auf Hauttyp und -zustand an: "Eine Haut ab 50 oder 60 braucht nicht zwangsläufig andere Wirkstoffe als eine ab 40." Hormocenta, der einstige Pionier, jedenfalls hat sich aus dem Geschäft mit den "jungen Alten" ganz zurückgezogen: 2005 war ihr Aushängeschild noch Moderatorin Annabelle Mandeng, eine Frau von 34.

Carolin Lockstein print

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